Do­ku-tipp: „The Beat­les: Eight Days a Week – The Tou­ring Ye­ars“

Auf­grund krei­schen­der Fans und noch nicht sehr weit ent­wi­ckel­ter Be­schal­lungs­tech­nik wa­ren die Beat­les li­ve kaum zu hö­ren; die Band hör­te sich so­gar selbst nicht und gab 1966 Kon­zer­te ganz auf. Die Do­ku zeigt den „Li­ve-weg“

Production Partner - - Inhalt - Text: Ni­co­lay Ket­te­rer

Als Ein­stieg in die Ama­zon-do­ku dient ein Kon­zert im No­vem­ber 1963 in ei­nem Ki­no in Man­ches­ter mit zwei­stö­cki­ger gro­ßer Zu­schau­er­tri­bü­ne und ge­schätzt knapp 2.000 Zu­schau­ern: Zwei Mi­kro­fon­sta­ti­ve, die sich Len­non, Mc­cart­ney und Har­ri­son tei­len, Schlag­zeug und Amps sind nicht mi­kro­fo­niert. Als „Licht­show“die­nen zwei wei­ße Schein­wer­fer von den Büh­nen­sei­ten. Mit An­fang 20 soll­ten sie die Welt er­obern: Bei ei­nem Gig in Li­ver­pool ste­hen 1963 gar tau­sen­de Fans über an­dert­halb Ki­lo­me­ter zwölf St­un­den im Re­gen ver­geb­lich um Ein­lass an, Sa­ni­tä­ter muss­ten 100 Men­schen am En­de ver­sor­gen. In der 145-mi­nü­ti­gen Do­ku von Re­gis­seur Ron Ho­ward, die 2016 ver­öf­fent­licht wur­de, kom­men al­le Beat­les-mit­glie­der zu Wort – John Len­non und Ge­or­ge Har­ri­son aus Ar­chiv­ma­te­ri­al. An­hand de­tail­lier­ter Film­auf­nah­men ent­steht ein be­ein­dru­ckend dich­tes Bild, wie sich die „Bea­t­le­ma­nia“an­ge­fühlt ha­ben dürf­te – und wie chao­tisch die Kon­zer­te ge­we­sen sein müs­sen. Das mag nicht nur für Fans in­ter­es­sant sein, son­dern für je­den, der sich für Tour­pro­duk­tio­nen be­geis­tern kann.

Al­les nur ein „Vor­spiel“: Bei ei­nem Be­such in den USA im Fe­bru­ar 1964, mit le­gen­dä­rem Auf­tritt in der Ed Sul­li­van Show, war­ten vor dem Pla­za Ho­tel 4.000 un­bän­di­ge Teen­ager. „Im Pla­za hat­ten wir ei­ne Eta­ge für uns“, meint Rin­go Starr. „Ir­gend­wann flüch­te­ten wir vier ins Bad, um dem An­drang für ei­nen Mo­ment zu ent­kom­men.“Auf der Tour­nee kann die Po­li­zei die en­er­ge­ti­schen Men­schen­mas­sen kaum im Zaum hal­ten. Und auch sonst er­schei­nen die Kon­zer­te der Rock’n’roll-band teil­wei­se im­pro­vi­siert: Bei ei­nem Kon­zert in Washington D.C. sind Starrs Drums auf ei­nem dreh­ba­ren Büh­nen­tisch auf­ge­stellt – um 180 Grad ge­dreht. Starr und der Beat­les-road­ma­na­ger Mal Evans wuch­ten das wi­der­spens­ti­ge Ge­stell un­ter den Au­gen des krei­schen­den Pu­bli­kums her­um. Men­schen­auf­läu­fe fin­den über­all dort statt, wo die Band aus dem Flie­ger steigt – ob in Hong Kong oder Bei­rut. In Aus­tra­li­en säumt dem­nach fast

ei­ne Vier­tel­mil­li­on Men­schen die Stra­ße vom Flug­ha­fen zur Stadt, um der Band zu­zu­win­ken. Da­zu ers­te Vor­bo­ten, dass Wel­len­bre­cher im Pu­bli­kum sinn­voll sein könn­ten: In Van­cou­ver dräng­ten 7.000 Zu­schau­er in Rich­tung Büh­ne, was mit

240 Ver­letz­ten im Kran­ken­haus en­de­te. Der Pres­se­agent der Band ap­pel­liert ans Pu­bli­kum, zu­rück­zu­wei­chen, oder das Kon­zert müs­se ab­ge­bro­chen wer­den. Auch bei den Fol­ge­gigs wird es nicht ein­fa­cher: Im Sü­den der USA herr­schen 1964 Ras­sen­un­ru­hen. Beim Kon­zert in Jack­son­vil­le, Flo­ri­da, soll­te das Pu­bli­kum nach „Ras­sen“ge­trennt wer­den – die Band spricht sich da­ge­gen aus, der Ver­zicht auf Tren­nung wird zur Be­din­gung für Beat­les-auf­trit­te. Das Kon­zert ging dem Ver­neh­men nach fried­lich aus.

Der Hö­he­punkt: Das 1965er Kon­zert im New Yor­ker Shea Sta­di­um vor 56.500 Zu­schau­ern. Dort fand das ers­te Mal ein Rock­kon­zert statt, er­klärt Ge­or­ge Har­ri­son. „Vox hat uns spe­zi­el­le Ver­stär­ker für die­se Tour ge­baut, mit 100 Watt oder so. Aber das hat im­mer noch nicht ge­reicht.“Die Amps wa­ren zwar mi­kro­fo­niert, aber die Band trat oh­ne Mo­ni­tor­bo­xen auf. Im Sta­di­on exis­tier­te kei­ne her­kömm­li­che PA, statt­des­sen wur­de das Si­gnal über die Hör­ner ge­schickt, die nor­ma­ler­wei­se für die Durch­sa­gen bei Spie­len ge­nutzt wur­den. Rin­go Starr re­sü­miert, dass er nichts hö­ren konn­te und statt­des­sen auf die Be­we­gun­gen der an­de­ren Beat­les ach­te­te.

Ei­ner der drei (!) Roa­dies der Us-tour, Ed Free­man, er­in­nert sich 1966 an ein Cha­os im Cleve­land Sta­di­um, bei dem das Pu­bli­kum die Büh­ne stürm­te, so­wie an ei­ne Bom­ben­dro­hung in Mem­phis. In St. Lou­is herrsch­te strö­men­der Re­gen: Free­man saß hin­ter der Büh­ne und hat­te die Hand am Ste­cker, um im Fal­le ei­nes Strom­schlags das Kon­zert zu be­en­den. So­viel zu den Pio­nier­jah­ren der Sta­di­on­kon­zer­te. Der letz­te Gig in San Fran­cis­co stellt dann auch das En­de der Li­ve-shows dar, ab­ge­se­hen von ei­nem Pro­mo-kon­zert auf dem Dach der Plat­ten­fir­ma App­le 1969. „Wir hat­ten kei­ne Freu­de mehr da­ran. Man hör­te die Mu­sik nicht. Es war nur noch ei­ne Art Freak-show“, so Len­non.

Die Do­ku – Eng­lisch mit Un­ter­ti­teln – ist bei Ama­zon ab­ruf­bar, für 3,99 (HD) oder als Down­load für 5,98 Eu­ro. Al­ter­na­tiv ist der Film auf DVD (5,99 Eu­ro) oder Blu-ray (6,99 Eu­ro) er­hält­lich. ■ [11246]

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