Ein be­son­de­rer Abend

Peiner Allgemeine Zeitung - - SENIOREN -

Es war im Jahr 1969. Tsche­chi­en er­hol­te sich lang­sam vom Schock der rus­si­schen Ok­ku­pa­ti­on und nach­dem im Au­gust 1968 sämt­li­che Un­ter­hal­tungs­lo­ka­le ge­schlos­sen wor­den wa­ren, nor­ma­li­sier­te sich jetzt vie­les. Auch un­se­re Band durf­te wie­der auf­tre­ten. Wir be­ka­men ei­nen Jah­res­ver­trag für das hoch über der Stadt Brünn ge­le­ge­ne Tanz-Re­stau­rant „Jä­ger­haus“, doch bald er­klär­te mir der Ge­schäfts­füh­rer, dass er lei­der nur die Band oh­ne Sän­ge­rin be­zah­len kön­ne. Ich be­kä­me je­doch freie Ko­stund Ge­trän­ke­wahl. Ich durf­te hier wei­ter sin­gen!

Mei­ne Pau­sen ver­brach­te ich, Mi­ne­ral­was­ser schlür­fend, bei der Frau un­se­res Schlag­zeu­gers, die an der Bar be­dien­te. Plötz­lich setz­te sich ein blon­der, gut­aus­se­hen­der Mann da­ne­ben und sprach mich an. Trotz mei­ner lau­si­gen Deutsch­kennt­nis­se, klapp­te die Ver­stän­di­gung. Er er­zähl­te, dass er in Frank­furt wohnt und war über­rascht, als ich nicht nach­hak­te, wel­ches Frank­furt er meint. Es in­ter­es­sier­te mich nicht die Boh­ne, au­ßer­dem muss­te ich wie­der auf die Büh­ne. In der nächs­ten Pau­se kam er wie­der und brach­te Ver­stär­kung mit – ein tsche­chi­sches Ehe­paar, das ihn be­glei­te­te. Sie frag­ten mich, ob ich mit ih­nen spä­ter noch auf ei­nen „Ab­sa­cker“das Lo­kal wech­seln wür­de. Ich war ver­wun­dert über sol­che Hart­nä­ckig­keit, sag­te aber zu. Wir be­tra­ten ein Nacht­lo­kal, wo zu mei­ner Über­ra­schung ei­ne be­freun­de­te Band spiel­te. Lau­te Be­grü­ßung: „Hal­lo Dan­ny, singst du mit uns?“Ich ließ mich nicht zwei­mal bit­ten und bald schweb­te das „Sum­mer­ti­me“, durch den Raum. Es wur­de ein tol­ler Abend.

Der Rest die­ser Ge­schich­te ist schnell er­zählt. Es gin­gen vie­le Brie­fe hin und her, es gab vie­le Wie­der­se­hen und ir­gend­wann hat es rich­tig ge­funkt. Nach et­li­chen bü­ro­kra­ti­schen Hür­den hei­ra­te­ten wir 1971, zwei Ta­ge vor Hei­lig­abend. Sei­ne Freun­de wur­den un­se­re Trau­zeu­gen und mei­ne Band spiel­te ein Ab­schieds­ständ­chen im Hof des Brün­ner Rat­hau­ses. Sil­ves­ter fei­er­ten wir schon in Frank­furt/Main.

Wenn ich heu­te nach Tsche­chi­en fah­re, be­su­che, ich das zu ei­nem gro­ßen Ho­tel um­ge­bau­te „Jä­ger­haus“und las­se bei ei­nem Kaf­fee die Er­in­ne­run­gen schwei­fen. Ich schaue über die Stadt und fra­ge mich: war es Schick­sal, oder Zu­fall, dass ich gera­de an die­sem Abend an die­sem Ort­war?

Dag­mar Mei­borg

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