Peiner Allgemeine Zeitung

„Bieder und unsexy“: So wirbt Hannover in Norddeutsc­hland

Auf 3000 Großplakat­en soll die Region schmackhaf­t gemacht werden

- VON CONRAD VON MEDING

Hannover. Mit 1500 Litfaßsäul­enplakaten und fast ebenso vielen Vollfläche­nplakaten wirbt Hannover in ganz Norddeutsc­hland für Städtetour­en in die Landeshaup­tstadt und das grüne Umland. Die etwas bieder gestaltete­n Designs aber rufen teils hämischen Spott hervor.

„Spießige Ansichtska­rtenmotive plus nervenscho­nendes Lindgrün“, kommentier­t etwa Florian Fischer, der von einem Kieler Freund ein Foto von der Hannover-Werbung an der Förde zugeschick­t bekam. „Die Leute von der Zielgruppe werden vor Aufregung Gänsehaut bekommen, wenn sie an uns Unaufgereg­ten denken, und sofort aufbrechen, um statt ihre Förde den Maschsee zu umrunden“, lästert Fischer, der als Grafikdesi­gner und Künstler im Hainhölzer Helmkehof arbeitet.

„Hannover braucht wohl

Touristen“, witzelte der ExilHannov­eraner Niklas Jandt (31), als er in diversen Bahnstatio­nen seiner Hamburger Wahlheimat Plakate aus der Stadt an der Leine entdeckte und an eine Bekannte nach Hannover schickte. Am Jungfernst­ieg prangt Werbung für die Herrenhäus­er Gärten, an der Horner

Rennbahn lädt Hannover ein in die „Urlaubsreg­ion“mit Marienburg, Steinhuder Meer und Zoo. Und über allem leuchtet der neue Werbespruc­h: „Aufregend unaufgereg­t“.

Seit 21 Jahren hat Hannover keinen Werbespruc­h mehr (die Experten sagen „Claim“dazu). Aus gutem Grund. Damals lautete er „Hannover hat’s drauf“, und als Hans Christian Nolte in jenen Expo-Jahren zum Chef der örtlichen Marketinga­gentur berufen wurde, schaffte er ihn ganz schnell ab. Claims sollten Städte eigentlich unverwechs­elbar machen, sind aber längst zu billigen Wortspiele­n ohne jede Wirkung verkommen.

Jetzt sagt Nolte: „Der neue Claim ist in einem großen Leitbildpr­ozess entwickelt worden und vom Aufsichtsr­at beschlosse­n.“Eine Agentur hat untersucht, was das Besondere ist an Hannover, vor allem mit dem Fokus darauf, aufstreben­de Fachkräfte anzulocken. Die Marketingl­eute entdeckten, dass Hannover zwar als Veranstalt­ungsstadt viel mehr zu bieten hat als alle anderen 500 000Einwohn­er-Städte, dass die Menschen hier aber kein großes Aufhebens darum machen. Schwups, war das Wortspiel vom aufregend Unaufgereg­ten geboren. Aber lockt das jemanden nach Hannover? „Prickelnd, ab dahin“, witzelt Theatermac­herin Helga Lauenstein ironisch auf Facebook zu der Einladung nach Hannover. „Understate­ment der schlimmste­n Art“, befindet der Lindener Künstler Jan Philipp Lücke. Grafikdesi­gner Fischer hingegen findet den Spruch selbst nicht wirklich schlecht („ein Paradox ist werblich eher günstig“, sagt er), sondern die „biedere Auswahl und verstaubte Präsentati­on der Bildmotive“.

SPD-Ratsfrau Belgin Zaman will die Art der Hannover-Werbung nach den Sommerferi­en in den Ratsgremie­n thematisie­ren. „Biederer geht es kaum – wen lockt denn so was nach Hannover?“, fragt sie. „Wenig sexy“seien die Motive.

Als Chef der Hannover Marketingu­nd Tourismusg­esellschaf­t HMTG nimmt Nolte den Spott gelassen. „Solange man darüber spricht, ist Werbung gut. Das bringt Reichweite für die Urlaubsreg­ion“, sagt Nolte.

Spießige Ansichtska­rtenmotive plus nervenscho­nendes Lindgrün. Florian Fischer, Kieler Grafiker

 ?? FOTO: NIKLAS JANDT ?? „Aufregend unaufgereg­t“am Hamburger Jungfernst­ieg: So präsentier­t Hannovers Marketingg­esellschaf­t HMTG die Urlaubsreg­ion auf Plakatwänd­en in anderen Städten.
FOTO: NIKLAS JANDT „Aufregend unaufgereg­t“am Hamburger Jungfernst­ieg: So präsentier­t Hannovers Marketingg­esellschaf­t HMTG die Urlaubsreg­ion auf Plakatwänd­en in anderen Städten.

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