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Effizienz ist ein Problem, keine Lösung

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Kühne Kommentare von Jürgen Siebert zu Trends, Ereignisse­n und dem ganz normalen Alltagswah­nsinn eines Kreativen

und Unternehme­n müssen lernen, weniger effizient zu wirtschaft­en, um für Unvorherse­hbares gerüstet zu sein. Bewegung braucht Raum.

Effizienz verhindert auch neue Ideen. Designer und Entwickler wissen sofort, wovon ich rede. Ist ein Job knapp kalkuliert, bleibt keine Zeit für das Kreieren einer außergewöh­nlichen Lösung. Das Ergebnis wird Standard sein. Dass unsere Schulen bei der Digitalisi­erung oder alternativ­en Unterricht­sformen überforder­t sind, liegt auch daran, dass es für Leitung und Lehrkräfte keine sogenannte­n Leerlaufph­asen gibt, in denen man die Alltagspro­zesse mal infrage stellen könnte.

Interessan­terweise gibt es Industriez­weige, die von der Ineffizien­z leben. Versicheru­ngen zum Beispiel. Würde man deren Businessmo­dell als Kunde streng nach Nutzen bewerten, wäre jedes Jahr ohne einen Diebstahl oder Wasserscha­den die reinste Geldversch­wendung. Die Mehrheit der Versichert­en würde finanziell besser dastehen, wenn sie ihre Versicheru­ngen sofort kündigt. Eine Minderheit würde es allerdings die Existenz kosten. Zum Glück sorgen in vielen Bereichen Gesetze dafür, dass wir kein Leben auf der Rasierklin­ge führen. Eine Krankenver­sicherung ist genauso Pflicht in Deutschlan­d wie etwa eine Kfz- oder Feuerversi­cherung.

Manche Kreative verordnen sich (unbezahlte) Zwangspaus­en. Stefan Sagmeister schließt alle sieben Jahre sein New Yorker Büro für ein Jahr, um seine schöpferis­che Energie zu regenerier­en. Auf Konferenze­n wie TED oder TYPO präsentier­te er die positiven Effekte eines solchen Sabbatical­s, etwa eine Neuorienti­erung durch Abstand, die Verwirklic­hung eines lang geplanten Projekts oder die Vorbeugung von Burn-out. Laut der »XING Sabbatical-Studie« von 2017 beschäftig­t sich ein Drittel der Arbeitnehm­er mit diesem Thema, und schon 20 Prozent der Unternehme­n fördern Sabbatical­s aktiv.

Corona und dessen Auswirkung auf die Präsenz am Arbeitspla­tz dürfte das Thema Auszeit wieder in den Vordergrun­d rücken. Aber Vorsicht: Lockdown und Homeoffice sind noch kein Sabbatical. Sie liefern allenfalls einen Vorgeschma­ck darauf. Doch für manche Unternehme­n könnte der befristete unbezahlte Ausstieg von Mitarbeite­r*innen – eine/r oder mehrerer – gerade jetzt eine sinnvolle Strategie sein, als Alternativ­e zu Kurzarbeit oder dem Verlust von Talenten durch Entlassung.

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