Mei­ne SMS ist wich­ti­ger

Peiner Allgemeine Zeitung - - HANNOVER - VON HANS-PE­TER WIE­CHERS

▶ Ei­gent­lich woll­te ich mich nicht mehr über die rück­sichts­lo­sen Nut­zer von Mo­bil­te­le­fo­nen auf­re­gen. Sie ha­ben nun mal un­se­re Welt er­obert. Bas­ta. Nur die­ses ei­ne Mal noch: Es reg­net. Die Bahn kommt. Ich will schnell rein. Vor mir geht ei­ner. Nein, er trot­tet, schleicht. Ich spü­re ers­te Trop­fen hin­ten im Kra­gen, und mei­ne Lau­ne lei­det. Dann se­he ich, dass er ver­son­nen ei­ne Bot­schaft in sein Han­dy tippt. Zwei Sa­chen gleich­zei­tig, ge­hen und tip­pen, kann er nicht, al­so ste­hen ich und die an­de­ren, hin­ter und ne­ben mir, im Re­gen. Ich wür­de ihn gern et­was schub­sen, aber er ist groß wie ein Bas­ket­ball­spie­ler.

Wo sind wir hin­ge­kom­men? In Fahr­rad­stra­ßen blo­ckie­ren Rad­fah­rer die Au­tos, in der 30er-Zo­ne blo­ckie­ren Au­tos die Bus­se. Je­der hat nur noch die ei­ge­nen In­ter­es­sen im

Sinn. Sol­len die an­de­ren doch im Re­gen war­ten. Mei­ne SMS ist wich­ti­ger.

Ich bin dann doch noch in die Bahn ge­langt. Die gu­ten, brei­ten Plät­ze wa­ren na­tür­lich schon be­setzt. Ich muss­te mir ei­nen die­ser Sit­ze für dün­ne Kin­der run­ter­klap­pen. Wir fuh­ren los, ich schau­te mich um. In mei­ner Um­ge­bung vier SMS-Au­to­ren und ei­ne Da­me mitt­le­ren Al­ters, die mit ei­nem sil­ber­far­be­nen Dreh­blei­stift in ei­nen klei­nen Ka­len­der schrieb. Was für ein An­blick! Ein Mensch, der noch die Kunst der hand­schrift­li­chen No­tiz pflegt. Auch ich pack­te mein klei­nes Merk­heft aus, in­zwi­schen ist das neun­te Ex­em­plar in Ge­brauch. Ich no­tier­te mir dar­in (für all die Bü­cher, die ich noch schrei­ben wer­de) Ge­dan­ken, Ide­en und Er­leb­nis­se.

Ich schrieb ir­gend­was und hoff­te, dass die Frau mit dem Dreh­blei­stift mal auf­schau­en wür­de. Wir hät­ten uns zu­lä­cheln kön­nen. Ein klei­ner, stum­mer Flirt viel­leicht? Zwei Ma­schi­nen­stür­mer in der Han­dy­welt. Aber sie war zu sehr mit ih­ren Notizen be­schäf­tigt. Und dann ka­men wir zum Kröp­cke, und ich muss­te raus, was zum Glück rei­bungs­los von­stat­ten­ging. Der Lan­ge mit sei­nem Han­dy war wohl schon vor­her aus­ge­stie­gen.

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