Be­su­cher­si­cher­heit: Stand des Lo­ve­pa­ra­de-pro­zes­ses

Production Partner - - Inhalt - Text: Kai Abrell | Foto: Pixabay

Die Lo­ve­pa­ra­de mar­kiert ei­nen trau­ri­gen Mei­len­stein in der deut­schen Ver­an­stal­tungs­ge­schich­te – mit spür­ba­ren Aus­wir­kun­gen auf die ge­sam­te Bran­che. Seit Jah­ren läuft nun schon der Pro­zess, der die Ur­sa­chen und die Schul­di­gen für das tra­gi­sche En­de der frü­her so be­lieb­ten Tech­no-ver­an­stal­tung auf­de­cken soll. Doch auch nach über 100 Pro­zess­ta­gen ist noch kein Ur­teil in Sicht

Die Lo­ve­pa­ra­de 2010 en­de­te töd­lich. 21 Men­schen star­ben, 652 wur­den teils schwer ver­letzt, um­zäh­li­ge trau­ma­ti­siert. Es gab kei­ne aus­lö­sen­den un­fall­ar­ti­gen Er­eig­nis­se wie Brän­de, zu­sam­men­bre­chen­de Tri­bü­nen, plötz­li­che Un­wet­ter oder ge­walt­sa­me An­grif­fe. Die Op­fer ka­men zu Scha­den bei nor­ma­lem und un­ge­stör­tem Be­trieb der Ver­samm­lungs­stät­te. Be­völ­ke­rung und Fach­leu­te hat­ten von An­fang an den Ver­dacht, dass Ent­wurf und Bau­aus­füh­rung der Ver­samm­lungs­stät­te feh­ler­haft wa­ren ge­nau­so wie Or­ga­ni­sa­ti­on, Ent­schei­dun­gen und Ver­hal­ten al­ler Be­tei­lig­ten. Die oft be­nutz­te Be­zeich­nung Mas­sen­pa­nik als Ur­sa­che war falsch, die Op­fer wur­den im Ge­drän­ge ei­nes falsch ent­wor­fe­nen Ein­lass-sys­tems er­drückt. Bei­de Ge­richts­gut­ach­ter ha­ben schuld­haf­tes Ver­hal­ten der Be­su­cher als Ur­sa­che in­zwi­schen aus­ge­schlos­sen.

Hin­ter­grün­de und Be­tei­lig­te

Das bis zu die­sem Zeit­punkt sehr be­lieb­te Tech­no-event wur­de im Jahr 2010 zu ei­ner Mar­ke­ting­ver­an­stal­tung der Lo­pa­vent Gmbh des Mc­fit Ei­gen­tü­mers Rai­ner Schal­ler. Au­ßer­dem war die Lo­ve­pa­ra­de Teil des Pro­gramms der Eu­ro­päi­schen Kul­tur­haupt­stadt 2010, das zum ers­ten Mal von ei­ner gan­zen Re­gi­on aus­ge­tra­gen wur­de: dem Ruhr­ge­biet. Be­tei­ligt wa­ren die Wirt­schafts­för­de­rung Me­tro­po­leruhr Gmbh und die Ruhr.2010 Gmbh, hier­über mit­tel­bar der Re­gio­nal­ver­band Ruhr, das Land NRW und der Initia­tiv­kreis Ruhr mit vie­len nam­haf­ten In­dus­trie­kon­zer­nen als Mit­glie­der. Die Ver­an­stal­tung fand auf dem ehe­ma­li­gen Gü­ter­bahn­hof Duis­burg GBF statt – im Ei­gen­tum der Au­re­lis Re­al Esta­te Gmbh & Co. KG, die auch an­de­re Im­mo­bi­li­en der DB AG ver­wer­tet hat.

Pla­nung

Ver­an­stal­tun­gen mit mehr als 5.000 Be­su­chern ha­ben schon durch ih­re Grö­ße spe­zi­fi­sche Ri­si­ken. Die Men­ge der Be­su­cher ver­langt ei­ne aus­ge­klü­gel­te Gestal­tung und ei­nen be­son­ders gut or­ga­ni­sier­ten Be­trieb der Ver­samm­lungs­stät­te. Es muss je­der­zeit si­cher­ge­stellt sein, dass kein Be­reich über­füllt wird und bei Ge­fahr je­der­zeit die Be­su­cher­men­gen kon­trol­liert in si­che­re Be­rei­che eva­ku­iert wer­den kön­nen.

Un­glü­cke mit gro­ßen Op­fer­zah­len bei Kon­zer­ten, Volks­fes­ten, Sport­er­eig­nis­sen, re­li­giö­sen Fei­ern und Thea­ter­brän­den sind nicht sel­ten – die­se Ri­si­ken sind in der Bran­che be­kannt.

2010 galt in Duis­burg die Son­der­bau­ver­ord­nung NRW 2009 in Nach­fol­ge der vor­he­ri­gen Ver­samm­lungs­stät­ten­ver­ord­nung. Ne­ben dem Ver­an­stal­ter Lo­pa­vent wa­ren ver­schie­de­ne Be­hör­den aus NRW maß­geb­lich an der Pla­nung, Ge­neh­mi­gung und Durch­füh­rung der Lo­ve­pa­ra­de 2010 be­tei­ligt: Bau­amt Duis­burg, Ord­nungs­amt Duis­burg, Lan­des­po­li­zei, Bun­des­po­li­zei, Feu­er­wehr.

Pro­zess

Nach dem tra­gi­schen Aus­gang der Lo­ve­pa­ra­de dau­er­te es noch meh­re­re Jah­re, bis ein Ver­fah­ren ein­ge­lei­tet wur­de. Ein par­la­men­ta­ri­scher Un­ter­su­chungs­aus­schuss wur­de vom Land­tag NRW mehr­fach ab­ge­lehnt. Schluss­end­lich er­mit­tel­te ei­ne 60-köp­fi­ge Son­der­kom­mis­si­on der Köl­ner Po­li­zei fast vier Jah­re lang im Auf­trag der Staats­an­walt­schaft Duis­burg, be­frag­te mehr als 3.000 Zeu­gen und er­hob 2014 An­kla­ge.

Zur Analyse des Un­glücks ver­pflich­te­te die Staats­an­walt­schaft zu­nächst Prof. Dr. G. Keith Still von der Uni­ver­si­tät Manchester, der dort Crowd Sa­fe­ty and Risk Ana­ly­sis un­ter­rich­tet. Man muss da­zu wis­sen: Bri­ti­sches und deut­sches Rechts­sys­tem un­ter­schei­den sich we­sent­lich. Com­mon Law hat ei­nen an­de­ren Be­griff von Schuld und an­de­re Vor­stel­lun­gen, wie ein Ge­richts­gut­ach­ter zu ar­bei­ten hat. Prof. Stills Gut­ach­ten ist kurz und bün­dig – und sehr le­sens­wert. Er weist nach, dass die Gestal­tung des Ein­las­ses mit Tun­nel und Ram­pe für die ge­plan­te An­zahl an Be­su­chern un­ge­eig­net war und dass der Ver­an­stal­ter kein Ri­si­ko­ma­nage­ment hat­te. Da­mit war das Un­glück un­ver­meid­bar. Der Nach­weis die­ser Ver­säum­nis­se wür­de im Com­mon Law für ein Ur­teil ge­gen Ver­an­stal­ter und ge­neh­mi­gen­de Be­hör­den rei­chen. Im Ge­gen­satz da­zu muss in Deutsch­land die in­di­vi­du­el­le Schuld, die ob­jek­ti­ve Vor­her­sag­bar­keit der Fol­gen und der per­sön­li­che Ta­t­an­teil je­des ein­zel­nen An­ge­klag­ten nach­ge­wie­sen wer­den. Das Land­ge­richt Duis­burg lehn­te des­we­gen nach zwei Jah­ren Prü­fung im Jahr 2016 die Er­öff­nung des Ver­fah­rens ab. Staats­an­walt­schaft und Ne­ben­klä­ger leg­ten Be­schwer­de ein. Dar­auf­hin ließ das Ober­lan­des­ge­richt Düsseldorf im April 2017 die Kla­ge zu.

Das Ver­fah­ren wird seit­dem vor ei­ner an­de­ren Kam­mer des Land­ge­richts Duis­burg ge­führt. Zu­sätz­lich zu den zehn An­ge­klag­ten, 30 Straf­ver­tei­di­gern, ca. 60 Ne­ben­klä­gern nebst An­wäl­ten, drei Rich­tern, zwei Schöf­fen, Er­satz­rich­tern und Er­satz­schöf­fen sind im Ge­richts­saal vie­le Zu­schau­er und Jour­na­lis­ten an­we­send. Der Pro­zess wird da­her im Con­gress Cen­ter Düsseldorf ge­führt.

An­ge­klagt sind sechs Mit­ar­bei­ter der Stadt Duis­burg, dar­un­ter ein Bei­ge­ord­ne­ter so­wie aus dem Bau­amt der Amts­lei­ter, Ab­tei­lungs­lei­ter, Sach­ge­biets­lei­ter und ein Sach­be­ar­bei­ter.

Da­zu vier Mit­ar­bei­ter des Ver­an­stal­ters Lo­pa­vent: der Ge­samt­lei­ter, ein Be­leuch­tungs­meis­ter als tech­ni­scher Lei­ter, ein Ver­an­stal­tungs­kauf­mann als Pro­duk­ti­ons­lei­ter und der Si­cher­heits­ver­ant­wort­li­che. Al­le An­ge­klag­ten ha­ben bis­her zur Sa­che ge­schwie­gen. Dies ist ihr gu­tes Recht, denn nie­mand muss sich selbst be­las­ten. Auch die in­ter­ne Or­ga­ni­sa­ti­on des Ver­an­stal­ters ist un­klar, die Be­fug­nis­se und Di­enst­pflich­ten der ein­zel­nen Mit­ar­bei­ter von Lo­pa­vent nicht ein­deu­tig do­ku­men­tiert. Da­her sind al­le Zeu­gen be­fragt wor­den, ob sie über die­se in­ter­nen Struk­tu­ren des Ver­an­stal­ters et­was sa­gen kön­nen. Bei al­len Zeu­gen zeigt sich, dass in den vie­len Jah­ren bis zum Pro­zess Er­in­ne­run­gen ab­ge­nom­men ha­ben. Den­noch gab es vie­le eindrucksv­olle Zeu­gen­aus­sa­gen:

Ver­nom­men wur­den bis­her vor al­lem Po­li­zei­be­am­te. Die­se schil­der­ten mi­nu­ti­ös die in­ter­ne Struk­tur der Po­li­zei­or­ga­ni­sa­ti­on am Ver­an­stal­tungs­tag, die (gut do­ku­men­tier­ten) Be­feh­le und den Ablauf der Ver­an­stal­tung: Die Funk­kom­mu­ni­ka­ti­on der Po­li­zei am Ver­an­stal­tungs­tag so­wie die Di­enst­han­dys wa­ren über St­un­den ge­stört – zum Teil wur­de mit hoch­ge­hal­te­nen Papp-ta­feln kom­mu­ni­ziert. La­ge­mel­dun­gen der Po­li­zei muss­ten zu­erst von fünf Vor­ge­setz­ten un­ter­schrie­ben wer­den, be­vor sie dann, na­tür­lich erst sehr spät, an die Ein­satz­kräf­te ab­ge­setzt wur­den.

Die ein­ge­setz­ten Hun­dert­schaf­ten wur­den über all­ge­mein ge­hal­te­ne Auf­trä­ge ge­führt, die Hun­dert­schaf­ten-füh­rer konn­ten so­mit in ih­rem Be­reich la­ge­ab­hän­gig frei ent­schei­den. Die Ein­satz­pla­nung ent­hielt kei­ne Hin­wei­se, wie Be­am­te mit Fahr­zeu­gen die Ver­an­stal­tung er­rei­chen soll­ten, oh­ne durch die Be­su­cher­strö­me fah­ren zu müs­sen. Fahr­zeu­ge wur­den ge­parkt um sie ge­ge­be­nen­falls als Sper­re ein­set­zen zu kön­nen – am Ver­an­stal­tungs­tag selbst wa­ren die Fahr­zeu­ge im Pu­bli­kums­be­reich je­doch schäd­lich. Au­ßer­dem wur­de klar, dass die Po­li­zei­be­am­ten kaum Kon­takt zu den An­ge­klag­ten von Ver­an­stal­ter oder Bau­amt hat­ten.

Die Ver­ant­wort­li­chen an den Ver­ein­ze­lungs­an­la­gen sag­ten aus, dass dort zu we­nig Ord­ner vor Ort wa­ren und die Ein­läs­se am Ver­an­stal­tungs­tag mit Ka­bel­bin­dern und Kle­be­band zu­erst noch ge­flickt wer­den muss­ten. Au­ßer­dem wa­ren dort zu we­nig Müll­con­tai­ner vor­han­den, so dass sich durch die Be­schlag­nah­mung von mit­ge­brach­ten Ge­trän­ken und Ge­fä­ßen der Be­su­cher schnell gro­ße Men­gen Glas am Bo­den sam­mel­ten, was ei­ne zu­sätz­li­che Ge­fah­ren­quel­le dar­stell­te. Bei der Auf­for­de­rung des Crowd Ma­na­gers, den Zu­lauf zu stop­pen, war den Zu­stän­di­gen dies nicht mög­lich.

Für die Pla­nung des Ver­an­stal­tungs­ge­län­des wur­den im Vor­feld der Ver­an­stal­tung zwei Auf­trags­gut­ach­ter ein­ge­schal­tet. Da­bei stell­te sich her­aus: Es war nur ein Drit­tel der nach MVSTÄTTVO und SBAUVO NRW not­wen­di­gen Not­aus­gän­ge vor­han­den. Im Tun­nel und auf der Ram­pe aus dem Tun­nel her­aus – dem spä­te­ren Un­glücks­ort – wa­ren Ret­tungs­we­ge bau­lich un­mög­lich. Im Ge­richt wur­de die Bau­pla­nung auf gro­ßen Vi­deo­lein­wän­den prä­sen­tiert. Un­ter an­de­rem zeig­te sich, dass auf die Pla­nie­rung der Fahr­stre­cke der Mu­sik-floats mehr Wert ge­legt wur­de, als auf die Pu­bli­kums­flä­chen – auf den ge­zeig­ten Vi­de­os wur­de dies be­ein­dru­ckend deut­lich, als gro­ße Bau­ma­schi­nen beim Be­fah­ren des Pu­bli­kums­be­rei­ches kräf­tig durch­ge­schüt­telt wur­den. Laut ei­ner Emp­feh­lung aus dem Bau­mi­nis­te­ri­um NRW kann mit gut­ach­ter­li­cher Be­stä­ti­gung von gel­ten­dem Bau­recht ab­ge­wi­chen wer­den …

Die Gut­ach­ter soll­ten ne­ben der Ge­län­de­be­ur­tei­lung ei­ne si­che­re Eva­ku­ie­rung im Not­fall und die Si­cher­heit der Ver­an­stal­tung be­stä­ti­gen. Laut Ver­öf­fent­li­chung der Gut­ach­ter ist aber das wäh­rend der Pla­nung an­ge­wand­te Si­mu­la­ti­ons­ver­fah­ren nicht va­lid für ho­he Dich­ten in Men­schen­men­gen. Der Zweit­gut­ach­ter sag­te vor Ge­richt au­ßer­dem aus, er ha­be ent­ge­gen dem schrift­li­chen Auf­trag sei­ne Tä­tig­keit als un­ver­bind­li­che Be­ra­tung ver­stan­den. Über die Gut­ach­ten hin­aus stell­te das Bau­amt wei­te­re For­de­run­gen, z.b. nach ei­ner elek­tro­akus­ti­schen Alar­mie­rungs­an­la­ge (ELA) für die Be­su­cher.

Trotz all die­ser Män­gel wur­de die Ver­samm­lungs­stät­te am Tag vor der Ver­an­stal­tung ge­neh­migt. Von Sei­ten der Be­hör­de wur­de dem Ver­an­stal­ter mit­ge­teilt, dass man we­der ei­ne Bau­ab­nah­me durch­füh­ren noch die Er­fül­lung der Auf­la­gen kon­trol­lie­ren wer­de. Mit ei­ner St­un­de Ver­spä­tung star­te­te die Lo­ve­pa­ra­de am 24. Ju­li 2010 – trotz schlech­ter Bo­den­be­schaf­fen­heit, feh­len­der elek­tro­akus­ti­scher An­la­ge (ELA) für Durch­sa­gen, zu schmal aus­ge­führ­ter Ram­pe, un­ge

nü­gen­den Ver­ein­ze­lungs­an­la­gen uvm.

Neu­es ge­richt­li­ches Gut­ach­ten

Nach­dem das ers­te Gut­ach­ten er­heb­li­che Män­gel auf­wies, wur­de Prof. Dr. Ing. Jür­gen Ger­lach von der Uni­ver­si­tät Wup­per­tal mit ei­nem neu­en Gut­ach­ten be­auf­tragt. Die­ses liegt al­len Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten seit De­zem­ber 2018 vor und ist auch Jour­na­lis­ten be­kannt. Da die­ses aber noch nicht im Pro­zess ein­ge­führt ist, darf dar­aus nicht zi­tiert wer­den. Sei­ne Analyse um­fasst mit al­len Qu­el­len, Ver­wei­sen und Do­ku­men­ta­ti­on der Gut­ach­ter­tä­tig­keit knapp 3.800 Sei­ten. Die Ge­samt­pro­zess­ak­te ist noch grö­ßer und um­fasst et­wa 110.000 Sei­ten – das sind über 15 Re­gal­me­ter.

Das Gut­ach­ten von Prof. Dr. Ger­lach zu Pla­nung, Ge­neh­mi­gung, Ab­nah­me und Er­eig­nis­sen am Tag der Ver­an­stal­tung hat um­fang­rei­che neue Er­kennt­nis­se er­ge­ben. Hier­aus lie­ßen sich kon­kre­te Maß­nah­men für die zu­künf­ti­ge Pla­nung von Groß­ver­an­stal­tun­gen und zur Prä­ven­ti­on sol­cher Un­glü­cke zie­hen. Seit 2010 gab es zwar be­reits ei­ni­ge Mi­nis­te­ri­umser­las­se zur Ver­an­stal­tungs­si­cher­heit und Ve­rän­de­run­gen im Ver­an­stal­tungs­recht – Po­li­tik und Ver­wal­tung ha­ben hier je­doch ent­schie­den oh­ne die Ur­sa­chen der Lo­ve­pa­ra­deKa­ta­stro­phe zu ken­nen. Ei­ne Ver­öf­fent­li­chung des Gut­ach­tens mit der de­tail­lier­ten Analyse ist da­her drin­gend not­wen­dig.

Ur­teil

Das zu­stän­di­ge Ge­richt sieht das Un­glück bei der Lo­ve­pa­ra­de als kom­ple­xes mul­tik­au­sa­les Ge­sche­hen, ver­ur­sacht durch ei­ne Viel­zahl an Per­so­nen. Es sei nicht un­wahr­schein­lich, dass den An­ge­klag­ten ur­säch­li­che Feh­ler für den Tod der 21 Op­fer nach­ge­wie­sen wer­den könn­ten. Die straf­recht­li­che Schuld sei vor­aus­sicht­lich aber nur als ge­ring oder mit­tel­schwer an­zu­se­hen. Straf­min­dernd sei au­ßer­dem zu wer­ten: die lan­ge Zeit seit dem Un­glück, die Un­be­schol­ten­heit der An­ge­klag­ten, die Ver­pflich­tung der An­ge­klag­ten, ko­or­di­niert mit meh­re­ren Äm­tern zu­sam­men ar­bei­ten zu müs­sen, Män­gel in der Ge­set­zes­la­ge, die Nor­ma­li­tät von Si­cher­heits­män­geln bei Groß­ver­an­stal­tun­gen bis 2010 so­wie ein nicht mehr vor­han­de­nes öf­fent­li­ches In­ter­es­se. Au­ßer­dem sei die so­ge­nann­te Ge­ne­ral­prä­ven­ti­on nicht nö­tig, al­so den­je­ni­gen mit Stra­fe zu dro­hen, die sich nicht an gel­ten­des Recht wie die Ver­samm­lungs­stät­ten­ver­ord­nun­gen hal­ten.

Trotz al­ler Ver­säum­nis­se hät­ten die An­ge­klag­ten ei­ne si­che­re Ver­an­stal­tung ge­wollt. Da­her hat das Ge­richt am 16. Ja­nu­ar

al­len An­ge­klag­ten ei­ne Ein­stel­lung des Ver­fah­rens nach §153 bzw. §153a STPO an­ge­bo­ten. Ein Teil der Ne­ben­klä­ger wi­der­spricht der Ar­gu­men­ta­ti­on des Ge­richts. Die Son­der­bau­ver­ord­nung NRW sei aus­rei­chend ge­we­sen, um ei­ne si­che­re Ver­an­stal­tung durch­zu­füh­ren, wenn man sie an­ge­wen­det hät­te. Es gä­be nach wie vor ein öf­fent­li­ches In­ter­es­se. Ein ab­schlie­ßen­des Ur­teil sei zur Klä­rung von Ver­ant­wor­tung und Sorg­falts­pflich­ten not­wen­dig. Die Staats­an­walt­schaft sieht die Vor­wür­fe der An­kla­ge als be­stä­tigt an, auch wenn nicht an­ge­klag­te Mit­ar­bei­ter bei Po­li­zei, Feu­er­wehr und Ord­nungs­amt eben­falls Feh­ler ge­macht hät­ten. Das un­ver­öf­fent­lich­te Ge­richts­gut­ach­ten klä­re die Sach­ver­hal­te auf. Es ha­be kein Au­gen­blicks­ver­sa­gen ge­ge­ben, des­we­gen lie­ge eben kei­ne ge­rin­ge Schuld vor. Trotz­dem stim­me man ei­ner Ein­stel­lung al­ler Ver­fah­ren un­ter Auf­la­gen zu.

Mit die­sem An­ge­bot konn­ten sich die zehn An­ge­klag­ten ent­schei­den, ob sie den De­al ein­ge­hen. Sie­ben ha­ben dem zu­ge­stimmt: die Ver­fah­ren ge­gen die Mit­ar­bei­ter des Bau­am­tes und ei­nen lei­ten­den An­ge­stell­ten der Lo­pa­vent Gmbh sind ein­ge­stellt. Seit Fe­bru­ar 2019 wird nun al­so nur noch ge­gen die üb­ri­gen drei An­ge­klag­ten – Mit­ar­bei­ter des Ver­an­stal­ters der tech­ni­sche Lei­ter, der Pro­duk­ti­ons­lei­ter und der Si­cher­heits­ver­ant­wort­li­che der Lo­ve­pa­ra­de 2010 – ver­han­delt, die sich ge­gen die Ein­stel­lung des Ver­fah­rens aus­ge­spro­chen ha­ben.

Durch das Ein­stel­len des Ver­fah­rens ge­gen die sie­ben ehe­ma­li­gen An­ge­klag­ten ent­fällt de­ren Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht. Sie wä­ren da­her wert­vol­le Zeu­gen für die wei­te­re Ver­hand­lung und das Ge­richt könn­te mehr über die tat­säch­li­chen Ab­läu­fe beim Ver­an­stal­ter und im Bau­amt er­fah­ren. Ur­tei­le ge­gen Ma­nage­ment, ver­an­stal­ten­de Kom­mu­nal­po­li­tik und Be­hör­den sind nun oh­ne­hin nicht mehr mög­lich, die ope­ra­tiv tä­ti­gen Mit­ar­bei­ter blei­ben als Letz­te in der straf­recht­li­chen Ver­ant­wor­tung – ein end­gül­ti­ges Ur­teil ist al­ler­dings un­ge­wiss. Das Ge­richt sprach von et­wa 500 wei­te­ren mög­li­chen Zeu­gen … Da­mit wür­de der Pro­zess im Ju­li 2020 en­den – durch Ver­jäh­rung und vor­aus­sicht­lich oh­ne Ur­teil.

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