Die neue Mit­te

Auf dem Weg zur neu­en Volks­par­tei: Die Grü­nen er­le­Ben der­zeit ei­nen Hö­hen­flug wie nie zu­vor, die Füh­rung steu­ert die Par­tei kon­se­quent in die Mit­te. Was maCht das mit der eins­ti­gen Pro­test­Be­we­gung? Ein Grün­dungs­mit­glied und Neu­ein­stei­ger er­zäh­len.

Peiner Allgemeine Zeitung - - BLICK IN DIE ZEIT - VON MAR­KUS DECKER UND MA­RI­NA KORM­BAKI

Wenn man mit Wolf-Die­ter Ha­sen­cle­ver spricht, dann leuch­ten die al­ten Zei­ten wie­der auf. „Am An­fang gab es noch lin­ke Stör­trupps“, sagt der 72-Jäh­ri­ge. „Ei­ne Frau hat mir zum Bei­spiel mal bei ei­nem Lan­des­par­tei­tag in Ess­lin­gen ei­nen Schlüs­sel­bund über die Wan­ge ge­zo­gen, weil ihr mein eher auf die Mit­te aus­ge­rich­te­ter Kurs nicht pass­te.“Die Nar­be hat er im­mer noch. Wäh­rend Har­mo­nie in der Öko­par­tei heu­te Pflicht ist, sei da­mals noch „mit här­te­ren Ban­da­gen ge­kämpft“wor­den.

Ha­sen­cle­ver, der lan­ge Zeit in Ba­den-Würt­tem­berg Po­li­tik mach­te und heu­te in Ber­lin lebt, ist ein Grü­ner der ers­ten Stun­de. „Ich war ei­ner der Mit­be­grün­der der Par­tei“, er­zählt er, und zwar 1979 zu­nächst im Süd­wes­ten und ein

Jahr spä­ter auf Bun­des­ebe­ne. Beim Grün­dungs­par­tei­tag 1980 in Karls­ru­he hielt der ge­lern­te Gym­na­si­al­leh­rer die Er­öff­nungs­re­de. „Der Na­me Die Grü­nen ent­stand in Ab­stim­mung zwi­schen Her­bert Gruhl, Au­gust Hauß­lei­ter, Pe­tra Kel­ly und mir.“

Die An­fangs­zei­ten der Grü­nen wa­ren ja wild. Sie grün­de­ten sich in ei­nem gro­ßen Da­ge­gen – ge­gen die Na­to-Nach­rüs­tung und die Sta­tio­nie­rung von Pers­hing-II-Ra­ke­ten wie auch ge­gen die Atom­ener­gie und das Wald­ster­ben. Zu­gleich wa­ren die Grü­nen ein gä­ri­ger Hau­fen. En­ga­gier­te Chris­ten ge­hör­ten ge­nau­so zu den Grün­dungs­mit­glie­dern wie ehe­ma­li­ge An­hän­ger kom­mu­nis­ti­scher Grup­pen und so­ge­nann­te Öko­li­ber­tä­re, als de­ren Ex­po­nent Ha­sen­cle­ver galt.

Er zog 1980 als Ab­ge­ord­ne­ter des Wahl­krei­ses Tü­bin­gen in den Land­tag von Ba­denWürt­tem­berg ein und wur­de Frak­ti­ons­chef. 1983 trat Ha­sen­cle­ver vom Frak­ti­ons­vor­sitz zu­rück und nann­te als Grund das Ro­ta­ti­ons­prin­zip, das die Lan­des­grü­nen nach der Neu­wahl des Land­ta­ges 1984 ver­an­kern woll­ten. 1998 kan­di­dier­te der sei­ner­zeit 53-Jäh­ri­ge noch ein­mal als Ober­bür­ger­meis­ter­kan­di­dat in Tü­bin­gen und schei­ter­te nur knapp.

Un­ter dem Strich war Ha­sen­cle­vers Par­tei­kar­rie­re die Ge­schich­te ei­ner Ent­frem­dung. Wäh­rend ei­ni­ge sei­ner Mit­strei­ter den Weg in die ers­te rot-grü­ne Bun­des­re­gie­rung kri­tisch be­trach­te­ten und den Ver­rat der Grü­nen an lin­ken Idea­len be­klag­ten, ging Ha­sen­cle­ver der Marsch in die li­be­ra­le Mit­te nicht kon­se­quent ge­nug. 2001 ver­ließ der Va­ter von zwei Kin­dern die Grü­nen und wech­sel­te zur FDP. Aus­schlag­ge­bend war, dass der im Ver­gleich zum Lan­des­ver­band Ba­den-Würt­tem­berg we­sent­lich lin­ker ori­en­tier­te Ber­li­ner Lan­des­ver­band mit der PDS ko­ope­rier­te. Für ihn be­deu­tet die ak­tu­el­le Er­folgs­wel­le der Grü­nen auch dank des prag­ma­ti­schen Kur­ses der Mit­te ei­ne spä­te Ver­söh­nung. „Wä­re ich in Ba­den-Würt­tem­berg ge­blie­ben, wä­re ich wahr­schein­lich noch drin“, sagt er heu­te.

Ha­sen­cle­vers Nach­fol­ger Amt des Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den im ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Land­tag trägt üb­ri­gens ei­nen be­rühm­ten Na­men: Win­fried Kret­sch­mann. Für den heu­ti­gen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten hat sich das Aus­har­ren ge­lohnt.

Tat­säch­lich kann man die Ge­schich­te der Grü­nen auch als lan­gen Weg in die po­li­ti­sche Mit­te er­zäh­len. 1983 rück­ten sie erst­mals in den Bun­des­tag ein, mit Rau­sche­bär­ten, wei­ten Klei­dern und Strick­pull­overn. Zwei Jah­re spä­ter wur­de Josch­ka Fi­scher grü­ner Um­welt­mi­nis­ter in Hes­sen und er­schien mit Turn­schu­hen zur Ve­rei­di­gung. 1990 flo­gen die West-Grü­nen aus dem Bun­des­tag raus, nicht zu­letzt weil sie zur Wie­der­ver­ei­ni­gung ei­ne min­des­tens in­dif­fe­ren­te Hal­tung ein­nah­men. Nur acht Ost-Grü­ne schaff­ten es. 1998 folg­te der Tri­umph. Die Grü­nen bil­de­ten mit der SPD ei­ne Bun­des­re­gie­rung; da hat­ten die „Rea­los“die „Fun­dis“längst ge­schla­gen. Fi­scher wur­de Au­ßen­mi­nis­ter und er­schien fort­an im Drei­tei­ler.

Nun, im Herbst 2017, war ei­ne wei­te­re Re­gie­rungs­be­tei­li­gung zum Grei­fen na­he; Ja­mai­ka schei­ter­te nicht an den Grü­nen. Es schei­ter­te an der FDP. Un­ter­des­sen sind die Grü­nen an neun Lan­des­re­gie­run­gen be­tei­ligt. In Um­fra­gen ran­gie­ren sie bei über 20 Pro­zent. Bun­des­ge­schäfts­füh­rer Micha­el Kell­ner be­gann sei­ne Pres­se­kon­fe­renz am Mitt­woch mit den Wor­ten: „Wir sind der Schritt­ma­cher der deut­schen Po­li­tik; der La­den brummt.“Das war nicht über­trie­ben.

Der Öko­par­tei ist es ge­lun­gen, aus den ge­schei­ter­ten Ja­mai­ka-Ver­hand­lun­gen als Ge­win­ner her­vor­zu­ge­hen. Mit ih­rem de­mons­tra­ti­ven Wil­len zum Re­gie­ren ha­ben sie sich ei­nen staats­tra­gen­den An­strich ver­passt, der ih­nen auch jen­seits des Öko­mi­lieus Zu­lauf be­schert. Und mit dem fröh­li­chen Wech­sel von Cem Öz­de­mir und Si­mo­ne Pe­ter zu Ro­bert Ha­beck und An­na­le­na Ba­er­bock an der Par­tei­spit­ze An­fang des Jah­res setz­ten sich die Grü­nen deut­lich ab von Uni­on und SPD, die von Er­neue­rung spra­chen, sie aber nicht lie­fer­ten. Se­rio­si­tät in der Sa­che und gu­te Lau­ne im Auf­tritt – das ist dieFor­mel,di­edenG­rü­nen­ge­ra­de das 70 000. Par­tei­mit­glied be­schert hat.

Zu den Neu­zu­gän­gen des Jah­res 2018 ge­hört Ma­thi­as Böhn­ke, 58, An­ge­stell­ter im kauf­män­ni­schen Be­reich und lang­jäh­ri­ger zwei­ter Vor­sit­zen­der des Schüt­zen­ver­eins Jelm­storf und Um­ge­gend e. V. Die Grü­nen vom Kreis­ver­band Uel­zen in Nie­der­sach­sen ha­ben schon et­was ge­staunt, als im Sep­tem­ber plötz­lich ein wahr­haf­ti­ger Schüt­ze vor ih­nen saß – ein Mi­lieu, das mit den Grü­nen ei­gent­lich tra­di­tio­nell frem­delt. Doch auch die­se kul­tu­rel­len Hür­den schei­nen nicht mehr un­über­wind­bar. Ei­gent­lich, er­zählt Böhn­ke, sei er schon län­ger ein grü­ner Schüt­ze. Seit­dem Josch­ka Fi­scher den Grü­nen ih­re Rea­li­täts­fer­ne aus­ge­trie­ben ha­be, ha­be er im­mer grün ge­wählt. Böhn­ke hat die Öl­hei­zung zu Hau­se ge­gen ei­ne Pelim le­t­hei­zung ein­ge­tauscht und ei­ne So­lar­an­la­ge aufs Dach ge­setzt – „um hin­ter­her sa­gen zu kön­nen: Wir ha­ben we­nigs­tens was ge­tan für die­sen Pla­ne­ten“, sagt der drei­fa­che Fa­mi­li­en­va­ter. Aber der Par­tei bei­tre­ten? Die Fra­ge blieb of­fen. Bis Böhn­ke Ha­beck im Ra­dio hör­te.

„Den Wort­laut ha­be ich nicht mehr im Ohr, aber sinn­ge­mäß mein­te Ha­beck, dass die Kraft in der Über­zeu­gung lie­gen müs­se, nicht in Vor­ga­ben.“„Kraft in der Über­zeu­gung“– das klingt schon sehr nach Ha­beck und sei­nen wuch­tig-va­gen Wor­ten. „Auf mich wirk­te das ehr­lich“, sagt Böhn­ke. „Da gibt ei­ner zu, dass er nicht al­le für sich ge­win­nen kann, will sich aber Mü­he ge­ben.“Für ihn sei dies der aus­schlag­ge­ben­de Punkt für den Par­tei­ein­tritt ge­we­sen: „Die Zeit der ober­leh­rer­haf­ten Grü­nen ist vor­bei – da­für ste­hen Ro­bert Ha­beck und An­na­le­na Ba­er­bock.“Böhn­kes sehn­lichs­ter Wunsch als Ne­u­mit­glied? „Dass der nächs­te Kanz­ler oder die nächs­te Kanz­le­rin grün ist.“Da­für wol­le er sich nun im Kreis­ver­band ein­set­zen.

Die en­er­gi­schen Land­tags­wahl­kämp­fe der hes­si­schen und, mehr noch, der baye­ri­schen Grü­nen ha­ben auch ih­ren An­teil am Er­folg. Von den 70 000 Mit­glie­dern stellt al­lein der baye­ri­sche Lan­des- ver­band 10 000. Zu ih­nen zählt Le­na Bei­er, 25, Po­li­tik­stu­den­tin in München. Sie hat sich zu Jah­res­be­ginn für ei­ne Par­tei­mit­glied­schaft ent­schie­den, aus Sor­ge ums gro­ße Gan­ze. „Die rech­ten, au­to­ri­tä­ren Kräf­te wer­den stär­ker, da will ich nicht pas­siv blei­ben“, sagt Bei­er. Sie war da­bei, als Zehn­tau­sen­de Münch­ner im Som­mer ge­gen die Po­li­zei- und Asyl­ge­set­ze der CSU de­mons­trier­ten, die Grü­nen sei­en das Ge­gen­mo­dell zu ei­ner auf Ab­schot­tung ab­zie­len­den Po­li­tik. Bei­er ist über­zeugt, dass kei­ne an­de­re Par­tei die The­men ih­rer Ge­ne­ra­ti­on so ernst nimmt: „Kli­ma­kri­se, Gleich­be­rech­ti­gung, Di­gi­ta­li­sie­rung – die Grü­nen den­ken die­se The­men zu­sam­men.“

Bei­er ge­hört zum nicht klei­nen Kreis von Grü­nen-Sym­pa­thi­san­tin­nen, die mit viel Re­spekt von Ba­er­bock spre­chen. Das kämp­fe­ri­sche Auf­tre­ten hin­ter­lässt Ein­druck. „Für mich als jun­ge Frau ist Ba­er­bock ein Vor­bild“, sagt die Stu­den­tin und lobt die Par­tei­che­fin für de­ren ana­ly­ti­schen Blick. Als Kanz­le­rin aber sieht Bei­er Ba­er­bock noch nicht. Das Um­fra­ge­hoch sei ja schön und gut, aber: „Auf dem Bo­den blei­ben.“

Of­fen­sicht­lich ist: Die grü­nen Flü­gel­kämp­fe sind für Böhn­ke und Bei­er vor al­lem ei­nes – Ge­schich­te.

Auf dem Bo­den zu blei­ben emp­fiehlt auch Wolf-Die­ter Ha­sen­cle­ver. Das Grün­dungs­mit­glied lobt zwar: „Mitt­ler­wei­le hat sich bei den Grü­nen der Ge­dan­ke durch­ge­setzt, dass man po­li­ti­sche Ver­än­de­run­gen nicht vom Rand her durch­set­zen kann, son­dern nur aus der Mit­te. Die Wen­de kam mit Cem Öz­de­mir.“Gleich­wohl se­he er zum Teil noch ei­ne Ver­drän­gung von Pro­ble­men, et­wa bei den The­men Flücht­lin­ge oder En­er­gie. Man müs­se Miss­stän­de klar an­spre­chen und be­kämp­fen. Denn: „Das Volk ist nicht so dumm, wie man glaubt.“Wür­de die Grü­nen-Po­li­tik noch rea­lis­ti­scher, „dann sind 30 Pro­zent auch bun­des­weit mög­lich“.

Das Volk ist nicht so dumm, wie man glaubt. Wolf-Die­ter Ha­sen­cle­ver, Grü­nen­G­rün­dungs­mit­glied

Kli­ma­kri­se, Gleich­be­rech­ti­gung, Di­gi­ta­li­sie­rung – die Grü­nen den­ken die­se The­men zu­sam­men.

Le­na Bei­er, Ne­u­mit­glied der Grü­nen

FO­TO: BERND VON JU­TRC­ZEN­KA/DPA FO­TOS: UL­RICH BAUM­GAR­TEN/DPA, DB OBERTREIS/DPA

Gut ge­launt und po­li­tisch prag­ma­tisch: Seit An­fang des Jah­res füh­ren die Vor­sit­zen­den Ro­bert Ha­beck und An­na­le­na Ba­er­bock die Grü­nen. Ihr Ziel: Ei­ne grü­ne Volks­par­tei. Grü­ne der ers­ten Stun­de: Die Grü­nen-Ab­ge­ord­ne­ten Die­ter Dra­bi­ni­ok (gro­ßes Fo­to, links) und Gert Jann­sen 1983 im Bun­des­tag. Grü­nen-Mit­be­grün­der Wolf-Die­ter Ha­sen­cle­ver (klei­nes Fo­to, rechts) war zu die­ser Zeit Ab­ge­ord­ne­ter im Stutt­gar­ter Land­tag – ge­mein­sam mit Win­fried Kret­sch­mann (links).

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