Hör­ge­wohn­hei­ten: Die psy­cho­lo­gi­sche Klas­sik-fal­le

Production Partner - - Inhalt - Text: Tho­mas Jen­d­rosch | Fo­tos: Ar­chiv

In ei­ner Ge­sell­schaft, die im­mer äl­ter wird, ge­win­nen emo­tio­na­le Er­in­ne­run­gen an Ge­wicht, weil sie in der Sum­me ein kol­lek­ti­ves Ge­dächt­nis bil­den, das gan­ze Ge­burts­jahr­gän­ge be­dient. So wer­den die­je­ni­gen, die ih­re Ju­gend in den 70er- und 80er-jah­ren ver­brach­ten, heu­te et­wa als die „Ge­ne­ra­ti­on Golf“(Flo­ri­an Il­lies) be­zeich­net. Mit ihr kam ei­ne Wel­le ins Rol­len, die al­les, was ir­gend­wie „re­tro“wirkt, mit ei­ner Au­ra der Ver­zü­ckung um­gibt. Po­pu­lä­re Hits und Songs der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit ge­hen da­durch im­mer schnel­ler als „mo­der­ne Klas­si­ker“durch, die wie­der­um als stil­prä­gend für nach­fol­gen­de Mu­sik­ge­ne­ra­tio­nen an­ge­se­hen wer­den. Äl­te­re Songs der 50er- und 60er-jah­re schei­nen da­ge­gen zu­neh­mend in Ver­ges­sen­heit zu ge­ra­ten, zu­min­dest in der Po­pu­lär­kul­tur. Man mag über den Wert man­cher Wer­ke aus der im­mer elek­tro­ni­scher wer­den­den Zeit strei­ten, doch ent­schei­dend ist, was der Hö­rer da­von hält. So er­freu­en sich auch Par­tys, die der Mu­sik der 80er- und 90er-jah­re ge­wid­met sind, ei­ni­ger Be­liebt­heit. Die Zen­trie­rung auf den Re­zi­pi­en­ten ist es, die ei­ner Mu­sik, die sich als kom­mer­zi­el­les Pro­dukt und Di­enst­leis­tung ver­steht, letzt­lich auch Fans und Ver­bun­den­heit ver­schafft.

Mu­sik und Me­di­en be­stim­men das Le­ben der Men­schen wie nie zu­vor. Bei den be­lieb­tes­ten Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten liegt das Fern­se­hen (95 %) an der Spit­ze, dicht ge­folgt vom Ra­dio­hö­ren (90 %) und vom Mu­sik­hö­ren (85 %), so ei­ne ak­tu­el­le Stu­die der Stif­tung für Zu­kunfts­fra­gen. Da­her ist es kein Wun­der, dass Tö­ne und Klän­ge nicht nur un­se­re ak­tu­el­len Stim­mun­gen be­ein­flus­sen, son­dern auch mu­si­ka­li­sche Er­in­ne­run­gen prä­gen

Kon­stru­ier­te Wirk­lich­kei­ten

Oft zeigt der Blick in die Ver­gan­gen­heit, wo die mu­si­ka­li­sche Ver­bun­den­heit be­gann: In der Pu­ber­tät bis Mit­te 20 sind wir noch of­fen für Neu­es, ab 31 ma­chen die meis­ten Men­schen dicht, so ei­ne ak­tu­el­le Stu­die des Strea­m­ing­an­bie­ters Dee­zer. Al­ler­dings ist das Er­in­ne­rungs­ver­mö­gen des Men­schen ein fle­xi­bles Kon­strukt. Denn wir nei­gen da­zu, die Ver­gan­gen­heit zu ver­klä­ren, po­si­tiv zu­meist, und Feh­len­des nach Be­lie­ben zu er­gän­zen. Je län­ger ein Er­leb­nis zu­rück­liegt, des­to stär­ker zeigt sich, wie trü­ge­risch Ge­dächt­nis­in­hal­te ge­stal­tet sein kön­nen. Psy­cho­lo­gen spre­chen gar vom „Fal­se Me­mo­ry Syn­dro­me“(Ju­lia Shaw), wenn sich Er­in-

ne­run­gen ins Be­wusst­sein ein­schlei­chen, die je­der Grund­la­ge ent­beh­ren – ein Phä­no­men, das so man­che Zeu­gen­aus­sa­ge vor Ge­richt bei ge­naue­rer Be­trach­tung in sich zu­sam­men­fal­len lässt. Eben­so dürf­te aber auch manch ein Mu­sik­fan von frü­her heu­te pein­lich be­rührt sein, wenn er die Ori­gi­nalauf­zeich­nung ei­ner al­ten Hit­pa­ra­densen­dung im Fern­se­hen sieht, die ihn sei­ner­zeit be­geis­ter­te. Das Bild der Er­in­ne­rung ist in der Re­gel ge­schönt, die Rea­li­tät mit­un­ter ein ech­ter Schock. Man­ches war frü­her zwar an­ders, aber die Klang­qua­li­tät der Mu­sik nicht un­be­dingt bes­ser. Ton­tech­nik so­wie künst­le­ri­sche An­sprü­che und Ge­schmä­cker ha­ben sich schließ­lich wei­ter­ent­wi­ckelt.

Sound­check statt Rea­li­ty­shock

Ge­ra­de bei Mu­sik­stü­cken, die man als klas­sisch im Sin­ne von „alt“ver­steht, dürf­te die­se Ein­sicht aber auch von prak­ti­schem Nut­zen für das Mu­sik­mar­ke­ting sein. Wer als Fan vor Jah­ren oder gar Jahr­zehn­ten Rock- oder Pop-kon­zer­te sei­ner Stars be­sucht hat, der wird sich ei­ne zu­neh­mend po­si­ti­ve Er­in­ne­rung dar­an be­wah­ren wol­len. Und die­se Nei­gung lässt sich un­ter­stüt­zen.

Der eng­li­sche Sen­der ITV2 brach­te 2013 ein For­mat ins Fern­se­hen, das sich „The Big Re­uni­on“nann­te und zum über­ra­schen­den Quo­ten­hit wur­de. Dar­in tra­ten Mu­sik­grup­pen der 90er-jah­re auf, die deut­lich ge­al­tert und nach Jah­ren der Büh­nen­ab­sti­nenz z. T. wie­der üben muss­ten Tö­ne zu tref­fen und cho­reo­gra­fier­te Schrit­te zu tan­zen. Dem Er­folg des For­mats tat dies al­ler­dings kei­nen Ab­bruch, ganz im Ge­gen­teil. Den Zu­schau­ern ge­fiel das For­mat, weil es ge­lang, die psy­cho­lo­gisch we­sent­li­chen Er­in­ne­rungs­ele­men­te zu ak­ti­vie­ren: hier vor al­lem die be­kann­ten Ge­sich­ter und das au­then­ti­sche Büh­nen-fee­ling von frü­her.

In­ter­es­sant da­bei ist, dass es für die Ak­zep­tanz der Re­vi­vals gar nicht so sehr auf die De­tail­treue an­kommt. Selbst der Aus­tausch oder Weg­fall von ein­zel­nen Band­mit­glie­dern wird vom Pu­bli­kum ak­zep­tiert, so­fern nur die Kern­be­leg­schaft halb­wegs noch sicht­bar bleibt und der Glau­be an das Dar­ge­bo­te­ne nicht er­schüt­tert wird. Da­her fin­den auch neue Ar­ran­ge­ments von al­ten Songs durch­aus Ge­fal­len, weil sie hö­rer­ge­rech­te An­pas­sun­gen und Mo­der­ni­sie­run­gen zu bie­ten ver­mö­gen. Mo­der­ne Klas­si­ker kön­nen des­halb mit der Zeit ge­hen, oh­ne an Ak­zep­tanz zu ver­lie­ren. Viel­mehr wer­den die al­ten Song­struk­tu­ren von den äl­te­ren Hö­rern, die noch die Ori­gi­na­le kann­ten, leicht wie­der­er­kannt, was psy­cho­lo­gisch zu Freu­de führt. Und vie­le jün­ge­re Mu­sik­kon­su­men­ten fin­den sich in den ver­än­der­ten Ab­mi­schun­gen wie­der, wenn bzw. weil sie ih­rem ak­tu­el­len Hör­ge­fühl ent­spre­chen. Mo­der­ne Klas­si­ker be­we­gen sich mu­si­ka­lisch da­her auf ei­nem schma­len Grat: Ei­ner­seits be­darf es prä­gnan­ter Schlüs­sel­ele­men­te, die nicht an­ge­tas­tet wer­den soll­ten, um die Wie­der­er­ken­nung zu ga­ran­tie­ren. Und an­de­rer­seits be­darf aber auch der mu­si­ka­li­sche Sound re­gel­mä­ßi­ger Ak­tua­li­sie­run­gen, um dem ge­sell­schaft­li­chen Zeit­geist und den vor­herr­schen­den Hör­ge­wohn­hei­ten zu ent­spre­chen.

Ge­ne­ra­ti­on Loud­ness

Ge­ra­de bei den Hör­ge­wohn­hei­ten zeigt sich der Ein­fluss, den die Me­dien­land­schaft auf den Men­schen nimmt. Die zu­neh­men­de Reiz­stär­ke und -dich­te macht auch vor der Mu­sik nicht halt. Kom­pri­mie­run­gen, Ak­zen­tu­ie­run­gen und Bäs­se, die in den Bauch ge­hen, sind heu­te das Mit­tel der Wahl, um Hö­rer bei Lau­ne zu hal­ten, zu­min­dest in der kon­ser­vier­ten Po­pu­lär­mu­sik. Die Do­mi­nanz ein­gän­gi­ger und tanz­ba­rer Mu­sik, die elek­tro­nisch pro­du­ziert wird und für gän­gi­ge Ab spiel ge­rä­te op­ti­miert ist, macht heu­ti­ge Kon­su­men­ten zur„ Ge­ne­ra­ti­onLoud ness “, die an ge­norm­te Schall pe­gel und ge­glät­te­te Dy­na­mik struk­tu­ren ge­wöhnt sind. Wahr­neh­mungs psy­cho­lo­gi­sche Stu­di­en(Ruth/ bull er jahn) zei­gen, dass in­der Mu­sik mitt­ler­wei­le ein r egel rech­terLoud­nes­sW ar aus­ge­bro­chen ist, in­dem sich tat­säch­lich die kräf­tig be­ar­bei­te­ten Songs ge­gen­über den High-fi­de­li­ty- va­ri­an­ten durch­zu­set­zen ver­mö­gen. Sounds mit viel Druck wer­den vom Hö­rer be­vor­zugt und kön­nen of­fen­bar ei­ne emo­tio­na­le Sog- bis hin zur leich­ten Sucht­wir­kung ent­fal­ten.

Mu­si­ka­li­sche Mo­gel­pa­ckun­gen?

En­thu­si­as­ten und Ken­ner, die noch ge­nau hin­zu­hö­ren wis­sen, ver­mö­gen sol­che Ve­rän­de­run­gen der Mu­sik und ih­rer Re­zep­ti­on durch­aus kri­tisch zu be­nen­nen, denn die Ur­sprüng­lich­keit, Dy­na­mik und Echt­heit kön­nen bei der Be­ar­bei­tung durch­aus ver­lo­ren ge­hen. Je­doch ist die brei­te Mas­se der Mu­sik­kon­su­men­ten längst dar­an ge­wöhnt, dass Songs – ob alt oder neu – durch pro­fes­sio­nel­les Sound­de­sign kon­se­quent auf­ge­hüb­scht und dem Ge­schmack der Mas­se an­ge­passt wer­den. Und al­le an­de­ren kön­nen sich die Er­in­ne­rung an Klän­ge aus ver­gan­ge­nen Zei­ten zu­min­dest be­wah­ren, in­dem sie sich un­be­ar­bei­te­ter Ton­auf­nah­men be­die­nen, so­fern sol­che ver­füg­bar sind. Die Re­nais­sance des Vi­nyls mag hier ei­ne Ant­wort auf die­ses Mark­tes sein. Gut mög­lich aber, dass man beim Ge­hör­ten dann auch akus­ti­sche Ab­stri­che ma­chen muss – oder ge­nau hier­bei den Reiz der ur­sprüng­li­chen Roh­fas­sung ent­deckt, ei­nes Klas­si­kers eben.

Tho­mas Jen­d­rosch ist mu­sik­in­ter­es­sier­ter Me­di­en-, Kon­sum- und Ver­hal­tens­for­scher, er lehrt Wirt­schafts­psy­cho­lo­gie an der FH West­küs­te in Hei­de

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