Ed­des­ser: „Lie­be El­tern, ich bin auf das Letz­te vor­be­rei­tet!“

Feld­post­brie­fe aus dem Ers­ten Welt­krieg sind auch nach 100 Jah­ren noch ein­drucks­vol­le Zeit­do­ku­men­te

Peiner Allgemeine Zeitung - - KREIS PEINE - VON KERS­TIN WOS­NITZA

EDDESSE. Das En­de des Ers­ten Welt­kriegs jährt sich am mor­gi­gen Sonn­tag zum 100. Mail. In­ten­siv mit die­sem The­ma aus­ein­an­der ge­setzt hat sich auch auf der Grund­la­ge der Ge­schich­te ih­rer ei­ge­nen Fa­mi­lie die Orts­hei­mat­pfle­ge­rin in Eddesse, Adel­heid Schmidt.

„Die Er­in­ne­rung an den Ers­ten Welt­krieg ist noch in vie­len Fa­mi­li­en und auch im öf­fent­li­chen Be­wusst­sein le­ben­dig“, sagt sie. Aus No­ti­zen, Brie­fen und Do­ku­men­ten las­se sich viel über Ein­zel­schick­sa­le er­fah­ren, ins­be­son­de­re über Elend, Leid und Ver­zweif­lung.

„Be­son­ders an­schau­lich wer­den die Kriegs­er­leb­nis­se in den Feld­post­brie­fen der Sol­da­ten“, weiß die Orts­hei­mat­pfle­ge­rin. Oft ging es dar­in um das All­tags­le­ben an der Front wie die man­gel­haf­te Ver­pfle­gung, den Ta­bak, den Kampf ge­gen die Läu­se, das Le­ben an der Front oder den Hei­mat­ur­laub. „Das mag ba­nal klin­gen. Für die Men­schen im Krieg war es das aber nicht, denn al­lein der Brief war schon wich­tig, war er doch ein kost­ba­res Le­bens­zei­chen“, macht Schmidt deut­lich.

Meh­re­re sol­cher Brie­fe hat ihr On­kel Ot­to Dett­mer, der 1916 in der Nä­he von Ver­dun in Frank­reich kämpf­te, an sei­ne El­tern ge­schrie­ben. Be­son­ders in ei­nem – da­tiert am 14. April 1916 – be­schreibt er in be­we­gen­den Wor­ten die Er­leb­nis­se bei ei­nem Sturm­an­griff.

„Ein Bild wird mir ein Le­ben lang vor Au­gen ste­hen. Ich kann es nicht ver­ges­sen, die letz­ten Ta­ge hier oben in der Höl­le wa­ren ent­setz­lich. Rechts und links schlu­gen die Gra­na­ten ein, wühl­ten den wei­chen Acker­bo­den auf und über­schüt­te­ten uns mit ei­nem Ha­gel von Er­de und Gesteins­stü­cken. Es war ei­ne schwe­re, blu­ti­ge Schlacht. Vie­le mei­ner Ka­me­ra­den la­gen drau­ßen auf dem Feld mit ge­bro­che­nen Au­gen. So man­cher schlepp­te sich im Elend sei­ner Wun­den zum Ver­bands­platz. Wir Über­le­ben­den la­gen frös­telnd und apa­thisch am Ran­de ei­nes klei­nen Dor­fes in­mit­ten ver­we­sen­der Lei­chen. In mir häm­mern noch die Auf­re­gun­gen und Ängs­te des furcht­ba­ren Kamp­fes. Die­se Au­gen­bli­cke, dem Tod ins Au­ge zu schau­en, fern von al­len Lie­ben da­heim, sind nicht zu be­schrei­ben. Da­zu der quä­len­de Durst. Mei­ne Hän­de sind voll­stän­dig durch­ge­scheu­ert vom Ran­schlep­pen der Mu­ni­ti­on. Nun ha­be ich , wie fast al­le, bei dem Rück­zug viel ein­ge­büßt. Bin aber froh, das Le­ben ge­ret­tet zu ha­ben. Mor­gen wird es wie­der fort­ge­hen, wo­hin weiß kei­ner, wahr­schein­lich wie­der hin­ein in die Höl­le. Nun lebt wohl, mei­ne lie­ben El­tern. Wenn wir wie­der hin­aus müs­sen, ha­ben wir uns auf das Letz­te vor­be­rei­tet.“

Es soll­te tat­säch­lich der letz­te Brief von Ot­to Dett­mer aus Eddesse sein: Zwei Wo­chen spä­ter wur­de den El­tern mit­ge­teilt, dass ihr 25-jäh­ri­ger Sohn Ot­to vor Ver­dun ge­fal­len ist. Ei­nen Tag dar­auf er­reich­te sie die nächs­te To­des­nach­richt: Ihr 31-jäh­ri­ger Sohn Fritz war eben­falls bei Ver­dun ge­fal­len.

Ot­to Dett­mer aus Eddesse als Sol­dat wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs. Er wur­de nur 25 Jah­re alt.

Das Gr­ab von Ot­to Dett­mer 1916. Das Fo­to wur­de den El­tern ge­schickt.

Adel­heid Schmidt.

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