Il­lus­tra­tio­nen für »Mo­dern Lo­ve«

Seit acht Jah­ren il­lus­triert Bri­an Rea die »New York Ti­mes«-ko­lum­ne »Mo­dern Lo­ve«. Wir tra­fen ihn in L.A., um über die Darstel­lung gro­ßer Ge­füh­le zu spre­chen

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Die Lie­be ist nicht nur di­ver­ser, son­dern auch po­li­tisch ge­wor­den. Der Il­lus­tra­tor Bri­an Rea er­zählt von sei­ner Ar­beit für die er­folg­rei­che »New York Ti­mes«Ko­lum­ne »Mo­dern Lo­ve«

● Geht es um »Mo­dern Lo­ve«, führt kein Weg an der gleich­na­mi­gen Ko­lum­ne der »New York Ti­mes« vor­bei. Seit 15 Jah­ren er­zäh­len Le­ser, Schrift­stel­ler und Re­dak­teu­re dar­in je­den Sonn­tag von der Lie­be, von Herz­schmerz und Schmet­ter­lin­gen im Bauch, Ei­fer­süch­te­lei­en und an­de­ren emo­tio­na­len Ab­grün­den, von Da­tes und Ab­schie­den und auch schon mal von dem Ka­ter, der mit im Bett schläft. Die Ko­lum­ne ist Kult und wird ge­ra­de mit Hol­ly­wood­stars wie An­ne Hat­ha­way und Dev Pa­tel ver­filmt.

Seit acht Jah­ren il­lus­triert Bri­an Rea die Lie­be in mo­der­nen Zei­ten. Ein Re­kord – und ei­ne Er­folgs­ge­schich­te, be­glei­tet von zahl­rei­chen Le­ser­brie­fen, die zei­gen, wie be­rüh­rend nicht nur die Ge­schich­ten, son­dern auch die Zeich­nun­gen sind. Die frei­en Ar­bei­ten des Künst­lers hin­ge­gen sind oft ty­po­gra­fi­scher. Er zeich­net Wel­len, in de­nen sich Be­grif­fe wie »Lei­den­schaft«, »Eis­bär« oder »Heu­te« auf­bäu­men, über­zieht Wän­de mit ih­nen oder St­ei­ne, die er in Aus­stel­lun­gen im­mer neu an­ord­net. Auch in sei­nem Stu­dio in Chi­na­town, Los An­ge­les, wo wir Bri­an Rea ge­trof­fen ha­ben. Es liegt mit­ten auf der Man­da­rin Pla­za, mit ei­ner gro­ßen Glas­front zum In­nen­hof, zwi­schen ei­nem In­sti­tut für ewi­ges Le­ben, Kun­stga­le­ri­en

und Ate­liers. Mor­gens prak­ti­zie­ren hier al­te chi­ne­si­sche La­dies Tai- Chi. Ein gro­ßes wei­ßes Herz klebt an Bri­an Reas Stu­dio­tür. Ge­malt hat es sein klei­ner Sohn – und es ist das ein­zi­ge hier. sd

Wie wird man zum Il­lus­tra­tor der emo­tio­nals­ten Ko­lum­ne der »New York Ti­mes«?

Bri­an Rea: (lacht) Ich war zu­vor Art­di­rek­tor der Mei­nungs­sei­te und zur rich­ti­gen Zeit am rich­ti­gen Ort. Erst bin ich nur ein­ge­sprun­gen und plötz­lich war ich ver­ant­wort­lich da­für. Das lag wohl auch an mei­nem Kon­zept, die Il­lus­tra­tio­nen als ge­zeich­ne­te Lie­bes­brie­fe zu ver­ste­hen – und als ei­gen­stän­di­ge vi­su­el­le Ge­schich­ten, die nicht den Text an­sich, son­dern des­sen emo­tio­na­len Ton wi­der­spie­geln. Und der kann sehr un­ter­schied­lich sein. Lie­be ist so vie­le Din­ge, so an­ders für je­den Ein­zel­nen, und das zei­gen auch die Ge­schich­ten. In den gan­zen Jah­ren, in de­nen ich da­bei bin, hat nicht ei­ne der an­de­ren ge­gli­chen.

Was ist das Be­son­de­re?

Dass sie vol­ler Ge­füh­le ste­cken. Ge­nau­so wie mei­ne Ar­bei­ten auch, des­halb füh­le ich mich so wohl, ih­rer Emo­tio­na­li­tät zu ent­spre­chen. Manch­mal sind die Ge­schich­ten lus­tig, manch­mal sehr ernst, und manch­mal trau­rig. Aber im­mer geht es um das, was zwi­schen zwei Le­be­we­sen statt­fin­det. Wie man sich an­schaut, sich be­ob­ach­tet, wie man sich an­nä­hert und Gren­zen über­win­det. Für mei­ne Zeich­nun­gen ver­su­che ich den rich­ti­gen Mo­ment zu fin­den, der aus­drückt, was der Au­tor sa­gen möch­te, und die­sen dann zu vi­sua­li­sie­ren.

Und wie fin­det man die­sen Mo­ment?

Gu­te Fra­ge. Wenn ich den Text be­kom­me, bin ich je­des Mal so ge­spannt, dass ich ihn so­fort le­se. Ein­mal, zwei­mal oder auch drei­mal und dann tra­ge ich ihn ei­nen Tag lang im Kopf her­um. Ich den­ke über die Per­so­nen nach, ver­set­ze mich in ih­re Kon­flik­te, falls es wel­che gibt, in ih­re Ver­liebt­heit oder Fern­be­zie­hung. Stel­le mir dann vor, wie je­mand mit­ten in der Nacht am Te­le­fon sitzt, weil sein Liebs­ter in ei­ner an­de­ren Zeit­zo­ne lebt, wie er nach dem Ab­schied am Flug­ha­fen al­lein nach Hau­se fährt, wie er in die Fer­ne schaut, wenn er an ihn denkt. Ir­gend­wo da­zwi­schen fin­de ich dann den Mo­ment, den ich zeich­nen kann. Und wenn die Zeich­nung dann noch den Ton der Ge­schich­te trifft, trau­rig, hei­ter, ernst oder lei­den­schaft­lich ist, dann ist sie ge­lun­gen. Manch­mal klappt das, aber nicht im­mer.

Gibt es Ge­schich­ten, die ganz be­son­ders für dich sind?

Zu­min­dest blei­ben mir ei­ni­ge ganz be­son­ders im Ge­dächt­nis. Vor ei­ni­gen Wo­chen schrieb ein Mann über sei­ne Freun­din und ihr Ka­nin­chen, das sie viel lei­den­schaft­li­cher liebt als er und wie das zwi­schen ih­nen steht. In ei­ner an­de­ren Ge­schich­te er­zähl­te ei­ne Frau von der ab­göt­ti­schen Lie­be zu ih­rer Schild­krö­te. Ich weiß auch nicht, war­um mir aus­ge­rech­net Ge­schich­ten mit Tie­ren ein­fal­len. (lacht) Denn wie die Lie­be selbst ist je­de Ge­schich­te an­ders. Es gibt kein wie­der­keh­ren­des Mus­ter, au­ßer dass es im­mer um gro­ße Ge­füh­le geht.

Ist es wich­tig, dass du dich in den Ge­schich­ten auch mal selbst wie­der­fin­dest?

Es hilft, aber ist nicht ent­schei­dend. Das ist wie beim Schau­spie­lern. Man muss es nicht er­lebt ha­ben, um es dar­zu­stel­len. Aber na­tür­lich gibt es bei »Mo­dern Lo­ve« im­mer wie­der Si­tua­tio­nen, in de­nen ich mich wie­der­er­ken­ne, im Gu­ten und im Schlech­ten. Wenn ich dann Din­ge aus mei­nem ei­ge­nen Le­ben in die Zeich­nun­gen ein­brin­ge, wer­den sie manch­mal in­ten­si­ver. Ich zeich­ne auch mal Freun­de hin­ein oder ih­re Haus­tie­re. Ei­ni­ge un­se­rer Mö­bel und Klei­dungs­stü­cke fin­den sich in den Il­lus­tra­tio­nen, und mei­ne Frau war auch schon dar­in. Das war zu ei­ner Zeit, als sie noch weit weg wohn­te. Und es gibt tat­säch­lich Le­ser, die die­sen per­sön­li­chen Touch spü­ren.

Es ist wirk­lich be­ein­dru­ckend, wie nah die Le­ser der Ko­lum­ne ste­hen und wie er­folg­reich sie ist.

Al­ler­dings. Mitt­ler­wei­le exis­tiert auch ein »Mo­dern Lo­ve«-pod­cast, es wer­den »Mo­dern Lo­ve«-näch­te ver­an­stal­tet, in de­nen be­kann­te Schau­spie­ler aus­ge­wähl­te Ge­schich­ten vor­le­sen, und es gibt so­gar Leu­te, die Un­ter­richt an­bie­ten, wie man am bes­ten über die Lie­be schreibt, so­dass die ei­ge­nen Er­leb­nis­se der Teil­neh­mer in der Ko­lum­ne pu­bli­ziert wer­den. Und dar­über hin­aus ha­ben in New York ge­ra­de die Dreh­ar­bei­ten zur kom­men­den »Mo­dern Lo­ve«-se­rie für Ama­zon Pri­me be­gon­nen.

Wie er­klärst du dir, dass die Lie­be so ein gro­ßes The­ma ge­wor­den ist?

Die Lie­be geht je­den an, des­halb ist sie ein so uni­ver­sel­les The­ma. Gleich­zei­tig aber glau­be ich, dass ih­re Be­liebt­heit auch mit der ak­tu­el­len Stim­mung zu tun hat. Egal, wo­hin man der­zeit in der Welt schaut, sind die Nach­rich­ten de­pri­mie­rend. Da wird die Ko­lum­ne zum An­ker, denn die Ge­schich­ten, die er­zählt wer­den, sind zu­tiefst mensch­lich. Sie rüh­ren an, sie brin­gen ei­nen zum La­chen, ma­chen trau­rig oder las­sen ei­nen träu­men. Man fühlt et­was an­de­res als die Angst, die ge­ra­de welt­weit ge­schürt wird. Viel­leicht pro­ji­zie­re ich da auch et­was hin­ein, aber ich glau­be schon, dass der ak­tu­el­le Er­folg der Ko­lum­ne auch da­mit zu tun hat, was ge­ra­de in der Welt pas­siert.

Be­ein­flus­sen die De­bat­ten über Di­ver­si­ty dei­ne Ar­beit?

Auf je­den Fall. Mails, in de­nen Le­ser fra­gen, war­um ich Men­schen auf ei­ne ganz be­stimm­te Art und Wei­se zeich­ne, häu­fen sich. Des­halb den­ke ich auch viel mehr dar­über nach, wie ich Di­ver­si­ty in der Lie­be dar­stel­le. Und das ist gut so. Denn Lie­be ist uni­ver­sell, und da­her soll­te ich mich nicht zu sehr auf mei­ne Per­spek­ti­ve als wei­ßer Mann be­schrän­ken. Ein­mal han­del­te ei­ne der Ge­schich­ten von ei­ner In­de­rin und ich ha­be ver­ges­sen, ei­nen dunk­le­ren Haut­ton auf die Fi­gur zu le­gen. Zum Glück war die Zeich­nung erst on­line zu se­hen, denn so­fort schrieb mir je­mand, dass Ge­schich­te und Illustration nicht zu­sam­men­pas­sen wür­den. Und die Le­se­rin hat­te recht. Ich konn­te das noch än­dern, be­vor die Zei­tung in Druck ging und war sehr froh dar­über. Seit­dem ach­te ich viel mehr dar­auf, aus wel­cher Kul­tur die Men­schen kom­men, de­ren Ge­schich­te ich ver­mit­teln will.

Wie wir­ken sich die Gen­der-de­bat­ten auf dei­ne Ar­beit aus?

»Lo­ve is lo­ve«, wie wir hier sa­gen, ei­ne Lie­bes­be­zie­hung ist für mich ei­ne Lie­bes­be­zie­hung, egal, ob zwi­schen zwei Män­nern, zwi­schen Mann und Frau oder zwei Frau­en. Das be­ein­flusst mei­ne Zeich­nun­gen in kei­ner Wei­se, denn sie han­deln schließ­lich von den­sel­ben Ge­füh­len.

Und be­ste­hen da­bei gleich­zei­tig nur aus we­ni­gen Li­ni­en ...

Au­ßer­dem sind sie von Hand ge­zeich­net. Das muss ich stets wie­der be­to­nen, denn das fin­de ich ei­nen sehr wich­ti­gen Aspekt, wenn man Emo­tio­nen dar­stel­len will. Ge­nau­so ent­schei­dend ist für mich, dass sie nicht über­la­den sind, son­dern dass es im­mer viel Raum zum Atmen, Den­ken und Füh­len gibt.

Ist die­ser Leer­raum ein ent­schei­den­der Aspekt der Zeich­nun­gen?

Ich wer­de oft ge­fragt, war­um die Män­ner in mei­nen Il­lus­tra­tio­nen Klei­der tra­gen und die Frau­en kei­ne

»Ich glau­be, dass der wich­tigs­te Teil mei­ner Zeich­nun­gen tat­säch­lich der­je­ni­ge ist, der zwi­schen den Fi­gu­ren liegt. Es geht um den Zwi­schen­raum, in dem der Dia­log statt­fin­det und das Ge­fühl ent­steht«

Brüs­te ha­ben. Und ich ha­be kei­ne Ant­wort dar­auf, war­um sie et­was an­dro­gyn wir­ken. Aber ich glau­be, es liegt dar­an, dass der wich­tigs­te Teil mei­ner Zeich­nun­gen tat­säch­lich der­je­ni­ge ist, der zwi­schen den Fi­gu­ren liegt. Es geht um den Zwi­schen­raum, in dem der Dia­log statt­fin­det und das Ge­fühl ent­steht. Es ist, wie zur Rush­hour in der U-bahn zu sit­zen, je­der starrt auf sein Smart­pho­ne, je­der ist ge­nervt, und dann schaut man hoch, und der Blick trifft plötz­lich den ei­nes an­de­ren. In die­sem Mo­ment liegt ein gan­zes Uni­ver­sum an Ge­schich­ten und an Mög­lich­kei­ten und gleich­zei­tig hat er et­was Flüch­ti­ges, ist wie ein Ton, den man am Kla­vier an­schlägt. Ein­zu­fan­gen, was in ge­nau die­sem Au­gen­blick pas­siert und für das es nicht wirk­lich Wor­te gibt, ist das größ­te Ziel mei­ner Ar­beit für die »Mo­dern Lo­ve«-ko­lum­ne.

Gibt es No-gos in den Zeich­nun­gen?

Hass und Ge­walt­dar­stel­lun­gen ge­hö­ren un­be­dingt da­zu. Ich möch­te die­sen ag­gres­si­ven Ton, der ge­ra­de in der Welt herrscht, nicht schü­ren. Ich bin viel­mehr an ei­nem Feu­er in­ter­es­siert, das wärmt. Aber dar­über hin­aus ha­ben wir tat­säch­lich ein paar un­ge­schrie­be­ne Re­geln. Her­zen und Ein­hör­ner sind ei­gent­lich ta­bu, denn sie sind viel zu of­fen­sicht­lich und viel zu ab­ge­nutzt. Auch wenn ich sie mir ein-, zwei­mal nicht ver­knei­fen konn­te. Aber auf all die Jah­re hoch­ge­rech­net ist das ei­gent­lich ein gu­ter Schnitt.

Ne­ben dei­ner Ar­beit für »Mo­dern Lo­ve« hast du auch das Post­kar­ten-set »Thin­king of You« her­aus­ge­bracht. Hast du nicht Angst, auf den »Kerl mit der Lie­be« fest­ge­legt zu sein?

Ge­nau, die­ser ge­fühls­du­se­li­ge Typ, der den gan­zen Tag mit Trä­nen in den Au­gen in sei­nem Stu­dio sitzt und zeich­net. Da­bei heu­le ich an man­chen Ta­gen gar nicht. (lacht) Aber ja, dar­über den­ke ich schon nach. Auch weil die Ar­beit mich tat­säch­lich emo­tio­na­ler ge­macht hat. Doch ei­gent­lich ist das gut, denn ich ver­ste­he das Mensch­li­che nun bes­ser.

Da­bei han­delt dein ers­tes Buch »De­ath Wins a Gold­fish«, das jetzt er­scheint, von ei­nem Sen­sen­mann mit Burn-out ...

(lacht) Viel­leicht ist das ei­ne ge­sun­de Ge­gen­re­ak­ti­on. Aber tat­säch­lich ist das Buch auch sehr emo­tio­nal, denn der Sen­sen­mann – völ­lig über­ar­bei­tet vom gan­zen Ster­ben – wird zu ei­nem Zwangs-sab­ba­ti­cal auf die Er­de ge­schickt und muss dort ler­nen zu le­ben – und zu lie­ben.

»Die Be­liebt­heit der Ko­lum­ne hat wohl auch mit der ak­tu­el­len Stim­mung zu tun. Wo­hin man in der Welt schaut, sind die Nach­rich­ten de­pri­mie­rend. Durch die­se Ge­schich­ten fühlt man et­was an­de­res als die Angst, die ge­ra­de ge­schürt wird«

Von One-nigh­tStands und lee­ren Ver­spre­chun­gen han­delt die Ko­lum­ne »For Best Hook­up Re­sults, Use Your Words, O.K.?«

In »A Ro­mance That’s Ex­tra Zes­ty« er­zählt ei­ne Stu­den­tin von den Schwie­rig­kei­ten, sich zu­ein­an­der zu be­ken­nen

Das wie­der­um än­dertccccccccccccccccccccc Ei­ne Lie­be, die hält und ei­nen zu ei­nem bes­se­ren Men­schen macht: »Four-leg­ged Rea­son to Keep it To­ge­ther«

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