Cos­ta Ri­ca

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Es ist das be­lieb­tes­te Ur­laubs­ziel die­ses Jah­res. Egal, ob Ka­ri­bik­küs­te oder Pa­zi­fik­sei­te – Cos­ta Ri­ca boomt. Wir er­klä­ren, war­um.

Cos­ta Ri­cas Süd­wes­ten ist ein Pa­ra­dies, in dem zahl­lo­se Be­geg­nun­gen mit Tie­ren vor­pro­gram­miert sind. Mit ih­rem Ar­ten­reich­tum schlägt die Osa-halb­in­sel nicht nur den Rest des Lan­des, son­dern wohl auch die meis­ten Re­gio­nen auf der gan­zen Welt.

EEr ist schon ein ganz be­son­de­rer Aus­flug, so ein Trip auf das grü­ne Dach des Re­gen­wal­des. Zwit­schern, Tril­lern und Ru­fen der zahl­lo­sen Vö­gel sind ganz nah. Im­mer wie­der ra­schelt es ne­ben und un­ter uns. Im­mer wie­der wer­fen wir Bli­cke auf bun­tes Ge­fie­der und ge­bo­ge­ne Schnä­bel, se­hen Schwär­me von Schmet­ter­lin­gen, be­ob­ach­ten Af­fen­müt­ter, wie sie sich mit ih­ren Jun­gen auf dem Rü­cken von Ast zu Ast han­geln. Nach­ein­an­der brau­sen wir in bis zu 40 Me­tern Hö­he an ei­nem Stahl­seil von Baum zu Baum, von Platt­form zu Platt­form. Zip-li­ning wird si­cher­lich von Na­tur­schüt­zern auch kri­tisch ge­se­hen, aber ist den­noch ei­ne re­la­tiv scho­nen­de Art, den ur­wüch­si­gen Re­gen­wald Cos­ta Ri­cas von ei­ner ganz be­son­de­ren Per­spek­ti­ve aus ken­nen­zu­ler­nen. Wir sind mit­ten­drin. So tief, dass es auf ein­mal nicht mehr vor­wärts geht. Noch wäh­rend wir uns wun­dern, wo die letz­te Teil­neh­me­rin un­se­rer Grup­pe bleibt, zückt ei­ner der Be­treu­er sein Funk­ge­rät, schmun­zelt und stellt tro­cken fest: »Stau auf der Au­to­bahn.« Sein Kol­le­ge, der die Nach­hut über­nom­men hat, ist schon un­ter­wegs. Und dann se­he ich es selbst. Eng hin­ter­ein­an­der bau­meln die drei be­tei­lig­ten Ak­teu­re am Stahl­seil: ganz hin­ten der Be­treu­er, da­vor die ver­miss­te letz­te Grup­pen­teil­neh­me­rin, und da­vor? Ein Faul­tier. Das put­zi­ge We­sen hat die letz­te Pau­se zwi­schen den Fahr­ten ge­nutzt, um sich auf un­se­re «Au­to­bahn» zu schwin­gen – und jetzt geht es nur noch ganz lang­sam vor­an. Wie in Zeit­lu­pe greift das Faul­tier mit sei­nen Klau­en um das Stahl­seil, ar­bei­tet sich Zen­ti­me­ter für Zen­ti­me­ter vor­an. Nun ist Ge­duld ge­fragt, denn die Dschun­gel­be­woh­ner ha­ben na­tür­lich Vor­fahrt. Aus­gie­big Zeit bleibt uns, die­ses ein­ma­li­ge und hier ganz nor­ma­le Schau­spiel zu be­ob­ach­ten, bis sich das Tier zu uns vor­ge­ar­bei­tet hat und mit sei­nem ewi­gen Grin­sen im Ge­sicht wie­der im Blät­ter­di­ckicht ver­schwin­det. Dies ist längst nicht das ers­te Auf­ein­an­der­tref­fen der be­son­de­ren Art, das wir auf un­se­rer Rei­se in den Gar­ten Eden Mit­tel­ame­ri­kas er­lebt ha­ben. Ei­ni­ge Ta­ge vor­her wa­ren wir mit ei­nem Boot in die Wild­nis Cos­ta Ri­cas Süd­wes­tens, auf die Osa-halb­in­sel, auf­ge­bro­chen.

«Da», ruft Boots­füh­rer Enoc Espi­no­za aus, dros­selt den Mo­tor un­se­res klei­nen Holz­ge­fährts und deu­tet mit dem Zei­ge­fin­ger auf ein fas­zi­nie­ren­des Schau­spiel. Wie ein noch un­ge­len­ker Te­enager mit et­was zu lang ge­ra­te­nen Bei­nen stelzt ein wei­ßer Schnee­sich­ler durch den mo­ras­tig brau­nen Ufer­saum. Auf den ers­ten und zwei­ten Blick kann ich mir die Hek­tik nicht er­klä­ren, die auf­grund des­sen in un­se­rem Fort­be­we­gungs­mit­tel aus­ge­bro­chen ist. Doch manch­mal brau­chen die Be­ob­ach­ter in die­sem Land auch schar­fe Au­gen und ein biss­chen Ge­duld. Wie ein x-be­lie­bi­ger Baum­stamm treibt kei­ne fünf Me­ter ent­fernt von dem ge­fie­der­ten Dschun­gel­be­woh­ner be­we­gungs­los ein Kro­ko­dil. Noch ein Schritt und noch ein Schritt, im­mer nä­her kommt der Ver­tre­ter der Ibis-art auf Nah­rungs­su­che dem oliv-brau­nen Schup­pen­tier und ahnt da­bei wahr­schein­lich nicht, dass es wo­mög­lich in we­ni­gen Se­kun­den selbst auf die Spei­se­kar­te ge­setzt wird. In mei­nem Kopf läuft der Count­down rück­wärts, wann Vo­gel und Rep­til un­wei­ger­lich auf­ein­an­der­tref­fen. Und dann? Be­kom­men wir für un­se­re Sen­sa­ti­ons­lust die pas­sen­de Quit­tung, denn es pas­siert nichts. Un­ge­hin­dert klappt der Ibis sei­ne dün­nen Bein­chen kei­nen Me­ter vor den be­droh­li­chen Na­sen­lö­chern des Räu­bers ein und wie­der aus, geht wei­ter sei­ner un­er­gründ­li­chen We­ge. Enoc lacht laut auf.

Er weiß näm­lich, dass man von ei­nem Kro­ko­dil im Jagd­mo­dus nie­mals den schup­pi­gen Rü­cken sieht, son­dern nur die tot wir­ken­den Au­gen. Nur dann wird es ge­fähr­lich.

Seit vie­len Jah­ren ist un­ser Boots­füh­rer auf dem Fluss Sier­pe un­ter­wegs und schip­pert mit Grup­pen wie der mei­nen zum »Hu­me­da Na­cio­nal Tér­ra­ba-sier­pe«, dem größ­ten Schutz­re­ser­vat für Man­gro­ven in Zen­tral­ame­ri­ka. Fast zwei St­un­den lang sind wir schon auf dem bräun­li­chen Was­ser des Flus­ses Sier­pe un­ter­wegs, im­mer ent­lang des un­durch­dring­li­chen grü­nen Di­ckichts und mit nichts als dem Knat­tern des Mo­tors und dem rol­len­den, zir­pen­den und tril­lern­den Sound des Dschun­gels im Ohr. Dann biegt Enoc scharf nach rechts ab und steu­ert hin­ein in die Welt der Man­gro­ven. Über uns hat sich das Blät­ter­dach fast ge­schlos­sen, und un­ter uns klatscht brau­nes Brack­was­ser an die Boots­wand. Wäh­rend ich mir mit ei­nem Tuch den Schweiß vom Ge­sicht wi­sche, schaue ich mir die­ses Wun­der der Na­tur mit sei­nem mor­bi­den Charme ge­nau an. Wie aus­ge­stor­ben schlän­geln sich die kah­len Wur­zeln, Äs­te und Stäm­me des kom­ple­xen Öko­sys­tems nur we­ni­ge Arm­län­gen von uns ent­fernt. Fast wie Ter­ras­sen ha­ben sich die Man­gro­ven in die­sem Sumpf­ge­biet an­ge­sie­delt, der Grö­ße nach ge­ord­net, die kleins­ten im Was­ser. »Sie ko­lo­ni­sie­ren das Was­ser, in­dem sie die Sa­men fal­len las­sen und durch neue Art­ge­nos­sen Sumpf­land schaf­fen«, er­läu­tert un­ser Fach­mann und streckt wie­der den Zei­ge­fin­ger aus.

Denn was auf den ers­ten Blick tot wirkt, ist ein wah­rer Kos­mos, be­völ­kert mit zahl­lo­sen Le­be­we­sen. »Je­sus Chris­tus«, so wird die gol­de­ne Ei­dech­sen­art, die an uns vor­bei­tapst, von Ein­hei­mi­schen we­gen der Fä­hig­keit, über das Was­ser zu lau­fen, ge­nannt. In der Baum­kro­ne schräg vor uns knab­bert ein Ka­pu­zi­neräff­chen an ei­ner Frucht. Die Stäm­me um uns her­um sind über­sät mit un­zäh­li­gen krab­beln­den Kreb­sen. Be­herzt pflückt Enoc ein rund acht Zen­ti­me­ter gro­ßes Ex­em­plar, das mich mit sei­nen lan­gen Bei­nen und dem gro­ßen Kör­per eher an ei­ne Vo­gel­spin­ne er­in­nert, von dem Holz. Fas­zi­niert be­trach­ten wir die­sen Ein­hei­mi­schen mit schwarz-wei­ßer Ma­se­rung. Be­hut­sam und mit ei­nem brei­ten Grin­sen im Ge­sicht ent­lässt un­ser Füh­rer das Tier­chen wie­der in die Frei­heit, nach­dem wirk­lich je­der der Boots­in­sas­sen es aus al­len mög­li­chen Blick­win­keln ge­knipst hat. Das ers­te Mal den­ke ich auf die­ser Rei­se: Du bist hier in ei­nem klei­nen Pa­ra­dies ge­lan­det.

Das bin ich tat­säch­lich, denn die Osa-halb­in­sel ist noch so, wie das Land zwi­schen Pa­na­ma und Ni­ca­ra­gua war, be­vor ab dem 19. Jahr­hun­dert Kaf­fee­ba­ro­ne, Ba­na­nen­mul­tis, Holz-ty­coo­ne und vie­le an­de­re wei­te Tei­len des ur­sprüng­li­chen Re­gen­wal­des nie­der­mäh­ten. Zwar setz­te ab den 1960er-jah­ren ein Um­den­ken ein, den­noch sol­len bis Mit­te der 1980er-jah­re rund die Hälf­te der Re­gen­wald­flä­che und di­ver­se Tier­ar­ten ver­schwun­den ge­we­sen sein. Erst in den ver­gan­ge­nen bei­den Jahr­zehn­ten wur­de rund ein Zehn­tel der Lan­des­flä­che wie­der auf­ge­fors­tet. 29 Na­tio­nal­parks, 25 Na­tur­schutz­ge­bie­te, zehn Feucht­ge­bie­te und acht Bio­re­ser­va­te span­nen mitt­ler­wei­le ein Netz, durch das aber im­mer wie­der Na­tur­sün­der schlüp­fen.

Die ab­ge­le­ge­ne Osa-halb­in­sel ist in ih­rer Ver­gan­gen­heit zwar nicht gänz­lich von al­len zer­stö­re­ri­schen Ent­wick­lun­gen frei, auf­grund der geo­gra­fi­schen La­ge und feh­len­der Stra­ßen so­wie ei­ner Schutz­po­li­tik ab den 1970er-jah­ren aber von den här­tes­ten Aus­wüch­sen ver­schont ge­blie­ben. Hier wächst noch ei­ner der letz­ten Tief­land­re­gen­wäl­der des Kon­ti­nents. Mit ih­rem Ar­ten­reich­tum sticht die Halb­in­sel al­le an­de­ren Lan­des­tei­le in Cos­ta Ri­ca aus. 2,5 Pro­zent al­ler welt­weit vor­kom­men­den Le­bens­for­men sol­len hier noch zu Hau­se sein. Ei­ne ex­or­bi­tan­te Zahl.

»Un­se­re Na­tur müs­sen wir er­hal­ten«, stellt Ju­lie­ta Chan, Di­rek­to­rin der Or­ga­ni­sa­ti­on Ca­mi­nos de Osa, fest, wäh­rend wir kur­ze Zeit spä­ter auf der Ter­ras­se ei­ner der we­ni­gen Lod­ges der Halb­in­sel das Na­tio­nal­ge­tränk »Caf­eci­to«, den stark ge­brüh­ten Kaf­fee mit viel Zu­cker, schlür­fen. Als es in den 1970er-jah­ren mit dem «Caf­eci­to» auf dem Welt­markt berg­ab ging und das Land in ei­ne Wirt­schafts­kri­se stürz­te, be­gann ein Um­den­ken. Wenn man mit dem Ex­port nicht mehr viel ver­dient, war­um dann nicht mit dem Im­port von Tou­ris­ten, die die üp­pi­ge Na­tur er­le­ben möch­ten? Die Al­li­anz von Wirt­schaft und Na­tur-

»Wenn man mit dem Ex­port nicht mehr viel ver­dient, war­um dann nicht mit dem Im­port von Tou­ris­ten, die die üp­pi­ge Na­tur er­le­ben möch­ten?«

»Es ‰ießt viel Geld durch den Tou­ris­mus ins Land, aber es bleibt zu we­nig bei den Ein­hei­mi­schen hän­gen.«

schutz, die sich dar­auf­hin ent­wi­ckel­te, gibt es si­cher­lich nicht häu­fig auf der Welt. Und sie trug zur «Grü­nen Re­vo­lu­ti­on» der 1970er-jah­re bei. 100 Mil­lio­nen Dol­lar er­wirt­schaf­te­te die Bran­che be­reits im Jahr 1985. Mitt­ler­wei­le strö­men mehr als ei­ne Mil­li­on aus­län­di­sche Gäs­te pro Jahr nach Cos­ta Ri­ca, der Tou­ris­mus ist ne­ben Land­wirt­schaft und In­dus­trie ei­ne der drei wirt­schaft­li­chen Säu­len ge­wor­den. Öko-tou­ris­mus ist das gro­ße The­ma. Auch in un­se­rer Lodge wird der Müll ge­trennt, das Re­gen­was­ser auf­be­rei­tet und so we­nig Plas­tik wie mög­lich ver­wen­det. Doch ist der Kampf um die­ses Pa­ra­dies wohl nie zu En­de. Zwar ist das Holz­schla­gen oft­mals ver­bo­ten, aber es pas­siert trotz­dem. Zwar ist der Bau von Un­ter­künf­ten streng re­gle­men­tiert, den­noch stre­cken aus­län­di­sche In­ves­to­ren im­mer wie­der ih­re Fin­ger da­nach aus. Und da kom­men Men­schen wie Ju­lie­ta Chan und Ca­mi­nos de Osa ins Spiel.

»Es fließt viel Geld durch den Tou­ris­mus ins Land, aber es bleibt zu we­nig bei den Ein­hei­mi­schen hän­gen«, be­rich­tet die 33-Jäh­ri­ge, wäh­rend wir am nächs­ten Tag auf ei­ner holp­ri­gen Bu­ckel­pis­te un­ter­wegs sind zu ei­nem ih­rer Kli­en­ten. Ca­mi­nos de Osa ist ei­ne klei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on, die Tou­ren zu be­son­de­ren Ein­hei­mi­schen auf der Halb­in­sel an­bie­tet. Be­su­cher kön­nen dem Dorf­pas­tor da­bei zu­schau­en, wie er das kul­tu­rel­le Er­be der «Tra­pi­ce­ro» pflegt und aus Zu­cker­rohr die tra­di­tio­nel­len Ka­ra­mellsor­ten und Sü­ßungs­mit­tel »So­ba­do«, »Ta­pa­durce« oder »Ho­ney« her­stellt, wie auf ei­ner Öko-plan­ta­ge Ka­kao ent­steht oder wie Far­mer bö­se Dschun­gel­geis­ter mit klei­nen Fal­len fan­gen. Heu­te steht bei uns der Gold­rausch auf dem Pro­gramm.

«Bu­e­nos Di­as», be­grüßt uns Juan Au­bil­lo Qua­mes. Mit sei­nem Hut im Leo­par­den­look, der brei­ten Gür­tel­schnal­le und dem Mes­ser an der Hüf­te sieht er ein biss­chen ver­we­gen und wie ein rich­ti­ger Gold­schür­fer aus. Das ist er auch – näm­lich der letz­te in dem klei­nen Ört­chen Quema­do im Zen­trum der Halb­in­sel, auf der das ed­le Me­tall schon vor Ko­lum­bus’ Zei­ten ein The­ma war. Spä­tes­tens seit dem Rück­zug der Ba­na­nen-dik­ta­to­ren von Uni­ted Fruit aus der Re­gi­on im Jahr 1985 ver­fie­len hier vie­le Glücks­rit­ter und grö­ße­re Ge­sell­schaf­ten in ei­nen kurz­fris­ti­gen Gold­rausch. »Ich bin Gold­su­cher, seit ich sie­ben Jah­re alt bin, und war ei­ner der Jüngs­ten, als das Gan­ze hier rich­tig Fahrt auf­ge­nom­men hat­te«, er­in­nert sich der heu­te 55-Jäh­ri­ge und deu­tet auf die Hin­ter­las­sen­schaf­ten, ein wah­res Mon­strum von Ma­schi­ne, die die Er­de ton­nen­wei­se in sich hin­ein­ge­saugt hat­te. Mit fa­ta­len Fol­gen: Der Bo­den kor­ro­dier­te, die Land­schaft zer­stört. Die Re­gie­rung schritt ein und ver­trieb die Com­pa­nies. Gold­schür­fen auf der Halb­in­sel ist mitt­ler­wei­le streng li­mi­tiert.

Juan Au­bil­lo Qua­mes ist ge­dul­det. Für 70 Pro­zent sei­nes Ein­kom­mens sor­gen mitt­ler­wei­le die Tou­ris­ten. Und mit sei­ner Gold­wä­sche rich­tet er kei­nen Scha­den an. Früh am Mor­gen macht er sich mit Schip­pe, Scha­le, ei­ner klei­nen Edel­stahl­plat­te so­wie Fleece-tuch auf den Weg. Was folgt, ist kalt und un­ge­müt­lich. «Aten­ción», ruft er sei­nem neun­jäh­ri­gen Sohn Car­li­to zu, wäh­rend der Va­ter im eis­kal­ten Bach steht und das Erd­reich ein paar Me­ter ab­wärts zu sei­nem Stamm­hal­ter schau­felt. Der darf heu­te, wo die Tou­ris­ten hier sind, mit­hel­fen. Vor dem Zehn­jäh­ri­gen liegt die Edel­stahl­plat­te mit den hoch­ge­bo­ge­nen Kan­ten als Was­s­er­füh­rung. Nun klaubt Car­li­to in der Ho­cke Dreck und St­ei­ne aus der Füh­rung, bis ihm die Hän­de vor Käl­te steif wer­den. Im Fleece auf dem Bo­den der Füh­rung set­zen sich der­weil die Gold­und Ei­sen­s­edi­men­te ab, die in die Scha­le aus­ge­wrun­gen wer­den.

»Schau­en Sie mal«, sagt Juan und schwenkt die Scha­le vor­sich­tig hin und her. Ne­ben dunk­len Körn­chen glit­zert es im Was­ser, er hat tat­säch­lich Gold ge­wa­schen. »Aber nicht viel«, kom­men­tiert er, es sind nicht ein­mal 100 Mil­li­gramm. Für ein Gramm be­kommt er auf dem Markt 40 Dol­lar, die Ge­winn­span­nen sind höchst über­schau­bar. Ein gu­ter Tag fängt bei ei­nem Gramm auf­wärts an. Ja, es gab auch gu­te Zei­ten, zu sei­nen bes­ten fand er ein 70-Gramm-nug­get. Doch die­se Zei­ten sind vor­bei. »Es lohnt sich nicht. Au­ßer­dem ist die Ar­beit sehr hart, ich kann mich abends, wenn ich zehn St­un­den lang im Was­ser ge­stan­den ha­be, kaum mehr be­we­gen«, be­rich­tet er, als wir wie­der in sei­ner war­men Hüt­te sit­zen und er die Gold­teil­chen, ver­mischt mit et­was Was­ser, mit ei­ner Pi­pet­te in ei­ne Fla­sche füllt. Er will raus aus dem Ge­schäft, die Tou­ris­ten sind sei­ne gro­ße Hoff­nung.

Steht er in die­ser Ge­schich­te für das Al­te, das sich lang­sam wan­delt, so ist To­ny Ji­mé­nez ein Ver­tre­ter des Neu­en. Oh­ne Füh­rer in den Dschun­gel zu ge­hen, ist, wie ei­ne Bi­b­lio­thek als An­alpha­bet zu be­su­chen – das sa­gen zu­min­dest die Ein­hei­mi­schen. Und mit To­ny zu­sam­men klap­pen wir das wohl präch­tigs­te Buch auf, das Cos­ta Ri­ca zu bie­ten hat. Der Par­que Na­cio­nal Cor­co­va­do (»Buck­li­ger«) im Her­zen der Osa-halb­in­sel ist ein wah­rer Gar­ten Eden. Über 400 Vo­gel­ar­ten, 115 Spe­zi­es von Am­phi­bi­en und Rep­ti­li­en, 60 bis 70 ver­schie­de­ne Süß­was­ser­fi­sche und nicht zu­letzt über 120 Säu­ge­tier­ar­ten tei­len sich die rund 425 Qua­drat­ki­lo­me­ter mit acht Le­bens­räu­men – von Ne­bel­wald, Küs­te, Sumpf­ge­bie­ten bis hin zum Berg­land. Im größ­ten

zu­sam­men­hän­gen­den pa­zi­fi­schen Re­gen­wald Ame­ri­kas wach­sen rund 500 ver­schie­de­ne Baum­ar­ten. Das Na­tio­nal Geo­gra­phic Ma­ga­zi­ne hat das 1975 zum Na­tio­nal­park er­klär­te Ge­biet ein­mal als den bio­lo­gisch ar­ten­reichs­ten Platz der Er­de be­zeich­net. Gut, dass wir ei­nen Schrift­kun­di­gen in die­ser Bi­b­lio­thek des Le­bens bei uns ha­ben.

Denn es ver­ge­hen im­mer nur höchs­tens we­ni­ge Mi­nu­ten, bis To­ny wie­der ei­nes der viel­fäl­ti­gen Zei­chen für Le­ben ent­schlüs­selt, wäh­rend wir uns ei­nen Weg über ur­al­te Wur­zeln un­ter dem ge­schlos­se­nen Blät­ter­dach bah­nen. Noch bei kei­ner Rei­se ha­be ich in so kur­zer Zeit so vie­le Tie­re ge­se­hen. Wan­dert der Blick in ei­ner Mi­nu­te noch auf den Bo­den, um ei­nen schwarz-gelb ge­scheck­ten Frosch aus­zu­ma­chen, ha­be ich schon fast den gift­grü­nen Le­gu­an ver­passt, der sei­ne Schnau­ze nur rund 15 Me­ter weit ent­fernt aus dem Di­ckicht streckt. Wäh­rend ich noch über­rascht fest­stel­le, dass das Ter­mi­ten­nest vor mir gar kei­nes ist, son­dern ein zu­sam­men­ge­roll­tes Faul­tier, flat­tert es schon hin­ter mir, und ich se­he ein rot­köp­fi­ges Ara-pär­chen beim ein­träch­ti­gen Kna­cken von Frucht­ker­nen. Die zahl­lo­sen Tu­ka­ne, die ich auf un­se­rer Wan­der­schaft ent­de­cke, kann ich schon gar nicht mehr zäh­len. Und wer nur zum Be­ob­ach­ten der Ko­lo­ni­en der Ka­pu­zi­ner- oder To­ten­kop­fäff­chen ge­kom­men ist, der kann dar­über schnell die Zeit ver­ges­sen. Ein im­mer wie­der­keh­ren­des »Hu­uhuuh« er­in­nert dar­an, dass die im­po­nie­ren­den Brüll­af­fen nie weit ent­fernt sind.

»Lang­sam«, si­gna­li­siert uns un­ser Füh­rer, nach­dem wir nach rund zwei in­ten­si­ven St­un­den das Gras­land rund um die Ran­ger­sta­ti­on »La Si­re­na« er­rei­chen. Kei­ne fünf Me­ter ent­fernt liegt ein Re­spekt ein­flö­ßen­der Kai­man be­we­gungs­los an ei­nem klei­nen Bach­lauf. Ganz lang­sam nä­hern wir uns die­sem präch­ti­gen Tier. To­nys Blick si­gna­li­siert mir, dass kei­ne Ge­fahr be­steht, so­lan­ge wir un­se­ren Ab­stand ein­hal­ten. Der reicht auch völ­lig aus, um zu se­hen, was der Kai­man da so ge­nau mit sei­nem leer wir­ken­den Blick fi­xiert. Am Was­ser tum­melt sich der nur Zen­ti­me­ter gro­ße Nach­wuchs. Wir sind auf ei­ne gan­ze Fa­mi­lie ge­sto­ßen. Nie hät­te ich ge­dacht, dass mir die­se Tie­re tat­säch­lich ein­mal ei­nen Ein­druck von Idyl­le ver­mit­teln. Doch das ist nur ei­nes von zahl­lo­sen Er­leb­nis­sen, die ich von mei­nen Be­geg­nun­gen in die­ser Bi­b­lio­thek des Le­bens mit nach Hau­se brin­gen wer­de.

IN­FO

AN­REI­SE Con­dor bie­tet mitt­wochs, don­ners­tags und sonn­tags ei­nen Di­rekt­flug von Frank­furt a. M. via San­to Do­m­in­go nach San Jo­sé an. Luft­han­sa star­tet ab dem 29. März zwei­mal in der Wo­che (don­ners­tags und sams­tags) ab Frank­furt a. M. ei­nen Non­stop-flug nach San Jo­sé.

Cos­ta Ri­ca un­ter­hält kein Frem­den­ver­kehrs­bü­ro in Deutsch­land. Das of­fi­zi­el­le Frem­den­ver­kehrs­amt be­fin­det sich in der Haupt­stadt San Jo­sé, die An­schrift ist 777-1000 San Jo­sé, Tel. +506 22 99 58 00. Kon­takt per E-mail an con­tac­tus@vi­sit­cos­ta­ri­ca. com. Das Frem­den­ver­kehrs­bü­ro un­ter­hält die sehr in­for­ma­ti­ve In­ter­net­sei­te in deut­scher Spra­che: www.vi­sit­cos­ta­ri­ca.com/de

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Mar­kus Grenz text & fo­tos

Hell­se­her? Je­den­falls hat Frem­den­füh­rer Ed­win Vil­lare­al Orcú ein Ge­spür für al­les, was im Dschun­gel kreucht und fleucht. Da­mit auch die Tou­ris­ten klei­ne Le­be­we­sen wie Kreb­se und wil­de Bie­nen zu Ge­sicht be­kom­men, hat er stets ein Fern­glas mit Sta­tiv da­bei.

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