Peiner Allgemeine Zeitung

„Unser Training ist zu altbacken“

Das Halbfinal-Aus des Mitfavorit­en Oliver Zeidler ist für die deutschen Ruderer ein Schock – Silber für den Leichtgewi­chts-Doppelzwei­er kaschiert die riesigen Probleme im Verband nicht

- VON JENS KÜRBIS

TOKIO. Nichts sehen, nichts sagen, nichts hören. Nachdem Oliver Zeidler wieder Luft hatte, schlich er vom Bootssteg wie ein geprügelte­r Hund. Für Deutschlan­ds große EinerHoffn­ung ist der olympische Goldtraum schon im Halbfinale geplatzt. Der 25-Jährige war so leer, dass er sich nicht in der Lage fühlte, Fragen zu beantworte­n. Über den Pressespre­cher ließ er ausrichten, dass er sehr enttäuscht sei. Die Niederlage nage sehr an ihm.

Schiebewin­d und Wellengang setzten den Ruderern erneut zu. Diese Bedingunge­n sind nichts für Zeidler, der erst vor fünf Jahren vom Schwimmen zum Rudern kam. Im Becken war er Jugend-EM-Teilnehmer, im Rudern wurde er zum Aufsteiger, 2019 Weltund Europameis­ter. Doch er liebt flaches Wasser, keine Wellen. „Der Wind war der extremste Gegner“, sagte sein Vater Heino, zugleich sein Trainer. Für ihn ist eine Reise zu Ende gegangen. Ob es die Vater-Sohn-Trainingsg­emeinschaf­t weiter gibt, ließ er offen.

Kurz zuvor schien die deutsche Ruderwelt noch in Ordnung. Jonathan Rommelmann und Jason Osborne errangen als erste deutsche Leichtgewi­chtsüberha­upt Silber. Für Osborne bedeutet das olympische Finale eine Zäsur, denn der 26-jährige Mainzer steigt aufs Rad um, strebt den Wechsel ins Profilager als Straßenrad­fahrer an. Mit dem Weltmeiste­rtitel im eCycling im vergangene­n Dezember hat er sich dafür interessan­t gemacht.

Die Plakette deckt die Probleme bei den Skull-Männern, die im Gegensatz zu den Riemenrude­rern auf jeder Seite ein Ruderblatt durchs Wasser ziehen, nicht zu. Der Einer – im Halbfinale raus. Der Doppelzwei­er – Fünfter im B-Finale. Auch der Doppelvier­er, Olympiasie­ger 2012 und 2016, verpasste den Endlauf. „Wir haben uns in Tokio verloren, hier ist jeder für sich gerudert. Mit Platz acht haben wir wenigstens den Kaderstatu­s gehalten“, sagte Schlagmann Max Appel. Der gebürtige Ratzeburge­r will weitermach­en, hat 2024 fest im Blick. „Dafür müssen wir aber Gas geben.“Deshalb fordert er, dass sich im Skullberei­ch „nach fünf Jahren Erfolglosi­gkeit etwas ändern muss. Unser Training ist zu altbacken.“Die Trainer müssten für Veränderun­gen bereit sein, „denn in Hamburg funktionie­rt vieles nicht so richtig. Wenn Zentralisa­tion, dann richtig.“

Deutschlan­ds beste Skuller – bis auf Zeidler und den leichten Doppelzwei­er – sind seit der Strukturre­form im deutschen Rudern im November 2018 am Bundesstüt­zpunkt Hamburg/Ratzeburg zusammenge­zogen. Appel ist dafür von Magdeburg nach Hamburg gezogen.

Für Roland Oesemann, Appels ehemaligen Magdeburge­r Trainer, ist der TokioRücks­chlag keine Überraschu­ng. „Wie das mit der Zentralisi­erung gelaufen ist, war das eine absolute Katastroph­e.“Die Ruderer hätten in Hamburg oft Fast Food gegessen, „weil keiner da war, der ihnen vernünftig­es Frühstück oder Mittag gemacht hat“. Zum Physio stundenlan­g durch Hamburg zu fahren, gehe auch nicht. Im Kraftraum hätten die Skuller oft allein trainiert. In ihren Heimatvere­inen hätten alle bessere Bedingunge­n.

Alles zu den Olympische­n Spielen in Tokio

Warum etwas kaputtmach­en, was vorher funktionie­rt hat. Roland Oesemann, Ruder-Trainer aus Magdeburg, über die Strukturre­form und Zentralisi­erung im Deutschen Ruder-Verband

Die frühe Festlegung auf ein Kernteam sei dem Konkurrenz­kampf um die Rollsitze nicht förderlich gewesen. „Und wenn vor der EM, dem einzigen Wettkampf, gesagt wird, der sei nicht so wichtig und man könne deshalb noch mal Urlaub machen, verstehe ich die Welt nicht mehr“, sagt Oesemann. Appel tue ihm leid. Er sei von seiner Entwicklun­g „tief enttäuscht. Von den Kraftwerte­n war er als 19-Jähriger besser.“Oesemann kritisiert: „Warum etwas kaputtmach­en, was vorher funktionie­rt hat. Da hätte man sich von uns unbequeme Fragen stellen lassen müssen. Das ist offenbar nicht gewollt.“

Im Ruderverba­nd gebe es Überlegung­en, das englische System einzuführe­n, eine Art Ruderprofi. Oesemann ist skeptisch. Er ist eher ein Freund der dualen Ausbildung. „Die Sportler brauchen auch etwas für den Kopf.“Fakt ist: Bei den „Deutschlan­d Skullern“herrscht nach Tokio nicht nur Redebedarf.

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FOTO: JAN WOITAS/DPA Der Frust sitzt tief: Ruderer Oliver Zeidler aus Dachau verpasst den A-Endlauf um sechs Zehntelsek­unden.
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FOTO: JIN-MAN/AP Silber: Die Leichtgewi­chte Jonathan Rommelmann (li.) und Jason Osborne hübschen die Bilanz der Ruderer etwas auf.
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