Er­fah­rung: un­be­zahl­bar

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Der klas­si­sche Tou­rist stirbt aus. Das ist ein Phä­no­men der di­gi­ta­len Welt. Es geht nicht mehr dar­um, in zwei Wo­chen zu ent­span­nen und auf ei­ner Lie­ge am Pool den Tag lang­sam vor­bei­glei­ten zu las­sen. Es geht dar­um, die letz­ten Ecken ei­nes Ziels zu ent­de­cken. Die Or­te, die selbst ein Ein­hei­mi­scher nicht kennt. Dank der so­zia­len Me­di­en ist das mög­lich. Die Ge­heim­nis­se ei­ner Stadt fin­den nicht nur Ken­ner – je­der hat heut­zu­ta­ge den Zu­gang. Der Schlüs­sel da­zu heißt: WLAN. Doch die di­gi­ta­le Welt hat auch ein wei­te­res Phä­no­men her­vor­ge­bracht – das be­haup­te ich jetzt ein­mal frech: die Welt­rei­sen­den. Die hat es na­tür­lich schon im­mer ge­ge­ben. Wahr­schein­lich ist die Neu­gier dem Men­schen von Na­tur aus mit­ge­ge­ben: Der Wil­le, auf Ent­de­cker­tour zu ge­hen. Dem ei­nen mehr, dem an­de­ren we­ni­ger. Aber heut­zu­ta­ge ge­hört das fast in je­de Vi­ta, dass man – am bes­ten reich­lich un­ge­wöhn­lich – nach der Schu­le oder mit­ten im Le­ben die Welt um­run­det oder zu­min­dest aus­führ­lich er­kun­det. Viel­leicht mit dem Fahr­rad, so wie Fe­lix St­arck, der aus der Pfalz 365 Tage los­zog, um durch 22 Län­der 18.000 Ki­lo­me­ter zu stram­peln. Die Er­fah­rung: un­be­zahl­bar.

Wo­mit wir auch beim The­ma des jun­gen Chris­to­pher Schacht wä­ren, der nach dem Abi los­zog mit nur 50 Eu­ro in der Ta­sche und da­mit 45 Län­der er­kun­de­te und 100.000 Ki­lo­me­ter weit kam. Zwi­schen­durch hat er na­tür­lich ge­jobbt. Als Leh­rer oder auf dem Feld. Das, was sich gera­de an­bot. Le­ben von der Hand in den Mund. Welt­weit. Die Er­fah­rung: un­be­zahl­bar.

Rich­tig fas­zi­niert ha­ben mich Patrick und Gwen, die los­zo­gen, um die Welt zu um­run­den, oh­ne ein Flug­zeug zu be­stei­gen. Sie wa­ren ins­ge­samt vier Jah­re un­ter­wegs und am En­de zu dritt, weil Gwen on tour ih­ren ge­mein­sa­men Sohn Bru­no zur frisch er­kun­de­ten Welt brach­te. Bru­no ist heu­te Me­xi­ka­ner. Er hät­te aber wahr­schein­lich auch Ka­sa­che, Ira­ner oder Chi­le­ne wer­den kön­nen. Das Pär­chen hat aus dem Trip ei­nen Film na­mens »Weit« ge­macht. Die Er­fah­rung: un­be­zahl­bar.

Gi­se­la Hom­berg, ei­ne rüs­ti­ge Rent­ne­rin, lebt in ih­rem blau­en Wohn­mo­bil. War­um in ei­ner Woh­nung ver­sau­ern, wenn man Neu­es von der Stra­ße aus er­kun­den kann? Meist ist sie im Som­mer in Eu­ro­pa un­ter­wegs, und im Win­ter kurvt sie durch Ma­rok­ko. Mit 75. Ganz al­lein. Die Er­fah­rung: un­be­zahl­bar.

Mei­ne Lieb­lings­ge­schich­te ist aber das Er­leb­nis von Ja­ni­na Breit­ling und ih­rem Sohn Max. Um noch die Frei­heit vor der Schu­le zu ge­nie­ßen, ha­ben sich die bei­den auf den Weg ge­macht, die Welt zu be­rei­sen. 13 Mo­na­te wa­ren sie un­ter­wegs. Ba­li, Neu­see­land, Aus­tra­li­en, Ja­pan, Mon­go­lei und Fran­zö­sisch-po­ly­ne­si­en ha­ben sie ge­se­hen. Ihr Le­ben: »low bud­get«. Ja­ni­na hat im­mer wie­der von un­ter­wegs als Jour­na­lis­tin ge­ar­bei­tet. Als di­gi­ta­le No­ma­din geht das heu­te ganz ein­fach. Des­we­gen macht sie sich auch wie­der mit Max auf den Weg. Die Er­fah­rung: un­be­zahl­bar.

Tja, und ich sit­ze hier und wür­de es nicht schaf­fen, mei­ne Freun­de und mein Heim für im­mer oder für sehr lan­ge zu ver­las­sen. Nicht ein­mal, wenn ich mei­ne Liebs­ten im Ge­päck hät­te. Ich be­wun­de­re das, aber mir fehlt das Gen. Ich rei­se lie­ber auf Zeit. Kurz und kna­ckig. Um dann wie­der heim­zu­keh­ren und bei­de Wel­ten schät­zen zu kön­nen, denn die­se Er­fah­rung ist auch: un­be­zahl­bar.

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