Fes­ti­val: Ge­ni­us Lo­ci Wei­mar 2018

Production Partner - - Inhalt - Text: Le­na Voss | Fotos: Oliver Blum, Hen­ry So­win­ski (1)

Vom 10. bis 12. Au­gust 2018 ver­wan­del­te sich die Kul­tur­stadt Wei­mar in ein wah­res Lich­ter­meer. Doch hier ging es nicht ein­fach um at­mo­sphä­ri­sche Be­leuch­tung ei­ner schö­nen Alt­stadt an ei­nem lau­en Som­mer­abend. Das Fes­ti­val Ge­ni­us Lo­ci Wei­mar möch­te mit der Ver­an­stal­tung die Kul­tur­schät­ze der Stadt wie­der mehr in den Fo­kus rü­cken und durch Ein­satz di­gi­ta­ler Tech­ni­ken im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes „in neu­em Glanz er­strah­len las­sen“. Durch sei­ne Ein­zig­ar­tig­keit ist der Ge­ni­us Lo­ci Wei­mar nicht nur ein High­light des Ver­an­stal­tungs­som­mers son­dern auch ein be­kann­ter Na­me in der Krea­tiv­sze­ne ge­wor­den.

Be­reits zum sieb­ten Mal fand in die­sem Jahr der Ge­ni­us Lo­ci Wei­mar (GLW) statt. Seit sei­ner Pre­mie­re im Jahr 2012 ist das Licht­kunst­fes­ti­val mäch­tig ge­wach­sen. Heu­te fin­den ne­ben den Fas­sa­den­pro­jek­tio­nen vie­le Si­de-acts statt wie das Ge­ni­us Lo­ci Lab (In­stal­la­tio­nen und Work­shops im Vor­feld des ei­gent­li­chen Fes­ti­vals, ge­dacht als ei­ne Art Mi­ni­cam­pus auf dem Ge­län­de der Men­sa), das Av-li­ve Ki­no (au­di­tiv­vi­su­el­le Mon­ta­gen im Licht­haus­ki­no, bei de­nen Mu­si­ker li­ve zum Ge­sche­hen auf der Ki­n­o­lein­wand in­ter­agie­ren) oder auch der seit zwei Jah­ren neu hin­zu ge­kom­me­ne Ge­ni­us Lo­ci Talk, bei wel­chem in­ter­na­tio­na­le Ex­per­ten über ver­schie­de­ne Schwer­punk­te der Me­di­en­ar­chi­tek­tur re­fe­rie­ren und sich im An­schluss ei­ner Po­di­ums­dis­kus­si­on mit dem Pu­bli­kum stel­len.

Uni­kum: Ge­ni­us Lo­ci

Aber was macht ge­ra­de das Glw-fes­ti­val so be­son­ders, dass je­des Jahr bis zu 50.000 Be­su­cher die vie­len Stra­ßen und Gas­sen der klei­nen Stadt be­wan­dern? Die Ant­wort dar­auf spie­gelt sich be­reits im Na­men wie­der. Denn „Ge­ni­us Lo­ci“be­deu­tet so viel wie „Geist des Or­tes“– und ge­nau das ist es, was der GLW möch­te: den Geist des Or­tes, al­so die Be­son­der­heit der his­to­ri­schen Ge­bäu­de und sei­ne Ge­schich­ten, durch den Ein­satz mo­der­ner Me­dien­tech­ni­ken in den Vor­der­grund rü­cken. Di­gi­ta­le Denk­mal­pfle­ge al­so. Ur­ba­nes und Di­gi­ta­les soll da­bei nicht nur mit­ein­an­der ver­bun­den, son­dern durch das Zu­sam­men­wir­ken auch ei­ne ei­ge­ne, di­gi­ta­le, kon­tex­tu­el­le Spra­che ent­wi­ckelt wer­den, die dem Be­trach­ter die Ge­schich­te des Or­tes er­zählt. Thors­ten Bau­er, Ku­ra­tor des Ge­ni­us Lo­ci Talks, um­schreibt die Grund­idee des Fes­ti­vals so: „Die ver­wen­de­te Tech­no­lo­gie und der pro­du­zier­te Con­tent, al­so das neu Ge­schaf­fe­ne, trifft bei un­se­rem

Fes­ti­val auf al­ten St­ein, der ganz viel zu er­zäh­len hat, denn er hat sei­ne Ge­schich­te nar­ra­tiv über Jahr­hun­der­te hin an­ge­sam­melt. Das Di­gi­ta­le fi­xiert, ver­än­dert und kom­men­tiert al­so das Be­ste­hen­de, ord­net sich selbst da­bei un­ter und stellt da­mit das Ge­bäu­de in den Vor­der­grund.“An ge­eig­ne­ten Or­ten hier­für fehlt es in Wei­mar de­fi­ni­tiv nicht. So kön­nen je­des Jahr drei neue Or­te zur Be­spie­lung aus­ge­wählt wer­den. In die­sem Jahr fiel die Wahl auf das Goe­the­haus am Frau­en­plan, das Haus der Frau von St­ein so­wie die Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek an der Steu­ben­stra­ße.

Wett­be­werb: con­textu­al con­tent

Für die Ent­wick­lung des je­wei­li­gen Vi­deo­con­tents wird dem Ge­ni­us Lo­ci Fes­ti­val je­des Jahr ein Wett­be­werb vor­an­ge­stellt. Hier kön­nen sich Künst­ler mit ih­ren ei­gens ent­wi­ckel­ten Pro­jek­tio­nen für die je­wei­li­gen Fas­sa­den be­wer­ben – die Ge­win­ner dür­fen dann an den drei aus­ge­wähl­ten Or­ten ih­re Pro­jek­te rea­li­sie­ren. Die Be­son­der­heit beim GLW: die Ge­win­ner wer­den nicht nur durch ei­ne Ju­ry be­wer­tet, son­dern auch die Öf­fent­lich­keit kann durch ein pu­b­lic vo­te sei­ne Stim­me ab­ge­ben. Das macht das Aus­wahl­ver­fah­ren sehr de­mo­kra­tisch.

Bei der Sie­ger­eh­rung am 27. April 2018 im Pa­lais Schardt wur­den die dies­jäh­ri­gen Ge­win­ner be­kannt ge­ge­ben: 404.ze­ro be­spiel­te mit ih­rer In­stal­la­ti­on „Al­che­my“die Fas­sa­de des Goe­the­hau­ses am Frau­en­plan, Mul­tis­ca­lar er­zähl­te mit „Mu­sae“die Ge­schich­te von Goe­the und Char­lot­te von St­ein an der Fas­sa­de des Hau­ses der Frau von St­ein und 5Ele­ments ver­wan­del­ten mit ih­rer Per­for­mance „In­si­de Out“die Fas­sa­de der Bau­haus-uni­ver­si­täts­bi­blio­thek in ei­ne gi­gan­ti­sche Lein­wand. Thors­ten Bau­er: „Bei den Pro­jek­ten am Goe­the­haus und am Haus der Frau von St­ein han­del­te es sich um ty­pi­sches Pro­jec­tion Map­ping, al­so ei­ne tem­po­rä­re Ins­ze­nie­rung mit En­ter­tain­ment-cha­rak­ter, wel­ches das Ziel ver­folgt, ei­ne Ge­schich­te zu er­zäh­len. In die­sem Jahr ha­ben wir für das drit­te Ge­bäu­de, al­so die Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek, erst­mals das The­ma Me­di­en­ar­chi­tek­tur mit in die Aus­schrei­bung auf­ge­nom­men. Die Auf­ga­be war, et­was zu kon­zi­pie­ren, was auch dau­er­haft im öf­fent­li­chen Raum statt­fin­den könn­te. Das be­deu­tet al­so re­du­zier­te­re In­hal­te mit ge­rin­ger Dy­na­mik. 5Ele­ments ha­ben das ex­trem gut und in­ter­es­sant ge­löst. Sie ha­ben den Cha­rak­ter der Bi­b­lio­thek mit auf­ge­nom­men, in­dem das The­ma „Let­ter“in die Ar­chi­tek­tur hin­ein for­mu­liert und durch Wort­spie­le von Such­an­fra­gen aus der Bi­b­lio­thek auf selbst­er­dach­ten Dis­plays wie­der­ge­ge­ben wur­de. Auch auf dem rech­ten Coun­ter fan­den sich ty­pi­sche Bau­haus-ele­men­te wie­der. Das Künst­ler-team hat sich al­so auf sehr ver­spiel­te Wei­se mit dem We­sen des Uni­bi­blio­theks-ge­bäu­des aus­ein­an­der ge­setzt und durch die Me­dien­tech­nik auf die Fas­sa­den pro­ji­ziert.“

Thors­ten Bau­er, der haupt­be­ruf­lich Me­di­en­künst­ler und Grün­der des Bre­mer Un­ter­neh­mens Urb­an­screen ist, setzt ge­nau hier auch die Leit­fra­gen sei­ner ei­ge­nen For­schung an: Wel­che Ant­wor­ten kön­nen wir vi­su­ell und äs­the­tisch ge­ben, die sich den­noch mit dem öf­fent­li­chen Raum und der Stadt ver­tra­gen? Die das Ge­bäu­de in sei­ner Iden­ti­tät un­ter­stüt­zen oh­ne die Auf­merk­sam­keit von ihm ab­zu­zie­hen, wie es bei Wer­be­dis­plays zum Bei­spiel der Fall ist? „Ich fin­de es gut, dass solch wich­ti­ge, städ­te­pla­ne­ri­sche Fra­gen jetzt auch Ein­zug in das Fes­ti­val ge­fun­den ha­ben“, re­sü­miert Bau­er.

Or­ga­ni­sa­ti­on und Um­set­zung

Das Glw-fes­ti­val wird von ei­nem klei­nen Team rund um den Ge­schäfts­füh­rer Hen­drik Wend­ler or­ga­ni­siert. Wäh­rend des Fes­ti­vals wächst es von sechs Te­am­mit­glie­dern auf über 200 hel­fen­de Hän­de an. Der be­reits be­schrie­be­ne Wett­be­werb lief vom 14. Fe­bru­ar bis zum 18. März 2018 und en­de­te nach der Be­wer­tungs­pha­se in der Preis­ver­lei­hung am 27. April. Doch da­mit fing die Ar­beit erst rich­tig an.

Be­reits im Vor­feld des Wett­be­werbs muss­ten die drei Spiel­or­te fest­ge­legt und mit­tels 3D-scan­ner o. ä. ein 3D-mo­dell er­stellt wer­den. „Hier wird al­so zu­erst ein­mal die rea­le in die di­gi­ta­le Welt über­führt“, er­klärt Thors­ten Bau­er den ei­gent­li­chen Wi­der­spruch. An­hand des Mo­dels be­ginnt dann die Kon­zep­ti­on – al­so der krea­ti­ve Part der Künst­ler. Die­se wur­den hier­für im Vor­feld aus­gie­big über die His­to­rie der

Ge­bäu­de in al­len Fa­cet­ten ge­brieft, da­mit sie die Mög­lich­keit ha­ben, ge­nau auf de­ren Ge­schich­te ein­zu­ge­hen und wirk­lich kon­tex­tu­el­len Con­tent zu kre­ieren. „Das ist das Ein­zig­ar­ti­ge am Ge­ni­us Lo­ci Wei­mar: Hier be­geg­nen sich Neu­es und Al­tes par ex­cel­lence!“, be­tont Bau­er. Da­nach geht’s an die Um­set­zung: hier wird mit her­kömm­li­chen Bild­ge­stal­tungs-ge­wer­ken pro­du­ziert und der Con­tent auf die Rück­füh­rung (von der di­gi­ta­len wie­der in die rea­le Welt) vor­be­rei­tet. Im Ping-pong mit der Bild­ge­stal­tung ent­steht nun auch die pass­ge­naue Au­dioun­ter­ma­lung zum Vi­deo­con­tent.

Für die Auf­füh­rungs­rea­li­sie­rung und das ei­gent­li­che Event wird dann be­son­de­re Tech­nik be­nö­tigt: Die Bea­mer für das Fes­ti­val müs­sen be­son­ders groß und licht­stark sein. Vor al­lem be­darf es aber auch spe­zi­el­ler Me­dien­ser­ver, die meh­re­re Pro­jek­to­ren in ei­nem Bild­ver­bund dar­stel­len kön­nen. Die ver­wen­de­ten Ser­ver sind mit mul­ti­plen Aus­gän­gen aus­ge­stat­tet, an de­nen be­lie­big vie­le Pro­jek­to­ren an­ge­schlos­sen wer­den kön­nen. Die­se wer­den al­le mit ei­nem Bild ge­steu­ert, wel­ches dann so­zu­sa­gen noch in der Ma­schi­ne auf ver­schie­de­ne Bild­fel­der auf­ge­teilt wird – je nach­dem wo der Pro­jek­tor eben wel­che Bild­flä­che be­spielt. Der Me­dien­ser­ver kann in Echt­zeit die­se Bil­der dar­stel­len und di­rekt vor Ort an die be­spiel­te Flä­che an­pas­sen (sog. Image War­ping). „Beim Ge­ni­us Lo­ci Fes­ti­val kom­men hier­für Me­dien­ser­ver von Mx­wend­ler zum Ein­satz. Wei­te­re Fir­men, die ge­eig­ne­te Ser­ver be­reit­stel­len und die bei uns zum Ein­satz kom­men, sind z. B. AV Stumpfl oder Chris­tie mit Pan­do­ras Box. Die­se Pha­se dau­ert dann meist zwei oder drei Ta­ge, an­schlie­ßend wird der Sound auf­ge­stellt und an­ge­passt – und dann kön­nen die Be­su­cher ger­ne kom­men“, lacht Thors­ten Bau­er.

Und ein Aus­blick: Im kom­men­den Jahr fin­det der Ge­ni­us Lo­ci Wei­mar vom 9. bis zum 11. Au­gust 2019 statt.

Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek die Glas­front des Bi­b­lio­theks­ge­bäu­des an der Steu­ben­stra­ße wird zur rie­si­gen An­zei­ge­ta­fel.

Me­di­en­ar­chi­tek­tur für das Bi­b­lio­theks­ge­bäu­de wur­de erst­ma­lig das The­ma Me­di­en­ar­chi­tek­tur in die Aus­schrei­bung auf­ge­nom­men. Die Pro­jek­ti­on soll­te al­so dau­er­haft in­stal­liert wer­den kön­nen. Gut ge­löst vom Künst­ler-team 5Ele­ments, die so­wohl die Front als auch den rech­ten Coun­ter für die Pro­jek­ti­on nutz­ten.

Mul­tis­ca­lar Bei der Pro­jek­ti­on „Mu­sae“von Mul­tis­ca­lar wur­de mit den Mit­teln Ani­ma­ti­on, Si­mu­la­ti­on und Abs­trak­ti­on die The­ma­tik „Mu­se ver­sus Ge­nie“in­sze­niert – pas­send zur Be­zie­hung zwi­schen Goe­the und Char­lot­te von St­ein; hier pro­ji­ziert auf die Fas­sa­de des Hau­ses der Frau von St­ein.

Goe­the­haus In ih­rer Ar­beit „Al­che­my“ha­ben die rus­si­schen Künst­ler von 404.ze­ro mo­der­ne Al­che­mie durch Com­pu­ter­code aus­ge­drückt. Da­bei be­gibt sich ein ge­ne­ra­ti­ves Sys­tem im faust­schen Sin­ne auf die Su­che nach dem St­ein der Wei­sen – die Auf­lö­sung des Di­lem­mas bleibt dem Be­trach­ter über­las­sen.

Auf­bau Ins­ge­samt 1.000m2 Fo­lie muss­ten an zwei Ta­gen vor dem Fes­ti­val auf die Front der Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek an­ge­bracht wer­den

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