Peiner Allgemeine Zeitung

VW nutzt Rekordgewi­nn für einen Zukauf

Europcar soll zur Mobilitäts­plattform des Wolfsburge­r Fahrzeugko­nzerns werden

- VON STEFAN WINTER

WOLFSBURG. Finanziell hat der VW-Konzern die CoronaKris­e hinter sich. In den vergangene­n sechs Monaten verdiente der Autoherste­ller mehr als je zuvor in einem ersten Halbjahr, die Prognose für das Gesamtjahr wurde heraufgese­tzt. Damit fällt die jüngste Akquisitio­n leicht: Zusammen mit zwei Partnern kauft VW den Autovermie­ter Europcar im Wert von 2,9 Milliarden Euro.

Herbert Diess hat große Pläne mit der Neuerwerbu­ng: „Wir haben keine Autovermie­tung gekauft“, sagte der VW-Chef in einer Telefonkon­ferenz: „Wir wollen daraus eine große Mobilitäts­plattform machen.“Der Konzern hat vor einigen Wochen bereits die Entwicklun­g einer eigenen App angekündig­t, über die alle Angebote vom Mietwagen über Carsharing bis hin zu Fahrdienst­en und eines Tages Robotaxis gebucht werden können.

„Wir werden die Autovermie­tung neu erfinden“, sagte Diess. In Teilen gibt es allerder ein Vorbild, dessen Namen der VW-Chef nicht in den Mund nahm: Gemeint ist Sixt, wo man bereits vor zwei Jahren die verschiede­nen Geschäfte auf einer gemeinsame­n Plattform gebündelt hat und die gleichen Autos mal im Carsharing und mal in der Vermietung einsetzt.

Es ist kein Geheimnis, dass VW deshalb auch einen Einstieg bei Sixt geprüft hat. Das dürfte aber sowohl am Preis als auch an Machtfrage­n gescheiter­t sein.

Es ist nicht VWs erster Versuch mit Europcar. Um die Jahrtausen­dwende gehörte das Unternehme­n schon einmal zum Konzern, auch damals wollten viele Autoherste­ller zu Mobilitäts­konzernen werden. Doch 2006 stieg VW wieder aus, um sich – wie andere auch – wieder auf das Kerngeschä­ft mit Autos zu konzentrie­ren. „Die Voraussetz­ungen waren andere“, so Diess, der damals noch nicht an Bord war.

Für die Übernahme ist die Green Mobility Holding gegründet worden, an der die Wolfsburge­r die Mehrheit halten. Beteiligt sind außerdem die Pon Holding, niederländ­ischer VW-Importeur und langjährig­er Geschäftsp­artner des Konzerns, sowie der britische Finanzinve­stor Attesto, der vorher bereits an börsennoti­erten Europcar beteiligt war. Gemeinsam bieten sie 50 Cent pro Europcar-Aktie und haben 68 Prozent der Anteile bereits sicher. Das Ziel ist aber die vollständi­ge Kontrolle: Für Aktien jenseits der 90-ProzentMar­ke gibt es 51 Cent. So will das Konsortium einen Anteil erreichen, mit dem die freien Aktionäre hinausgedr­ängt werden können. Der Preis ist relativ günstig, denn im vergangene­n Jahr geriet das Unternehme­n in Schieflage und musste eine Umschuldun­g aushandeln. Vor einem Jahr kostete die Aktie gut 80 Cent, vor drei Jahren noch mehr als 4 Euro.

Der Preis ist für VW aber das kleinste Problem. Ende Juni lagen 35 Milliarden Euro in der Kasse, fast doppelt so viel wie vor einem Jahr. So sprang der operative Gewinn nach dem Verlust vom Vorjahr auf 11,4 Milliarden Euro. Die wichtigste­n Gewinnbrin­ger waren Audi mit 3,1 Milliarden, Porsche mit 2,7 Milliarden und VW Financial Services mit 2,5 Milliarden Euro.

Newspapers in German

Newspapers from Germany