Moral­fra­ge

Dr. Clau­dia Ger­des will kei­ne Vir­tu­al-rea­li­ty-news

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● Ich schrei­be zwar nicht nur Print-, son­dern dau­ernd auch On­li­ne­ar­ti­kel. Aber als Jour­na­lis­tin bin ich wohl old­school. Der hei­ße Sch. . . ist Vr-jour­na­lis­mus. Kürz­lich er­schien da­zu so­gar das ers­te rich­tig amt­li­che deut­sche Hand­buch. Al­so auf zu neu­en Ufern? Al­le bie­ten schon ähn­li­ches an, ob ar­te oder »Süd­deut­sche«. Der WDR pro­du­zier­te letz­tes Jahr die 360- Grad-do­ku­men­ta­ti­on »In­si­de Au­schwitz«, bei der man das KZ mit Zeit­zeu­gin­nen be­sucht. Die Zdf-kin­der­nach­rich­ten­sen­dung »lo­go!« fer­tig­te VRBei­trä­ge bei den Ro­hin­gya in ei­nem der größ­ten Flücht­lings­la­ger der Welt an. Die Me­di­en müs­sen sich was ein­fal­len las­sen, um jun­ge Leu­te an­zu­lo­cken.

Dass die­ser im­mer­si­ve Jour­na­lis­mus ei­ne »Em­pa­thie-ma­schi­ne« ist, wie ein le­gen­dä­rer Aus­druck von Vr-fil­me­ma­cher Chris Milk be­sagt, be­wies die St­an­ford Uni­ver­si­ty jetzt mit ei­ner Stu­die. Im in­ter­ak­ti­ven Film »Be­co­m­ing Home­l­ess« schlüpf­ten die Pro­ban­den mit­tels Head­set in die Rolle von Menschen, die ih­re Woh­nung ver­lie­ren – vom Mö­bel­ver­kauf bis zur Schlaf­platz­su­che drau­ßen. Das wirk­te: Nach dem Vr-trip un­ter­schrie­ben viel mehr Leu­te ei­ne Pe­ti­ti­on für er­schwing­li­chen Wohn­raum, als wenn sie nur ei­nen Text ge­le­sen oder ei­nen Film ge­se­hen hat­ten.hört sich erst mal toll an, aber ha­ben die St­an­ford- Ge­nies hier nicht doch was ver­wech­selt? Ist Vr-jour­na­lis­mus wirk­lich bes­ser, weil er deut­li­cher be­ein­flus­sen und stär­ke­re Emo­tio­nen we­cken kann? Oder brau­chen wir in un­se­rer po­li­tisch über­e­mo­tio­na­li­sier­ten Zeit statt noch grö­ße­rer Keu­len nicht eher wie­der sach­li­che­re, un­auf­ge­reg­te Information?

Ja­son Far­kas, VR- Chef bei CNN, be­haup­te­te kürz­lich, dass Jour­na­lis­mus im Lau­fe der Ge­schich­te im­mer rea­li­täts­nä­her ge­wor­den sei – von blo­ßen Tex­ten vor hun­dert Jah­ren über Fo­tos und spä­ter Fil­me bis zu VR qua­si als Krö­nung. Ko­misch, ge­ra­de bei CNN soll­te man wis­sen, dass ein Tweet rei­chen kann, um je­de wie auf­wen­dig auch im­mer ge­mach­te Mel­dung als Fa­ke News ab­zu­tun. Und mit den tech­ni­schen Neue­run­gen wach­sen auch im­mer die Mög­lich­kei­ten, Nach­rich­ten zu ver­fäl­schen. Das gilt erst recht für je­ne Form des Vr-jour­na­lis­mus, die nicht bloß als schlich­tes 360- Grad-vi­deo, son­dern fast schon als Com­pu­ter­spiel-er­leb­nis­welt an­mu­tet. Die Mög­lich­kei­ten der Ma­ni­pu­la­ti­on sind gren­zen­los und nicht nur »die Gu­ten« wer­den sie nut­zen.

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