Phil Col­lins „Still Not De­ad Yet“: Cha­rak­te­ris­ti­sche Stimm­far­be als Au­dio-her­aus­for­de­rung

Production Partner - - Report | Beschallun­g Phil Collins Welttourne­e - Text und Fo­tos: Har­ry He­cken­dorf

Die Live-kon­zer­te von Phil Col­lins ge­nie­ßen nicht nur we­gen der ex­zel­len­ten mu­si­ka­li­schen Dar­bie­tung ei­nen her­vor­ra­gen­den Ruf, son­dern auch we­gen ih­res Live-sounds. Be­son­de­re Her­aus­for­de­rung da­bei: Je­der kennt die cha­rak­te­ris­ti­sche Stim­me des Sän­gers und hat so­fort ei­nen be­stimm­ten Klang im Ohr, wenn der Na­me „Phil Col­lins“fällt. Die­se best­mög­lich im Mix zu ver­pa­cken und zu prä­sen­tie­ren ist die Haupt­auf­ga­be von Foh-in­ge­nieur Mi­chel Co­lin.

Der fran­zö­si­sche Foh-in­ge­nieur Mi­chel Co­lin ar­bei­tet schon lan­ge mit Phil Col­lins zu­sam­men: er tour­te schon mit Ge­ne­sis. Haupt­auf­ga­be bei die­ser Pro­duk­ti­on sei na­tür­lich, die ho­he und hel­le Stim­me des Künst­lers best­mög­lich in dem Mix zu kon­ser­vie­ren und dar­in trans­pa­rent zu prä­sen­tie­ren: „Ich grei­fe un­ter an­de­rem auf ei­ni­ge Pre-de­lays zu­rück, die Phil auf den da­ma­li­gen Al­ben ein­ge­setzt hat – die­se Sounds ha­ben ei­nen ein­zig­ar­ti­gen Wie­der­er­ken­nungs­wert. Die Men

schen, die zu den Kon­zer­ten kom­men, ha­ben die­se Klang­de­tails im Kopf und er­ken­nen die Lie­der be­reits nach we­ni­gen Se­kun­den. Ich ver­su­che im­mer, die Stim­me als Far­be in­ner­halb des je­wei­li­gen Lie­des zu ver­ste­hen, ge­nau wie ich Schlag­zeug oder ein an­de­res In­stru­ment am bes­ten so be­grei­fen kann.“Mi­chel Co­lin setzt für die­se klas­si­schen Sounds (wie zum Bei­spiel vom Re­verb AMS RMX16) auf ein TC elec­tro­nic 6000 In­con MK II, das er – für sich hand­lich – vor dem Misch­pult po­si­tio­niert hat. Al­le an­de­ren Ef­fek­te kom­men aus dem Pult bzw. via Wa­ve Plug In.

Die Mu­sik ist der Star

Bei der Aus­wahl des Pul­tes fiel die Ent­schei­dung auf ein Avid Ve­nue S6L. „Ich ha­be in der Ver­gan­gen­heit viel mit den Vor­gän­ger­mo­del­len ge­ar­bei­tet. Als wir vor ca. drei Jah­ren mit den Pla­nun­gen für die Tour­nee be­gon­nen ha­ben, hat sich die­ses Mo­dell für mich als sehr be­nut­zer­freund­lich und selbst­er­klä­rend er­wie­sen. Und es klingt gut! Ich mag die Kom­pres­so­ren und die Ein­bin­dung der Wa­ve-plug-ins. Auch die Lo­gik der Vor­gän­ger­mo­del­le ist iden­tisch … und ich woll­te mir auch nicht un­nö­ti­ge Ar­beit ma­chen“, ver­riet Co­lin herz­haft la­chend und füg­te hin­zu: „Klar hät­te ich auch ein SSL- oder ein Di­gi­co-pult neh­men kön­nen. Das ist aber eher was für jun­ge Leu­te oder Spe­zia­lis­ten. Aber ich bin kein Spe­zia­list – ich ma­che hier nur den Mix.“

Al­le Lie­der, die auf der Set List ste­hen, sind akri­bisch in Snap­shots vor­be­rei­tet und Co­lin scherzt: „Ich bräuch­te ei­gent­lich im­mer nur den „Next“-but­ton drü­cken. Aber ganz so ein­fach ist es na­tür­lich nicht. Die Ver­hält­nis­se sind zwar im­mer schon vor­be­rei­tet, die je­wei­li­gen Ef­fek­te pas­se ich aber im­mer wie­der an.“

Auch der Mo­ni­tor­platz ar­bei­tet mit ei­ner Avid S6L: „Bei­de Ar­beits­plät­ze ver­las­sen sich auf ei­ge­ne Vor­ver­stär­ker, denn so bleibt je­der in sei­ner Welt“, er­klärt der sym­pa­thi­sche Fran­zo­se. Am Foh-platz fin­det sich ein zu­sätz­li­cher Touch­screen mit der Live-mi­xer-soft­ware Wa­ve emo­ti­on LV1, über den die Pro­gramm

»Klar hät­te ich auch ein SSL- oder ein Di­gi­co-pult neh­men kön­nen. Das ist aber eher was für jun­ge Leu­te oder Spe­zia­lis­ten. Aber ich bin kein Spe­zia­list – ich ma­che hier nur den Mix.« Mi­chel Co­lin | Foh-in­ge­nieur bei Phil Col­lins

Mu­sik ge­steu­ert wird. An der Avid S6L kann so­mit völ­lig ab­ge­kop­pelt z. B. ein Li­ne-check vor­ge­nom­men wer­den.

Ein rie­sen­gro­ßer Vor­teil bei die­ser Pro­duk­ti­on sei­en die in­ten­si­ven mu­si­ka­li­schen Pro­ben vor je­dem Tour-leg. Je­weils ein­wö­chi­ge Pro­ben z. B. in Mia­mi oder Lon­don – Could be wor­se! Übe­r­all, nur nicht in Vla­di­vos­tok, ha­be man noch ge­probt: Wenn die Cr­ew da­bei ist, kön­nen es schon mal acht St­un­den am Tag sein. Sind die Mu­si­ker un­ter sich, wer­den es täg­lich meis­tens nur sechs in­ten­si­ve St­un­den. „Ich ha­be dann meist ei­nen ei­ge­nen Raum und kann die Mu­si­ker auch über ei­nen Vi­deo­mo­ni­tor ver­fol­gen und in al­ler Ru­he je­den Pa­ra­me­ter aus­pro­bie­ren, an­pas­sen und spei­chern. So kom­men die Mu­si­ker, die im­mer wie­der an noch mehr Per­fek­ti­on und Nuan­cen fei­len, und auch ich bes­tens vor­be­rei­tet zu den Auf­trit­ten. Die meis­te Ar­beit ist dann schon ge­tan.“Es sei wun­der­bar, mit die­ser 14köp­fi­gen Band ar­bei­ten zu kön­nen. Na­tür­lich sei es mit­un­ter schon mal ei­ne schwie­ri­ge Auf­ga­be, doch am En­de ge­win­ne man bei die­ser Ar­beit viel Ver­gnü­gen.

Je­de Pro­be, je­des Kon­zert wird von Co­lin auf­ge­zeich­net; per­ma­nent stellt er Zwei­spur-mp3mi­xe der Auf­nah­men zur Ver­fü­gung. Die Nach­fra­ge un­ter den Mu­si­kern sei rich­tig groß. Frü­her ha­be er ein Pro­tools da­für ein­ge­setzt, in­zwi­schen be­nutzt er Tracks Live von Wa­ves – ei­ne als Down­load frei er­hält­li­che Soft­ware, die von und für Foh-leu­te ent­wi­ckelt wur­de.

Mi­kro­fo­nie­rung für Phil Col­lins

Bei der Mi­kro­fo­nie­rung kommt aus­nahms­los Be­währ­tes zum Ein­satz – Klas­si­sches für klas­si­schen Rock und Pop. Die 80er eben: „Wir ha­ben SM 57 für die Gi­tar­ren. Klar könn­te man da mal was aus­pro­bie­ren. Aber das SM 57 funk­tio­niert im­mer noch sehr gut! Am Schlag­zeug? Nur das, was al­le ma­chen: Zum Bei­spiel AKG 414 als Over­head! Kick: Shu­re Be­ta 52“. Le­dig­lich bei den Ge­s­angs­mi­kro­fo­nen gab es wäh­rend der Tour­nee ei­ne Ve­rän­de­rung. Co­lin er­klärt: „Wir ha­ben wirk­lich lan­ge das Shu­re KSM 8 ein­ge­setzt. Phil ar­bei­tet viel mit dem Mi­kro­fon: Die Ab­stän­de und Win­kel va­ri­ie­ren. Das KSM hält zwar die Klang­far­be da­bei sehr gut – aber der Druck wird bei grö­ße­ren Ab­stän­den vom DPA d:fac­to bes­ser er­hal­ten. Ich fin­de, es ist so­gar noch un­emp­find­li­cher ge­gen­über den

üb­ri­gen Si­gna­len auf der Büh­ne – ge­ra­de hin­sicht­lich des Schlag­zeugs. Al­le an­de­ren Si­gna­le hal­ten sich oh­ne­hin im Rah­men, denn die Band spielt fast aus­schließ­lich mit In-ear-sys­te­men. Le­dig­lich Bas­sist Le­land Sklar hat zwei Wed­ges L-acoustics X15 HOQ vor sich lie­gen.“

Pu­bli­kums­be­schal­lung

Die Pu­bli­kums­be­schal­lung wird von ei­nem La­coustics K1 ge­tra­gen (Bri­tan­nia Row Pro­duc­tions). Der lei­ten­de Sys­tem­tech­ni­ker auf der Tour, Ben Phi­lips, ist seit vie­len Jah­ren als An­wen­der und auch Con­sul­tant für L-acoustics tä­tig. Dank die­ser en­gen Be­zie­hung sind auf der Tour­nee ei­ni­ge Be­ta-soft­ware-ver­sio­nen und neue Pro­zes­so­ren im Ein­satz. Die neu­en Pro­zes­so­ren P1 zum Bei­spiel, die im Ju­ni 2019 auf den Markt ka­men, wa­ren auf die­ser Pro­duk­ti­on be­reits lan­ge zu­vor im Ein­satz. Al­les Üb­ri­ge sei Stan­dard, ver­si­chert Phi­lips, des­sen Vi­si­ten­kar­te ihn als Lei­ter der Fir­ma KGS Sen­sors in Glas­gow aus­weist – ein Un­ter­neh­men, das Prä­zi­si­ons­sen­so­ren für Nei­gungs­mes­ser und da­zu­ge­hö­ri­ge Dis­plays für die Ver­an­stal­tungs­bra­che ent­wi­ckelt.

Er be­tont, dass ei­ne lan­ge und akri­bi­sche Vor­be­rei­tung für ihn wich­tig war, um ei­ne der­ar­tig um­fang­rei­che Tour, die zu­dem nicht sel­ten mit Back-to-back-shows be­strit­ten wird, er­folg­reich zu ab­sol­vie­ren, und hebt her­vor: „Wir ge­nie­ßen das gro­ße Pri­vi­leg, dass die Pro­duk­ti­on und das Ma­nage­ment sich für un­se­re Be­lan­ge in­ter­es­sie­ren, wir im­mer auf of­fe­ne Oh­ren sto­ßen und uns ge­nug Zeit und Budget zur Ver­fü­gung ge­stellt wird, um best­mög­li­che Ar­beits­be­din­gun­gen zu ha­ben. Al­les auf die­ser Tour ist wirk­lich rich­tig gut or­ga­ni­siert.“

Um die bis­wei­len (den­noch) en­ge Tak­tung zwi­schen den Spiel­or­ten lo­gis­tisch stem­men zu kön­nen, ist auch bei die­sem Ge­werk ein Ad­van­ced-team da­bei, das den je­weils nächs­ten Spiel­ort schon am Vor­tag vor­be­rei­tet (sie­he auch un­se­ren Ar­ti­kel „Licht- und Büh­nen­de­sign der Phil Col­lins Welt­tour­nee“). So kön­nen z. B. die auf­wän­di­ge Ring­be­schal­lung und auch De­lay-li­nes ein­ge­rich­tet wer­den. Der üb­ri­ge

Auf­bau am Show­tag fin­det meis­tens zwi­schen 8 und 11 Uhr statt.

„Wir ha­ben im Vor­feld be­reits Un­ter­la­gen zu den je­wei­li­gen Spiel­stät­ten stu­diert, die uns in Da­ten­ban­ken vor­lie­gen. Die Zen­tra­le von L-acoustics ist hier bei Zwei­fels­fäl­len im­mer ein gu­ter An­sprech­part­ner. Das meis­te ha­ben wir schon vor dem Tour­nee-start be­rech­net und sehr de­tail­liert vor­be­rei­tet. Wir mes­sen im­mer noch die Po­si­ti­on der Büh­ne und der Tür­me nach. Bis­her war das im­mer ex­akt“, er­klärt Ben Phi­lips und er­gänzt: „Ei­ni­ge Spiel­or­te sind hin­sicht­lich ih­rer ge­bo­te­nen akus­ti­schen Be­din­gun­gen sehr in­ter­es­sant. Wir ver­su­chen im­mer den Be­su­chern so viel Di­rekt­schall wie mög­lich zu bie­ten. Klar, das ist auf­wän­dig, aber der Mehr­auf­wand ga­ran­tiert uns, auch die vie­len lei­sen Lie­der best­mög­lich zu prä­sen­tie­ren.“Der Auf­wand, den das Team be­treibt, kann bis zu zwölf Po­si­tio­nen im Ring-de­lay und bis zu sechs De­lay-to­wer auf­wei­sen. Vor der Büh­ne wer­den u. a. Laut­spre­che­r­ein­hei­ten auch auf Sta­ti­ven po­si­tio­niert.

Fa­zit: Kurz und knapp

Dass so­wohl das vi­su­el­le (sie­he Licht­teil die­ser Sto­ry) als auch das akus­ti­sche Kon­zert­er­leb­nis mit den be­schrie­be­nen Zu­ta­ten ent­spre­chend be­ein­dru­ckend und über­zeu­gend war, sei hier nur der Form hal­ber er­wähnt. Den Live-shows von Phil Col­lins geht auch nach so vie­len Jah­ren im­mer noch völ­lig zu Recht ei­ne sehr gu­te Re­pu­ta­ti­on vor­aus. Bleibt wirk­lich zu hof­fen, dass die­ser Aus­nah­me­künst­ler trotz sei­ner an­ge­schla­ge­nen Ge­sund­heit sei­nen Fans noch wei­te­re Tour­ne­en bie­ten wird.

Büh­ne bei Ta­ges­licht Gut er­kenn­bar die Near­fiel­d­ein­hei­ten auf Sta­ti­ven

Mög­lichst viel Di­rekt­schall Der Auf­wand kann je nach Ve­nue bis zu zwölf Po­si­tio­nen im Ring-de­lay und bis zu sechs De­lay-to­wer auf­wei­sen (Blick vom Foh-platz nach hin­ten)

Au­dio FOH Sehr freund­lich und tief ent­spannt (v.l.): Foh-in­ge­nieur Mi­chel Co­lin, Foh­tech­ni­ker Rob Wai­te und Sys­tem He­ad Ben Phi­lips

Für klas­si­sche Ef­fekt-sounds TC elec­tro­nic 6000 In­con MK II am Misch­pult von Mi­chel Co­lin

PA Die äu­ßers­ten Po­si­tio­nen an der Büh­nen­sei­te

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