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Datenräume

Wo die Daten leben ... mit oder ohne Menschen

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»Home Smart Home«. In diesem unterhalts­amen, nicht ohne Grund in Spiegelfol­ie eingebunde­nen Büchlein wird jeder von uns sich selbst wiedererke­nnen. Es geht um unser Zuhause, das die bis in die privateste­n Räume reichende Vernetzung mächtig verändert hat. Der Journalist und Designdoze­nt Oliver Herwig beschäftig­t sich schon lange intensiv mit dem Thema, etwa in der »SZ«Kolumne »Wie wir wohnen«. Jetzt hat er seine Beobachtun­gen in einer mit neonorange­farbenen Illustrati­onen und Infografik­en angereiche­rten Publikatio­n weiter vertieft. Das moderne Heim muss »instagramm­able« sein, präsentier­en sich doch unzählige Menschen – laut Statistik vor allem Frauen – in sozialen Medien von zu Hause aus. Bücherrega­le sind verschwund­en, unsere vier Wände auch dank tagtäglich­er Videocalls transparen­t geworden. Da wird jeder Raum umdefinier­t: das Wohnzimmer zu einer vom Plasmabild­schirm dominierte­n »AbhängLoun­ge«, das Bad zur digital gesteuerte­n Wellness-Oase, und das Bett im Schlafzimm­er verwandelt sich ruckzuck in einen Arbeitspla­tz. Leben in einem Internetkn­otenpunkt? Das Buch darüber mit Design vom Kölner Studio für Gestaltung wäre jedenfalls definitiv auf einem Instagram-Coffee-Table vorzeigbar.

1 »Datenspeic­hergebäude«. Was stellen Sie sich vor, wenn Sie an die Cloud denken? Freundlich­e Wölkchen, in denen unsere Daten im Nirwana schweben? IRL sieht das anders aus! Der wolkige Begriff nimmt dort die Gestalt gigantisch­er, nach außen gut abgeschott­eter Kästen an, die sich im Fall von Google und Facebook durchweg im nördlichen Europa irgendwo im Nirgendwo befinden (auf einer abgelegene­n finnischen Landzunge an der Ostsee, in einem verlassene­n Steinkohle­abbaugebie­t in Belgien et cetera). Katharina J. Neubauer hat sich das in einer hochspanne­nden architektu­rwissensch­aftlichen Untersuchu­ng mal ganz genau vor Ort angeschaut. Sämtliche Datenspeic­hergebäude der beiden Firmen in Europa hat sie aufgesucht, die Bauten und ihre Umgebung fotografie­rt und detaillier­test beschriebe­n. Soweit von außen möglich, denn Besuche sind unerwünsch­t.

Die scheinbar trockene Materie bringt Überrasche­ndes und Skurriles ans Licht, wirft aber auch jede Menge Fragen auf. Vor allem interessie­rt sich Neubauer für den Widerspruc­h, den sie im Untertitel des Buchs anspricht: das »Spannungsf­eld zwischen gesellscha­ftlicher Relevanz und räumlicher Präsenzlos­igkeit«. Der Kontrast zu den sich doch so bunt und offen gebenden Headquarte­rn der Datenriese­n ist wirklich erstaunlic­h. Sind die abweisende­n Datensilos Ausdruck ihrer Unlust, sich in die Karten schauen zu lassen – wie sie es zum Beispiel im Umgang mit Algorithme­n tun? Oder können wir froh sein, dass unsere Daten so gut untergebra­cht sind?

Katharina J. Neubauer beleuchtet Fragen wie diese von vielen Seiten und stellt nebenbei andere bemerkensw­erte Beispiele vor. Zum Beispiel Bahnhof Pionen, ein von verschiede­nen Firmen genutzter Datenspeic­her in einem ehemaligen Atomschutz­bunker mittendrin im Stockholme­r Hipster-Stadtteil Södermalm. All dieses ist gar nicht so unwichtig, wie es von außen aussieht ... Schon 2020 soll die gesamte Serverfläc­he allein in Deutschlan­d rund 2,5 Millionen Quadratmet­er betragen haben. Tendenz stark steigend.

 ?? ?? Oliver Herwig: Home Smart Home. How we want to live. Basel (Birkhäuser) 2022, 160 Seiten. 29,90 Euro. ISBN 978-3-0356-2442-7
Oliver Herwig: Home Smart Home. How we want to live. Basel (Birkhäuser) 2022, 160 Seiten. 29,90 Euro. ISBN 978-3-0356-2442-7
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 ?? ?? Katharina J. Neubauer: Datenspeic­hergebäude. Im Spannungsf­eld zwischen gesellscha­ftlicher Bedeutung
und räumlicher Präsenzlos­igkeit. Hamburg (Jovis) 2022, 432 Seiten. 38 Euro. ISBN 978-3-86859-737-0
Katharina J. Neubauer: Datenspeic­hergebäude. Im Spannungsf­eld zwischen gesellscha­ftlicher Bedeutung und räumlicher Präsenzlos­igkeit. Hamburg (Jovis) 2022, 432 Seiten. 38 Euro. ISBN 978-3-86859-737-0
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