Yu­ca­tan

reisen EXCLUSIV - - inhalt - text Lin­da Ru­ckes

Die ka­ri­bi­sche Sei­te Me­xi­kos ist für ih­re Traum­strän­de be­kannt. Aber auch für Ma­ya-stät­ten, Ce­no­ten, Dschun­gel und ei­ne ex­zel­len­te Gua­ca­mo­le.

»Yuk ak ka­tán«, ant­wor­te­ten die Ma­ya da­mals den Spa­ni­ern, als die­se sie nach dem Na­men ih­res Lan­des frag­ten: »Ich ver­ste­he dei­ne Spra­che nicht.« Ein ge­schichts­träch­ti­ges Miss­ver­ständ­nis, das der me­xi­ka­ni­schen Halb­in­sel ih­ren Na­men gab. Re­dak­teu­rin Lin­da Ru­ckes ist auf der Yu­ca­tán-halb­in­sel in die Welt der Ma­ya ein­ge­taucht – über- und un­ter­ir­disch.

DDer letz­te Schritt ist wie ei­ne Be­frei­ung. End­lich bin ich an der Spit­ze der Py­ra­mi­de an­ge­kom­men. Zö­ger­lich dre­he ich mich um – und er­neut lässt mich mein Gleich­ge­wicht im Stich. 42 Me­ter reicht mein Blick in die Tie­fe, vor mir kämp­fen sich die Tou­ris­ten wie klei­ne Amei­sen die Py­ra­mi­den­stu­fen hin­auf. Mei­ne Au­gen lö­sen sich von den klet­tern­den Men­schen und wan­dern von links nach rechts, von rechts nach links. Na­da! Weit und breit ist nichts zu se­hen als un­end­li­che Wei­te. Ein­zig und al­lein grü­ne Wald­fle­cken er­stre­cken sich zu mei­nen Fü­ßen.

Die Yu­ca­tán-halb­in­sel ist flach – ei­gent­lich. Um­so er­staun­ter war man da­mals, als man die Ma­ya-py­ra­mi­den ent­deck­te. Ber­ge? In Yu­ca­tán? Un­mög­lich. Heu­te ist die No­hoch Mul-py­ra­mi­de in Co­bá das größ­te Ma­ya-bau­werk auf der Halb­in­sel. Den Aus­gra­bun­gen nach zu ur­tei­len be­fand sich hier, un­ter mei­nen Fü­ßen, vor knapp 1 500 Jah­ren ei­ne der größ­ten Ma­ya-sied­lun­gen Me­xi­kos. Bis zu 50 000 Men­schen sol­len hier ge­lebt ha­ben. 3 000 Tou­ris­ten kra­xeln nun täg­lich die 120 klei­nen und brü­chi­gen Trep­pen­stu­fen in die Hö­he.

Es ist nicht die Hö­he, die mir zu schaf­fen macht. Es ist der Te­qui­la. Der schlum­mert näm­lich noch in den Tie­fen mei­nes Ma­gens. Das wa­ren wohl zwei Shots zu viel ges­tern an der Ho­tel­bar. Denn als heu­te Mor­gen um sechs Uhr mein We­cker klin­gel­te, konn­te ich mich nur müh­sam aus dem Bett he­ben. Bei 32 Grad im Schat­ten und ei­nem Rest Te­qui­la im Blut ist es ei­ne Mut­pro­be, Ma­ya-py­ra­mi­den zu be­stei­gen. Oder es ist die wah­re Me­xi­ko-er­fah­rung. Er­leich­tert füh­le ich mich, als ich die letz­te Trep­pen­stu­fe hin­ter mir ge­las­sen ha­be und end­lich wie­der Bo­den un­ter den Fü­ßen spü­re. Ziel­stre­big schnap­pe ich mir mein Fahr­rad und fah­re Rich­tung Aus­gang. Zeit für ei­ne Sies­ta.

»Das ist al­les?«, hö­re ich ei­nen deut­schen Tou­ris­ten hin­ter mir un­gläu­big fra­gen, schein­bar ent­täuscht von dem, was er sieht. Zu­ge­ge­ben, die ver­streu­ten Tem­pel hier auf dem Ge­län­de in Tu­lum sind deut­lich we­ni­ger be­ein­dru­ckend als die Rie­sen­py­ra­mi­de in Co­bá. Hier sind es we­der Hö­he noch Aus­sicht, die die Be­su­cher zum Stau­nen brin­gen. Viel­mehr ist es die To­p­la­ge, die im­po­niert.

Einst ein Ha­fen­ort der Ma­ya, thront heu­te das Cas­til­lo (Schloss) vor der ma­le­ri­schen Ku­lis­se der Ka­ri­bik. Tür­kis­far­be­ner At­lan­tik und Pal­men­we­del zie­ren das Haupt der Ma­ya­stät­te. Tou­ris­tisch voll­kom­men über­lau­fen, ist es trotz­dem ein wun­der­ba­rer Ort vol­ler Ge­schich­te und Fas­zi­na­ti­on.

Ri­vie­ra Ma­ya – jetzt, wo ich über das Ge­län­de spa­zie­re, kann ich die­sen Spitz­na­men nur all­zu gut nach­voll­zie­hen. Der Wind weht durch mei­ne Haa­re. Um­ge­ben bin ich von Ma­ya-tem­peln, Pal­men und dem Ka­ri­bi­schen Meer. Die ers­ten Tou­ris­ten ha­ben den Weg ins Meer ge­fun­den, feh­len nur noch Lie­ge­stüh­le und Strand­bars. Die fin­det man we­ni­ge Ki­lo­me­ter ent­fernt. Statt ei­nem ein­ge­mau­er­ten Stadtare­al ma­chen sich dann Ho­tel­bur­gen an der Küs­te breit.

»Ho­la Lin­da!« Jo­sé be­grüßt mich freund­lich, als ich die Vil­la be­tre­te. Mir ge­fällt die spa­ni­sche Aus­spra­che mei­nes Na­mens, auch wenn es an­fangs et­was un­ge­wohnt klingt. Jo­sé ist der But­ler mei­ner Vil­la. Doch glück­li­cher­wei­se tei­len sich 36 Zim­mer sei­ne, Ma­nu­els und Ma­ri­as Leis­tun­gen. Die jun­gen Me­xi­ka­ner ha­ben stets ein Lä­cheln auf den Lip­pen. But­ler, das Wort ge­fällt mir nicht. Oder sa­gen wir es so – mir ge­fällt es nicht, dass je­mand mich be­dient. Trotz­dem ma­chen sie ih­ren Job sehr gut. Sie freu­en sich im­mer über ein biss­chen Small Talk, oh­ne da­bei ir­gend­wel­che Flos­keln aus­wen­dig ge­lernt zu ha­ben. Auch ich freue mich, ein paar Wor­te Spa­nisch mit ih­nen wech­seln zu kön­nen, wird man in den tou­ris­ti­schen Ge­gen­den doch im­mer auf Eng­lisch an­ge­spro­chen.

Ser­vice, der wird hier im TRS Yu­ca­tán Ho­tel groß­ge­schrie­ben. Ei­ne stan­dar­di­sier­te Aus­sa­ge? In je­dem Fünf-ster­ne-ho­tel soll­te der Ser­vice her­vor­ra­gend sein, aber hier in die­sem Ho­tel füh­le ich mich ir­gend­wie be­son­ders wohl. Der Um­gang un­ter­ein­an­der ist per­sön­lich, aber doch re­spekt­voll. Das Per­so­nal ist hilfs­be­reit, aber nicht un­ter­wür­fig. Viel­mehr be­wegt sich der Gast zwi­schen Selbst­stän­dig­keit und dem Lu­xus, sich ver­wöh­nen zu las­sen.

»Se­ño­ri­ta?«, vor­sich­tig stellt mir Edu­ar­do den Tel­ler auf den Platz. Nach den ers­ten zwei Ta­gen bin ich be­reits Stamm­gast in der He­li­os Bar, die gleich ne­ben mei­ner Vil­la liegt. Hier weiß man, wie man mich glück­lich macht. Nicht et­wa sind es das kup­fer­far­be­ne Be­steck, das mir als Al­ler­ers­tes auf­ge­fal­len ist, noch das be­zir­zen­de Mee­res­rau­schen und der Aus­blick auf die Wei­te des At­lan­ti­schen Oze­ans. Vor mir steht sie, mei­ne Por­ti­on grü­nes Glück. Ob mor­gens, mit­tags oder abends, ich kann nicht ge­nug krie­gen von der le­cke­ren Gua­ca­mo­le. Erst­klas­sig, der Ge­schmack wie der Ser­vice. An den Auf­ent­halt hier kann ich mich ge­wöh­nen!

Ge­dank­lich bin ich mit der ei­nen Hälf­te noch bei der köst­li­chen Avo­ca­do­creme von vor­hin. Noch im­mer läuft mir das Was­ser im Mund zu­sam­men. Die an­de­re Hälf­te schaut be­ängs­tigt in den Ein­gang ei­ner Höh­le. Schweiß tropft von mei­ner Stirn. Et­was mul­mig zu­mu­te ist mir schon, wenn ich dar­an den­ke, dass ich die nächs­ten zwei St­un­den in ei­ner dunk­len Höh­le ver­brin­gen wer­de. Lie­ber wür­de ich er­neut auf al­len vie­ren ei­ne Py­ra­mi­de hoch­klet­tern, als frei­wil­lig ei­ne dunk­le Höh­le zu be­tre­ten. Die Ce­no­tes (was auf der Spra­che der Ma­ya so viel wie Ein­gang be­deu­tet) wa­ren für die Ma­ya die Ein­gän­ge zur neun­stu­fi­gen Un­ter­welt, ge­nannt Xi­bal­bá. Xi­bal­bá – der Ort der Angst. Na toll.

Al­lein zwi­schen Tu­lum und Pla­ya del Car­men gibt es um die 1 500 Ce­no­tes. Le­dig­lich 20 Pro­zent wer­den tou­ris­tisch ge­nutzt. Frü­her nutz­ten die Ma­ya die Höh­len un­ter an­de­rem als re­li­giö­se Op­fer­stät­te. Vor­sich­tig tas­te ich mit mei­nen Fü­ßen den Bo­den ab. Links spü­re ich klei­ne Sta­lag­mi­ten, die aus dem Bo­den der Höh­le wach­sen. Gar nicht so ein­fach, sich zwi­schen Sta­lag­mi­ten und Sta­lak­ti­ten fort­zu­be­we­gen – und die­se gleich­zei­tig nicht an­fas­sen zu dür­fen. Der Bo­den ist zu­dem rut­schig. Viel Halt ge­ben ei­nem selbst die Was­ser­schu­he nicht. Schritt für Schritt bewegen wir uns tie­fer in die Höh­le. Die Un­ter­welt der Ma­ya, so hat sie al­so aus­ge­se­hen? Der Río Se­cre­to ist ei­nes der längs­ten Un­ter­was­ser­sys­te­me der Welt, das bis 2007 der Öf­fent­lich- keit nicht zu­gäng­lich war. Jetzt schwim­me ich durch die Höh­le. Froh dar­über, nicht bei 35 Grad ei­ne Py­ra­mi­de hoch­zu­klet­tern. Be­ein­druckt von dem, was Mut­ter Na­tur uns ge­schenkt hat.

Au­gen zu, auf den Rü­cken le­gen, trei­ben las­sen und die Höh­le auf sich wir­ken las­sen. Voll­kom­me­ne Dun­kel­heit, kei­ne Ge­räu­sche zu hö­ren. Ge­ra­de als ich es ge­schafft ha­be, mei­nen sor­gen­vol­len Kopf ab­zu­schal­ten und den Mo­ment der Ru­he zu ge­nie­ßen, bricht Tomás, un­ser Gui­de, die Stil­le. »Có­mo es­tán ami­gos?,« fragt er uns flüs­ternd. Die Ma­gie der Höh­le hat an­schei­nend auch ihn ein­ge­nom­men.

»Estoy bi­en«, ant­wor­te ich ihm. Ich füh­le mich gut. Er­leich­tert auch ir­gend­wie. An man­chen Stel­len schim­mert das Was­ser so­gar tür­kis, ge­nau wie der Oze­an hin­ter Tu­lum. Doch hier sind es kei­ne Ma­ya-tem­pel oder In­schrif­ten, die uns der Kul­tur der Ma­ya ge­den­ken las­sen. Hier, bauch­na­bel­tief im Was­ser, mit Neo­pren­an­zug, Helm und Stirn­lam­pe auf dem Kopf, ha­be ich das ers­te Mal das Ge­fühl, das Er­be der Ma­ya wirk­lich zu spü­ren. Wort­wört­lich in ih­re Welt ein­ge­taucht zu sein.

Re­dak­teu­rin Lin­da durf­te das TRS Yu­ca­tán Ho­tel tes­ten und sich an der ex­zel­len­ten me­xi­ka­ni­schen Kü­che aus­gie­big satt­fut­tern.

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