Ein­mal Zu­fall und dann Schick­sal

Peiner Allgemeine Zeitung - - SENIOREN -

Was ist Zu­fall oder Schick­sal? Ist es Zu­fall, dass ich 1966 mei­ne Liebs­te in Hoya ken­nen­lern­te, als sie ih­re Aus­bil­dung zur Kran­ken­schwes­ter ab­sol­vier­te? Mit ihr nach Pei­ne zog, ei­ne Fa­mi­lie grün­de­te und un­ser Le­ben sich hier ge­stal­te­te? Oder war es das Schick­sal, das es mit uns gut mein­te?

Je­der Mensch, glau­be ich, wird Zu­fall oder Schick­sal nach ei­ge­nem Gut­dün­ken be­wer­ten. Mir fällt hier­zu ei­ne klei­ne Ge­schich­te ein.

Als klei­ner Jun­ge von viel­leicht acht Jah­ren hat­te ich nach dem Schul­un­ter­richt et­was ge­bum­melt. Ei­ne Mit­schü­le­rin soll­te ei­ner Deutsch- und Ge­schichts­leh­re­rin ei­ne Map­pe, die sie ver­ges­sen hat­te, nach Hau­se brin­gen. Die hat­te sich aber ver­krü­melt und so war ich der­je­ni­ge, der die Map­pe der Leh­re­rin nach Hau­se brin­gen soll­te. Vol­ler Un­lust mach­te ich mich mit der Map­pe auf den Weg.

Als ich an ih­rer Tür klin­gel­te, öff­ne­te ei­ne et­was äl­te­re Frau mit schief­sit­zen­der Bril­le. „Wer bist Du und was willst Du hier?“Ich nann­te mei­nen Na­men und sie nahm mir die Map­pe aus der Hand. „Komm’ rein, putz Dir aber die Fü­ße ab!“, sag­te sie mit ih­rer krat­zi­gen Stim­me. So stand ich in dem klei­nen Häu­schen und wuss­te nicht, was ich hier soll­te. „So so, Adolf Wis­sel bist Du. Setz’ Dich hier hin. Möch­test Du was trin­ken?“Ir­gend­wie saß ich auf ei­nem Stuhl und ver­such­te gera­de zu sit­zen. Sie stell­te mir ei­ne Tas­se Pfef­fer­minz­tee und ei­nen Tel­ler mit Kek­sen auf den Tisch und setz­te sich zu mir. „Iss ru­hig die Kek­se. Wie ich ge­hört ha­be, ist Dei­ne Schön­schrift nicht gut. Das werden wir än­dern.“Sie hol­te ein Heft und ei­nen Fül­ler und sag­te: „All’ das was oben steht, wird sau­ber nach­ge­schrie­ben!“So füll­te ich ei­ne Sei­te im Heft aus.

Seit die­sem Tag muss­te ich zwei­mal die Wo­che bei ihr er­schei­nen, um Schrei­ben zu üben und Tee zu trin­ken. Am bes­ten wa­ren ih­re Kek­se. Nach ei­ni­ger Zeit be­kam ich von ihr ei­ne Be­schei­ni­gung, um Bü­cher aus der Stadt­bü­che­rei aus­lei­hen zu kön­nen. Die­se Zeit war ei­ne der schöns­ten. Ich war Win­ne­tou und zog durch das wil­de Kur­dis­tan, an­gel­te mit Huck­le­ber­ry Finn und reis­te mit dem „Flie­gen­dem Klas­sen­zim­mer“. Ein­mal Zu­fall und dann Schick­sal.

Ab­schieds­ständ­chen im Hof des Brün­ner Rat­hau­ses.

Adolf Wis­sel

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.