Moral­fra­ge

Dr. Clau­dia Ger­des über Bil­der, die rea­lis­ti­scher als die Rea­li­tät sind

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● Im Herbst kom­men Samsungs neue 8K-fern­se­her auf den Markt: Da­mit kön­nen end­lich auch Nor­mal­sterb­li­che in klei­nen Wohn­zim­mern Mons­ter­bild­schir­me mit Zwei-me­ter-diagonale auf­hän­gen und se­hen vom na­hen So­fa aus im­mer noch schar­fe Bil­der. Aus Ih­rer Sicht ein ein­rich­tungs­tech­ni­sches Hor­ror­sze­na­rio? Die In­dus­trie ver­kauft es als Re­vo­lu­ti­on, denn das Kon­sum­rad muss sich un­auf­halt­sam wei­ter­dre­hen.

Da­bei sind die Fol­gen un­ab­seh­bar … Nir­gend­wo zum Bei­spiel nut­zen Män­ner Kos­me­tik­pro­duk­te so ex­zes­siv wie in Ko­rea. Kann es Zu­fall sein, dass ge­nau dort auch die schärfs­ten Mo­ni­to­re ge­baut wer­den? Fest steht, dass ab ei­ner ge­wis­sen Auf­lö­sung Na­h­auf­nah­men von Ge­sich­tern durch gro­ße Po­ren, Hau­t­un­rein­hei­ten und Fal­ten zu Mond­land­schaf­ten wer­den. In ei­ner durch und durch me­dia­li­sier­ten Ge­sell­schaft ei­ne Her­aus­for­de­rung für al­le, die auch in so­zia­len Me­di­en so per­fekt aus­se­hen wol­len wie die Stars des Ko­rea-pop oder der ko­rea­ni­schen Tv-se­ri­en …

Die im Fern­se­hen sind na­tür­lich mit 4K-ma­ke-up ge­schminkt. Gibt’s wirk­lich! Je hö­her die Auf­lö­sung, des­to fei­ner müs­sen die Farb­pig­men­te ge­mah­len wer­den – in den Mi­kro­be­reich. 4K-vi­sa­gis­ten kön­nen gar nicht mehr mit blo­ßem Au­ge schmin­ken, son­dern müs­sen das Er­geb­nis im­mer am hoch­auf­lö­sen­den Mo­ni­tor oder mit spe­zi­el­len Lu­pen kon­trol­lie­ren.

Nun ist au­ßer­halb von Ko­rea 4K ja eh noch Theo­rie. Und weil es nicht mal für die 4K-fern­se­her, die wir al­le schon ha­ben, aus­rei­chend auf­ge­lös­te In­hal­te gibt, ska­lie­ren Samsungs neue 8K-matt­schei­ben sie ein­fach – nicht durch pri­mi­ti­ves Hoch­rech­nen, son­dern durch künst­li­che In­tel­li­genz, wie es ein­drucks­voll heißt.

Al­so doch fu­tu­ris­ti­sche Must-ha­ves? Nur, wenn Sie sat­te 15 000 Eu­ro für das 85-Zoll-mo­dell hin­le­gen. Bei klei­ne­ren Ge­rä­ten er­kennt das mensch­li­che Au­ge den Un­ter­schied zwi­schen 8K und 4K bloß aus der di­rek­ten Nä­he – beim 65-Zöl­ler muss man auf ei­nen Me­ter her­an­rü­cken … Und sind denn schär­fe­re über­haupt auch per se schö­ne­re Bil­der? In der Film­bran­che nutzt man in­zwi­schen gern ana­lo­ge Ob­jek­ti­ve auf di­gi­ta­len Ka­me­ras, weil sie wei­che­re Bil­der er­zeu­gen. Das Hoch­jaz­zen der Tv-auf­lö­sung dient wohl doch eher da­zu, der al­ten Re­gel nach­zu­kom­men, dass der kom­plet­te In­halt je­des Elek­tro­nik­markts höchs­tens zehn Jah­re spä­ter schon längst auf der Schrott­hal­de lie­gen muss.

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