Ha­van­na

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Zi­gar­ren, Old­ti­mer und ganz viel Nost­al­gie. Re­dak­teu­rin Ul­ri­ke hat sich in Ku­bas Haupt­stadt ein­mal aus­gie­big um­ge­se­hen.

Ei­ne Stadt, die ei­nem Ar­chi­tek­tur­mu­se­um gleicht. Al­ler­dings un­ter frei­em Him­mel und des­sen Stars röh­ren­de Old­ti­mer und un­zäh­li­ge Parks sind.

Mit ei­nem Fried­hof, der eben­so vie­le Ein­woh­ner hat wie die Stadt selbst. Wo man in Re­stau­rants »al­te Wä­sche« auf­ge­tischt be­kommt und Dai­qui­ri-trin­ken ein Muss ist. Von wel­cher Stadt die Re­de ist? Ha­van­na!

Die wohl schöns­te Me­tro­po­le Latein­ame­ri­kas.

Kli­schee­haf­ter geht es nicht: Ein ba­by­ro­sa Ca­dil­lac kut­schiert mich vom Flug­ha­fen in die Stadt. Es ist be­reits dun­kel, und den­noch scheint das Le­ben auf den Stra­ßen ge­ra­de erst be­gon­nen zu ha­ben. Ha­van­nas Näch­te sind lang. Ich er­ha­sche ei­nen ers­ten Blick auf Ge­bäu­de mit schief hän­gen­den Holz­lä­den und ab­ge­blät­ter­ter Far­be, wäh­rend mir der Fahrt­wind um die Oh­ren fegt und das Röh­ren des Mo­tors al­le an­de­ren Ge­räu­sche ver­schluckt. Fah­ren wir nicht ein biss­chen zu schnell? Doch der Ca­dil­lac hat kei­ne Na­del mehr, die den Ta­chostand an­zei­gen könn­te. Ich kann es schon er­ah­nen: Ha­van­na lebt vom Kli­schee – und den­noch wirkt es kein biss­chen auf­ge­setzt. Schließ­lich kommt das be­leuch­te­te Ca­pi­to­lio mit sei­ner pracht­vol­len Kup­pe ins Sicht­feld. Wir bie­gen rechts ab, vor­bei an ei­nem hei­me­lig wir­ken­den Park, und ma­chen dann Halt vor dem Gran Manza­na Kem­pin­ski, dem Ho­tel, das mit sei­ner Er­öff­nung im ver­gan­ge­nen Jahr für Fu­ro­re ge­sorgt hat. Denn ich che­cke im ers­ten Fünf-ster­ne-lu­xus­ho­tel ein, das die In­sel je­mals ge­se­hen hat. Stan­des­ge­mäß gibt es zur Be­grü­ßung ei­nen Mo­ji­to auf der Dach­ter­ras­se, die ei­nen ein­zig­ar­ti­gen Blick auf die Dä­cher Ha­van­nas ge­währt.

Am nächs­ten Mor­gen stür­ze ich mich in das Häu­ser­meer der an­gren­zen­den und von der Unesco als Wel­ter­be ge­adel­ten Alt­stadt, Ha­ba­na Vie­ja. Ich tref­fe mei­nen Gui­de Ju­lio in dem Park zwi­schen Ca­pi­to­lio und Kem­pink­si. Der Par­que Cen­tral ist nur ei­ner von un­zäh­li­gen Parks in Ha­van­na. Vor al­lem am Abend er­wacht er zum Le­ben, wenn es küh­ler wird und die Ha­ba­ne­ros sich hier zum Trat­schen tref­fen.

Wäh­rend wir durch die Obis­po, die Ein­kaufs­mei­le, hin­un­ter­schlen­dern, er­zählt mir Ju­lio vom Le­ben in der Stadt. Von der Be­kann­ten, die zum Föh­nen im­mer zu der Nach­ba­rin geht, weil ein Föhn hier 150 Eu­ro kos­tet und die durch­schnitt­li­che Be­völ­ke­rung ge­ra­de ein­mal 30 Eu­ro im Mo­nat ver­dient. Von den Old­ti­mern, die auf Ku­ba mit viel Krea­ti­vi­tät und wahn­wit­zi­gen Tricks am Le­ben ge­hal­ten wer­den und so­zu­sa­gen Hand­ar­beit sind, da Er­satz­tei­le rar sind. Pro­ble­me ei­nes so­zia­lis­ti­schen In­sel­staats, der sich lang­sam dem Rest der Welt öff­net. Aber eben nur lang­sam. »Wir ha­ben vie­le Pro­ble­me«, meint Ju­lio und fügt la­chend hin­zu: »Aber wir fin­den im­mer für al­les ei­ne Lö­sung – und wenn die Lö­sung ist, dass es eben kei­ne gibt.« Hu­mor be­geg­net mir in Ha­van­na an je­der Ecke. Eben­so oft wie Häu­ser, die mich stau­nend an­hal­ten las­sen, weil sie so viel Ver­gan­gen­heit aus­strah­len.

»Ha­van­na ist we­sent­lich jün­ger als an­de­re Me­tro­po­len wie Pa­ris oder Lon­don«, er­zählt Ju­lio. Ge­ra­de ein­mal 500 Jah­re ha­be sie auf dem Bu­ckel. Sie sei in­ner­halb von sechs Jahr­zehn­ten ent­stan­den, al­ler­dings ab dann ver­fal­len. Char­mant brö­ckeln­der Putz, wo­hin man schaut. Wir spa­zie­ren vor­bei an mäch­ti­gen Ko­lo­ni­al­pa­läs­ten, düs­te­ren Kir­chen und fi­li­gra­nen Re­nais­sance­häu­sern, die die spa­ni­schen Ko­lo­ni­al­her­ren hin­ter­las­sen ha­ben. Da­ne­ben ste­hen Bank- und Ge­schäfts­ge­bäu­de, Kran­ken­häu­ser und Unis nach prot­zi­gen grie­chisch-rö­mi­schen Vor­bil­dern. Und schließ­lich die schlich­ten, ele­gan­ten und ein­fach wun­der­schö­nen Art-dé­co-ge­bäu­de, die das Ge­sicht der Stadt so sehr prä­gen und in ih­rer Mas­se be­ein­dru­cken. »War­te mal ab, bis wir den Malé­con ent­lang­fah­ren und du die Häu­ser dort siehst«, freut sich Ju­lio über mein Stau­nen. Nach dem Stadt­bum­mel ist klar: Die Pracht Ha­van­nas liegt ein­deu­tig in der Ar­chi­tek­tur. Und in ih­ren un­zäh­li­gen Parks – gro­ße, klei­ne, ver­schwie­ge­ne, aus­la­den­de und un­heim­li­che ha­ben wir heu­te durch­wan­dert. Ha­van­na ist un­heim­lich grün.

Noch grü­ner wird es am nächs­ten Tag. Wir fah­ren raus aus der Stadt – ins Val­le de Vi­ña­les. Dort, wo der Ta­bak wächst. Doch be­vor wir Ha­van­na für heu­te den Rü­cken keh­ren, möch­te ich noch den Malé­con se­hen. Die Ufer­stra­ße zieht sich in ei­nem lang ge­schwun­ge­nen Bo­gen sie­ben Ki­lo­me­ter weit, flan­kiert von Häu­sern aus zahl­rei­chen ar­chi­tek­to­ni­schen Stil­rich­tun­gen. Auch die mäch­ti­gen, düs­te­ren Fe­s­tun­gen fal­len in den Blick – Zeu­gen der Kon­trol­le ei­nes so­zia­lis­ti­schen Staa­tes, wo kein Schiff oh­ne Er­laub­nis hin­ein­fah­ren durf­te und spä­ter auch nicht mehr hin­aus, in die Frei­heit Rich­tung Mia­mi. »Hier tref­fen sich seit je­her die Ein­hei­mi­schen«, sagt Ju­lio. Ob zum ers­ten Date, mit Freun­din­nen oder zum An­geln. Oder einst zum Träu­men, wel­che fer­ne Welt sich hin­ter dem Ho­ri­zont öff­net.

Für mich ist das Val­le de Vi­ña­les ei­ne fer­ne, fas­zi­nie­ren­de Welt. Drei St­un­den wird die Fahrt dau­ern. 187 Ki­lo­me­ter weit gilt es, ab­ge­fah­re­ne Stra­ßen zu be­wäl­ti­gen und Schlag­lö­chern aus­zu­wei­chen. Wir ver­las­sen die Stadt über die 5th Ave­n­i­da, in die der Malé­con über­geht. Die Stra­ße der Wohl­ha­ben­den ent­puppt sich er­neut als ei­ne Art Ar­chi­tek­tur­mu­se­um aus den 1940er- und 1950er-jah­ren: Spa­ni­sche Fin­cas mit rot ge­deck­ten Zie­geln ste­hen ne­ben fla­chen ame­ri­ka­ni­schen Bun­ga­lows, klei­ne eng­li­sche Cast­les ne­ben mo­der­nen Glas­pa­läs­ten. Schließ­lich wird es hin­ter den Fens­tern im­mer grü­ner. Och­sen pflü­gen die Fel­der, Old­ti­mer brau­sen vor­über.

Das Val­le de Vi­ña­les ist ein ver­wun­sche­nes Tal, wo Gei­er vor üp­pig be­wach­se­nen Kalk­stein­fel­sen krei­sen und sich Schwei­ne im Dreck suh­len. Da­zwi­schen wach­sen die bes­ten Ta­baks­or­ten der Welt. Mitt­ler­wei­le be­su­chen zwar auch vie­le Tou­ris­ten das ru­hi­ge Fleck­chen Er­de, nicht zu­letzt, weil es von der Unesco den Ti­tel »Kul­tur­land­schaft der Mensch­heit« ein­ge­heimst hat. Doch zum Glück ha­ben sich das Tal und das Ört­chen ih­ren au­then­ti­schen und ent­spann­ten Charme er­hal­ten. Die Tou­ris­ten kom­men in Ca­sa Par­ti­cu­lar un­ter, den ty­pi­schen pri­va­ten Un­ter­künf­ten auf Ku­ba, und er­wan­dern, er­rei­ten und er­ra­deln die Ge­gend. Und be­su­chen die Farm von Be­ni­to Ca­me­jo, der in vier­ter Ge­ne­ra­ti­on den Hof be­wirt­schaf­tet. Be­ni­to Ca­me­jo ist ein le­bens­lus­ti­ger, bo­den­stän­di­ger Mann. Mit halb auf­ge­knöpf­ten Hemd, Stroh­hut und Zi­gar­re im Mund­win­kel hat er fast et­was Ver­we­ge­nes, Cow­boy­haf­tes. In sei­nem Wohn­haus schenkt er zu­nächst den Gäs­ten ein Schnäps­chen aus, be­vor er im ma­le­ri­schen Ta­baktro­cken­haus den Ta­bak­an­bau und die Ver­ar­bei­tung des Ta­baks er­klärt und vor­führt. Die Blät­ter strö­men ei­nen aro­ma­ti­schen Duft aus. Und Be­ni­to rollt ei­ne Zi­gar­re in ei­ner knap­pen Mi­nu­te, die er dann an­zün­det und uns Gäs­ten zum Kos­ten reicht.

Be­ni­to rollt ei­ne zi­gar­re in ei­ner knap­pen Mi­nu­te.

Old­ti­mer ge­hö­ren selbst­ver­ständ­lich zum Stadt­bild Ha­van­nas. Ge­ra­de in der Au­to­re­stau­ra­ti­on zei­gen sich die Ku­ba­ner sehr krea­tiv. Und na­tür­lich auch bei der Hun­de­be­klei­dung.

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