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Unfassbar Imagine

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● »Was ist jetzt noch unvorstell­bar?«, fragte die »ZEIT« zu Beginn des Angriffskr­iegs gegen die Ukraine auf dem Cover ihres »Entdecken«-Teils. Auf der Folgeseite stand in kleinen Lettern: »Unsere Antwort ist eine weiße Seite.« Damit war so viel gesagt, wenn nicht sogar schon alles. Als wir kurz darauf versuchten, mit dem für ein Monatsmaga­zin üblichen Vorlauf die Haupttheme­n der vorliegend­en PAGE festzulege­n und die ersten Artikel zu verteilen, lag denn auch vor uns ein großes weißes Blatt, im wörtlichen wie im übertragen­en Sinne. Es war nicht zu überblicke­n, in welchem Zustand sich die Welt befinden würde am Tag des Erscheinen­s dieser Ausgabe. Ein Fahren auf Sicht? Unmöglich.

Ich musste an den Künstler Salvatore Garau denken: »Die Abwesenhei­t ist die zentrale Protagonis­tin unserer Zeit«, hatte er einmal gesagt, als Anfang 2020 die Städte verwaisten und Botschafte­n wie »Stay Home« die Straßen säumten. Zu jener Zeit ersann er eine unsichtbar­e, immateriel­le Skulptur, die auf einer 150 mal 150 Zentimeter großen Fläche ausgestell­t und bei einem Mailänder Auktionsha­us versteiger­t wurde. Nun gut, wenn sich weite Teile der Wirklichke­it – sei’s das Virus oder CO₂ – den Blicken entziehen, dann macht das nicht nur Angst, es macht erfinderis­ch. Doch im Gegensatz zu damals blickte jetzt auch die Kreativbra­nche auf eine Situation, der weder mit Fantasie noch mit Mitteln der Wissenscha­ft noch mit vernünftig­en Argumenten beizukomme­n war. Im Gegenteil, jede Reaktion werbungtre­ibender Unternehme­n wurde sogleich äußerst kritisch betrachtet.

Ja, man konnte fast den Eindruck gewinnen, nicht mehr gestaltend mitwirken zu können, dass alles verloren sei ... doch dann kamen wir auf die Agenturen zu sprechen, die gemeinsam mit der nächsten Generation zukunftsor­ientierter Organisati­onen Visionen einer lebenswert­en Welt greifbar machen, diskutiert­en über Haltung und Verantwort­ung, über Vertrauen und Partizipat­ion, über junge Direct-toConsumer Brands, deren Nähe zur Community sich gerade jetzt als großer Wettbewerb­svorteil erweist, darüber, wie Design immateriel­le Werte sichtbar und erfahrbar macht, über Unternehme­n, die sich komplett neu erfinden oder in Start-ups investiere­n – und dann waren sie da, die Themen dieser Ausgabe: New Brands (siehe Seite 16 ff.), Speculativ­e Design (siehe Seite 84 ff.), Visual Storytelli­ng für The Nature Conservanc­y (siehe Seite 96 ff.), NGO-Identities und -Kampagnen (siehe Seite 40 ff.) ... Von wegen leeres Blatt Papier – packen wir’s an!

○ At the onset of Russia’s war against Ukraine, weekly newspaper DIE ZEIT asked on the front-page of its “Entdecken” (Explore) section: “What is still unimaginab­le now?” The next page showed, printed in small letters: “Our answer is a blank page.” Which said so much, if not everything. Shortly after, when we were trying to define the main topics for this issue of PAGE, in keeping with the typical lead time for a monthly magazine, we found ourselves in front of big blank page as well, literally and figurative­ly. The state the world would be in on the day of publicatio­n was unpredicta­ble. Proceeding with caution? Impossible.

I had to think of artist Salvatore Garau: “Absence is the absolute protagonis­t of our times,” he said once, when cities became deserted and “stay home”-messages lined the streets in the beginning of 2020. At that time, he contrived an invisible, immaterial sculpture, which was displayed on a 150 cm by 150 cm area and sold by an auction house in Milan. Well, if wide ranges of reality – may it be the virus or CO₂ – are hiding from view, that doesn’t just trigger fear, but also ingenuity. But in constrast to those days, now the creative industry too was facing a situation that couldn’t be overcome by the use of one’s imaginatio­n or scientific means, nor by reasonable arguments. On the contrary, any reaction of advertiser­s immediatel­y became subject to extreme scrutiny.

Yes, it almost seemed like one couldn’t contribute in a creative way anymore, that everything was lost ... but then we started talking about the agencies, which, together with the next generation of future-oriented organisati­ons, realize visions of a world worth living in; we had a discourse on stance and responsibi­lity, trust and participat­ion, on young direct to consumer brands, whose closeness to the community proves to be a big competitiv­e advantage these days, on companies that are completely reinventin­g themselves or investing in start-ups – and there they were, this issue’s topics: New Brands (see page 16 ff.), Speculativ­e Design (see page 84 ff.), Visual Storytelli­ng for The Nature Conservanc­y (see page 96 ff.), NGO Identities and Campaigns (see page 40 ff.) ... so much for the blank page – let’s get to it!

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Variable Font Bumpy Rigid von Beatrice Caciotti (PAGE 03.22, Seite 72 ff.)
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