Über den Dä­chern von Pei­ne: Mit den Auf­win­den auf Du und Du

Pei­ner Uh­len­flug: Se­gel­flie­ge­rei ist nichts für Ein­zel­gän­ger – Aus­bil­dung ab 14 Jah­ren mög­lich

Peiner Allgemeine Zeitung - - PEINE - VON UL­RICH JASCHEK

PEI­NE. Sie glei­ten wie schwe­reund mü­he­los und wir­ken un­gleich ele­gan­ter als die Bo­den­ständ­ler, die sich ih­re Häl­se ver­dre­hen und teils nei­disch, teils be­wun­dernd mit fast zu­ge­knif­fe­nen Au­gen ih­re Flug­küns­te be­ob­ach­ten. Wer sich eben­falls un­ter die Wol­ken auf­schwin­gen möch­te: Se­gel­flie­gen kann man ler­nen, beim Pei­ner Uh­len­flug-Ver­ein be­reits seit mehr als 60 Jah­ren – wäh­rend der Flug­sai­son auf der Glind­bruch­kip­pe in Telg­te von März bis Ok­to­ber.

Und das klingt ein­fa­cher und so­gar mü­he­lo­ser als Fahr­rad­fah­ren, wenn es Uh­len­flu­gVor­stands­mit­glied und Flug­leh­rer Tho­mas Feu­er­le de­fi­niert: „Meist star­ten wir mit ei­ner Seil­win­de, kom­men auf ei­ne ge­wis­se Hö­he und flie­gen von dort aus al­lein wei­ter.“Und wie der Rad­ler sei­ne Mus­kel­kraft ein­set­ze, um wei­ter­zu­kom­men und nicht um­zu­kip­pen, die­ne dem Pi­lo­ten der Auf­wind, fach­sprach­lich Ther­mik, als na­tür­li­che Ener­gie­quel­le, um an Hö­he zu ge­win­nen und sei­nen Be­such dort je nach Ge­schick und Wet­ter­la­ge so lan­ge wie mög­lich aus­zu­deh­nen.

Dem Vor­ur­teil, dass die Se­gel­flie­ge­rei eher ein Hob­by für Be­tuch­te sei, be­geg­net der er­fah­re­ne Flug­leh­rer mit Ve­he­menz: „Un­ser Ver­ein hat knapp 100 Mit­glie­der, Frau­en, Män­ner und Ju­gend­li­che aus al­len Be­rufs­grup­pen!“Für Er­wach­se­ne schla­ge die Flug­stun­de mit 16 bis ma­xi­mal 52 Eu­ro zu Bu­che, für Ju­gend­li­che zwi­schen acht und ma­xi­mal 26 Eu­ro.

Ver­eins­ak­ti­vi­tä­ten gibt es aber aus­drück­lich auch am Bo­den. Die Flie­ge­rei, prä­zi­siert der Flug­leh­rer den Mann­schafts­ge­dan­ken, sei näm­lich nichts für Ein­zel­gän­ger. Oh­ne ein Team aus Flugund Start­lei­ter, Win­den­fah­rer und Trag­flä­chen­hal­ter blie­ben das Flug­ge­rät und Pi­lot auf dem Bo­den.

Wer sich dann aber auf Du und Du mit den Auf­win­den in die Vo­gel­per­spek­ti­ve schwingt, glei­tet mit bis zu 180 St­un­den­ki­lo­me­tern in 300 bis ma­xi­mal 3000 Me­tern Hö­he da­hin.

Wo­bei die ho­he Kunst des Se­gel­flu­ges nicht die Hö­he, son­dern die zu­rück­ge­leg­te Stre­cke sei, bei der man meist in ei­nem Drei­eck un­ter­wegs sei. Bei­spiels­wei­se steue­re man Bie­le­feld an, schwen­ke dann Rich­tung Kas­sel und wen­de sich wie­der heim­wärts. Üb­ri­gens: Wenn je­doch vor der Lan­dung Ner­ven­sys­tem und Mus­kel­span­nun­gen dem flie­gen­den Per­so­nal die Aus­las­tung der Bla­sen­ka­pa­zi­tät si­gna­li­sie­ren, be­steht kein Grund zur Pa­nik, denn der Zu­be­hör­han­del ist auch auf kom­for­ta­ble Er­le­di­gun­gen sol­cher Be­dürf­nis­se spe­zia­li­siert, ist zu er­fah­ren.

Die Se­gel­flie­ge­rei hält Feu­er­le trotz des tra­gi­schen Un­falls ei­nes 15jäh­ri­gen Flug­schü­lers in Braun­schweig vor ei­ni­gen Wo­chen für nicht ge­fähr­li­cher als an­de­re Sport­ar­ten. „Mei­ne Kol­le­gen und ich bil­den sehr ge­wis­sen­haft aus und schu­len selbst­ver­ständ­lich auch flie­ge­ri­sches Ver­hal­ten in Grenz­si­tua­tio­nen.“Au­ßer dem drill­mä­ßi­gen Ein­üben von si­che­rem Start und wei­cher Lan­dung ge­he es in der Flug­schu­le eben auch um den sou­ve­rä­nen Um­gang mit po­ten­zi­ell ge­fähr­li­chen Si­tua­tio­nen wie Lang­s­a­mo­der Schnell­flug, Rei­ßen des Schlepp­seils beim Start oder Tru­deln.

Spe­zi­ell Au­to­fah­rer müss­ten ja eben­falls je­der­zeit auf Grenz­si­tua­tio­nen ge­fasst und vor­be­rei­tet sein. Be­reits als 14Jäh­ri­ge dür­fen hin­ge­gen Se­gel­flug-Pi­lo­ten ih­re Aus­bil­dung be­gin­nen, der „Luft­fahr­schein“wird al­ler­dings erst mit frü­hes­tens 16 aus­ge­hän­digt. Der theo­re­ti­sche Un­ter­richt um­fas­se sie­ben Fä­cher, die Pra­xis 25 Flug­stun­den – da­von 15 im Al­lein­flug und min­des­tens 60 Starts und Lan­dun­gen auf dem Weg zum ele­gan­ten Schwe­ben.

Wei­te­re In­for­ma­tio­nen über die Se­gel­flie­ge­rei in Pei­ne gibt es im In­ter­net un­ter www.uh­len­flug-pei­ne.de.

➞ Die ho­he Kunst des Se­gel­flu­ges ist nicht die Hö­he, son­dern die zu­rück­ge­leg­te Stre­cke, so die Leh­rer.

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