AR­BEIT AM KAR­MA

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Mei­ne Toch­ter hat­te sich ent­schie­den, in ih­ren letz­ten Som­mer­fe­ri­en vor dem Abitur nach Gha­na zu rei­sen, um dort in ei­nem Wai­sen­haus zu hel­fen. Mit da­bei war ihr Freund. Ge­mein­sam zo­gen sie al­so aus, um Gu­tes zu tun, zu hel­fen, an­zu­pa­cken, et­was Schö­nes zu hin­ter­las­sen und ei­ne an­de­re Kul­tur ken­nen­zu­ler­nen. Und da­mit sind sie nicht al­lei­ne. Et­wa 25.000 Deut­sche ge­hen je­des Jahr in die wei­te Welt, um Frei­wil­li­gen­ar­beit zu leis­ten. Mei­ne Toch­ter je­den­falls ist ent­mu­tigt zu­rück­ge­kehrt. Ent­mu­tigt, weil Vol­un­tee­ring eben nicht die von ihr er­hoff­te Wir­kung hat­te. Sie fest­stel­len muss­te, dass es nicht um ihr An­pa­cken ging. Nicht um ih­re Ar­beit, son­dern pri­mär um Geld. Drin­gend be­nö­tig­te Hil­fe – Fehl­an­zei­ge. Ein kom­ple­xes The­ma in der Tat.

Im Baye­ri­schen Rund­funk lief ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on über ein ne­pa­le­si­sches Wai­sen­haus. Ne­pal ist bei frei­wil­li­gen Hel­fern sehr be­liebt, das Land am Fu­ße des Hi­ma­la­y­as ist nach dem schwe­ren Erd­be­ben von 2015 noch är­mer, und Hil­fe wird dort drin­gend be­nö­tigt. Al­ler­dings nicht je­de. Und so gibt es in den Wai­sen­häu­sern oft mehr Hel­fer, als von­nö­ten wä­ren. Al­so wer­den neue Wai­sen­häu­ser ge­grün­det, mit Kin­dern, die oft kei­ne Wai­sen sind. Die Fol­ge ist, dass in Ne­pal Kin­der ih­ren Fa­mi­li­en ent­ris­sen wer­den, da­mit die Wai­sen­häu­ser nicht leer ste­hen, in die west­li­che Tou­ris­ten rei­sen, um ihr Ge­wis­sen zu be­ru­hi­gen. Und na­tür­lich ha­ben sie kei­ne Ah­nung, dass ihr Drang, hel­fen zu wol­len, der kei­nes­wegs ver­werf­lich ist, ein un­mensch­li­ches Ge­schäfts­ge­ba­ren för­dert, das für die Kin­der mehr Un­glück als Glück be­deu­tet.

Freun­de frag­ten uns im­mer wie­der, war­um wir so viel Geld zah­len müs­sen, da­mit man in ei­nem Wai­sen­haus an­packt. Auch wenn die Rei­se mei­ner Toch­ter durch pri­va­te Kon­tak­te und nicht über ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on zu­stan­de kam: Ne­ben den Kos­ten für Flug und Vi­sa wa­ren über 1.000 Eu­ro für Un­ter­kunft, Ver­pfle­gung und ei­ne Rund­rei­se durch Gha­na fäl­lig. Im­mer­hin ka­men die Ju­gend­li­chen in Ecken und Re­gio­nen, die ein »üb­li­cher« Tou­rist wahr­schein­lich nie­mals zu Ge­sicht be­kom­men hät­te. Doch das Jah­res­durch­schnitts­ge­halt in Gha­na be­trägt nur et­wa 1.100 Eu­ro. Al­les halb so schlimm, wenn das Geld den Kin­dern, der Schu­le etc. zu­gu­te­kommt, aber ist das auch so?

Zum größ­ten Teil ja, zum an­de­ren Teil nein. Und des­we­gen ist es durch­aus wich­tig, dass man sich aus­gie­big in­for­miert. Über »ver­ant­wort­li­chen Frei­wil­li­gen­tou­ris­mus« so­zu­sa­gen. Wir dach­ten schon, dass wir das ge­tan hät­ten, aber an­schei­nend nicht aus­rei­chend.

Für mei­ne Toch­ter war es ei­ne Leh­re, dass der gu­te Ge­dan­ke am En­de nicht un­be­dingt auch Gu­tes be­wirkt. Was ich sa­gen will? Au­gen auf, be­vor man im Ei­fer der Hel­fens­lust den Über­blick ver­liert. Ge­nau hin­schau­en, wo das Geld hin­fließt, um am En­de wirk­lich sa­gen zu kön­nen: »Ich ha­be dort mit an­ge­packt, wo es wich­tig und rich­tig ist«.

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