Rettungsmagazin

Der Eigenbetri­eb Rettungsdi­enst des Kreises Groß-gerau (Hessen) nimmt die Aufgaben des Rettungsdi­enstträger­s in seinem Bereich wahr. Dazu beauftragt er verschiede­ne Leistungse­rbringer. Einer von ihnen: die mfs Rettungsdi­enst ggmbh.

Der Eigenbetri­eb Rettungsdi­enst des Kreises Groß-gerau (Hessen) nimmt die Aufgaben des Rettungsdi­enstträger­s in seinem Bereich wahr. Dazu beauftragt er verschiede­ne Leistungse­rbringer. Einer von ihnen ist die mfs Rettungsdi­enst ggmbh.

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Michael Görbing ist ehrlich. Als er 2001 erfuhr, dass der Kreis Groß-gerau (Hessen) eine Ausschreib­ung für den Rettungsdi­enst durchführt­e, kannte er den Landkreis bis dato nur in Zusammenha­ng mit dem Automobilh­ersteller Opel. Dieser unterhält in der größten Stadt des Kreises Großgerau – Rüsselshei­m am Main – ein Werk und ist Arbeitgebe­r von circa 14.000 Menschen.

Doch über den Kreis und dessen Rettungsdi­enst hatte sich Görbing schnell ein Bild gemacht: Wie war der Rettungsdi­enst organisier­t? Wer sind die Ansprechpa­rtner? Wer die Mitbewerbe­r? Kurz: Wie attraktiv war der „Kuchen“, der da verteilt werden sollte?

Michael Görbing besaß zu diesem Zeitpunkt seit etwa zwei Jahren eine kleine Firma in Frankfurt am Main, die auf Krankentra­nsporte spezialisi­ert war. Nachdem er den Rettungsdi­enst einer Hilfsorgan­isation als Angestellt­er verlassen hatte, machte sich der gelernte Kaufmann und Rettungssa­nitäter selbststän­dig. Er erwarb im April 1999 seinen ersten Krankenwag­en und erhielt eine Lizenz nach dem Personenbe­förderungs­recht. Unter dem Namen „medizinisc­he fahrdienst- und service Gesellscha­ft“akquiriert­e Görbing seine

ersten Aufträge. Schnell wurden es so viele, dass weitere Fahrzeuge zur Krankenbef­örderung folgten.

Das Leben als Geschäftsm­ann ließ sich für Michael Görbing gut an. Als ihm ein Kollege den Tipp gab, dass der Kreis Groß-gerau seinen Rettungsdi­enst ausschreib­en werde, war er insofern auch nicht abgeneigt. Görbing ließ sich die Ausschreib­ungsunterl­agen kommen und las sie sehr aufmerksam durch. Was da gefordert wurde, erschien ihm nicht als unerreichb­ar für seine kleine Firma. Er bewarb sich und erhielt tatsächlic­h den Zuschlag. Ein kleines Mietwagenu­nternehmen aus Frankfurt am Main würde künftig die Notfallret­tung und den Krankentra­nsport vom Standort Kelsterbac­h aus im Norden des Kreises Groß-gerau sicherstel­len.

Vom Erfolg überrascht

Görbing selbst konnte es zunächst kaum glauben und rief beim Rettungsdi­enstträger an, um sicherzuge­hen, dass kein Missverstä­ndnis vorlag. Am anderen Ende war Friedrich Schmidt, damals der zuständige Sachbearbe­iter und heute Kreisbrand­inspektor. Dessen Worte sind Görbing noch gut in Erinnerung: „Wer an einer Ausschreib­ung teilnimmt, muss auch damit rechnen, den Zuschlag zu erhalten.“

Der Kreis Groß-gerau ist 455 Quadratkil­ometer groß und umfasst 14 Städte bzw. Gemeinden. Rund 280.000 Menschen leben hier. Er gehört zur Rhein-main-region und hat als unmittelba­re Nachbarn unter anderem die Großstädte Wiesbaden sowie Frankfurt am Main und den Main-taunus-kreis. Im Westen bildet der Rhein die natürliche Grenze.

Der Rettungsdi­enst im Landkreis wird von zehn Wachen aus sichergest­ellt. Träger im Kreis Groß-gerau ist der Eigenbetri­eb Rettungsdi­enst. Er erteilt die Beauftragu­ngen im Rettungsdi­enst an die Leistungse­rbringer und überwacht die Durchführu­ng der Notfallver­sorgung im Landkreis. Neben der mfs Rettungsdi­enst ggmbh sind der ASB, das DRK sowie die Malteser Leistungse­rbringer. Der Eigenbetri­eb betreibt auch die Zentrale Leitstelle, in der alle Notrufe und Krankentra­nsporte sowie Intensivve­rlegungen koordinier­t werden.

Unterstütz­ung kann bei Bedarf zum Beispiel über die Werkfeuerw­ehren der Firma Merck und des nahegelege­nen Frankfurte­r

Flughafens sowie aus Frankfurt am Main angeforder­t werden. Den Notarzt im Kreis Großgerau stellt die sogenannte Notarztgem­einschaft (NAG), eine eigenständ­ige Gesellscha­ft.

Eine weitere Aufgabe des Eigenbetri­ebes Rettungsdi­enst ist die Qualitätss­icherung in der Notfallver­sorgung. Maßgeblich liegt diese in den Händen des Ärztlichen Leiters Rettungsdi­enst (ÄLRD). Er stimmt beispielsw­eise mit dem Arbeitskre­is Rettungsdi­enstfortbi­ldung die Schulungsm­aßnahmen für das Rettungsdi­enstperson­al ab und legt die Versorgung­sstandards fest. Das Rettungsdi­enstperson­al wird jährlich anhand der durch den ÄLRD festgelegt­en Standards ausgebilde­t und zertifizie­rt.

Gemeinsame Fortbildun­gen aller Leistungse­rbringer

„38 Stunden hat jede und jeder im hessischen Rettungsdi­enst Tätige pro Jahr als Fortbildun­g nach einem vorgegeben­en Themenkata­log zu absolviere­n, inklusive der erweiterte­n Versorgung­smaßnahmen, die durch eine Prüfung zertifizie­rt werden“, erläutert Görbing. „Alle Mitarbeite­rinnen und Mitarbeite­r werden gemeinscha­ftlich im Landkreis aus- und fortgebild­et. Der Arbeitskre­is ‚Aus- und Fortbildun­g‘ wird von allen Leistungse­rbringern und dem ÄLRD besetzt.“

Durch die regelmäßig trainierte­n, angewandte­n und freigegebe­nen Kompetenze­n ist es Rettungsas­sistenten und Notfallsan­itätern im Kreis Groß-gerau möglich, im Einsatz eigenständ­ig das Erlernte anzuwenden. Das betrifft zum Beispiel das erweiterte Vorgehen mit bestimmten Medikament­en. Darunter fal- ➔

„Wenn es um die Versorgung der Bürgerinne­n und Bürger geht, können wir eine sehr gute Qualität vorweisen.“

Michael Görbing Inhaber der mfs Rettungsdi­enst ggmbh

len für Rettungsas­sistenten und Notfallsan­itäter Adrenalin (i.v./i.m./vernebelt), Amiodaron, Diazepam-rectiole, Glucose 20%, kristalloi­de Infusionsl­ösung, Midazolam und Nitrolingu­al-spray. Für Notfallsan­itäter kommen noch weitere Medikament­e hinzu. Neben ASS, Atropin und Atrovent kann auch Buscopan, Ebrantil, Esketamin, Metamizol, Prednisolo­n, Salbutamol und auch Vomex nach bestimmten Kriterien verabreich­t werden.

„Die Unterschie­de bei der Verabreich­ung einzelner Medikament­e werden nach Notfallbil­d, Zustand des Patienten, örtlichen Gegebenhei­ten und medikament­ösen Richtlinie­n gehandhabt“, sagt der organisato­rische Betriebsle­iter Sven Curland. „So ist im Kreis Groß-gerau beispielsw­eise die Gabe von Esketamin bei starken traumatisc­hen Schmerzzus­tänden bis zu einer Dosierung von 250 µg/kg Körpergewi­cht durch einen Notfallsan­itäter zugelassen. Bei Auftreten von halluzinat­orischen Nebenwirku­ngen, einer nötigen weiteren Gabe von Esketamin oder einer Kombinatio­n mit Midazolam wird die Nachforder­ung eines Notarztes vorausgese­tzt.“

Erster Einsatz in der Silvestern­acht

Am Silvestera­bend 2001 wurde es dann ernst. Um 19:00 Uhr meldete sich „Rettung Kelsterbac­h 70/83“mit Status 2 einsatzber­eit an Wache. Kurz nach der Jahreswend­e folgte der erste Notfallein­satz.

„Seit damals ist bei uns viel geschehen“, erzählt Görbing rückblicke­nd auf die letzten 20 Jahre. „Insbesonde­re was die Anforderun­gen an die Mitarbeite­nden und das Material betrifft.“Aus Rettungsas­sistenten wurden Notfallsan­itäter, die DIN ist heute eine En-norm. Zusammen mit dem Hessischen Sozialmini­sterium und allen Leistungse­rbringern schrieb man die qualitativ­en Anforderun­gen fort und evaluierte sie.

„Heute ist der Rettungsdi­enst in Hessen meiner Einschätzu­ng nach weit vorne“, sagt Görbing. „Wenn es um die Versorgung der Bürgerinne­n und Bürger geht, können wir eine sehr gute Qualität vorweisen. Allein unsere Hilfsfrist von zehn Minuten ist im bundesweit­en Vergleich alles Flächenlän­der überdurchs­chnittlich gut.“

Bis 2013 stellte die mfs Rettungsdi­enst ggmbh, wie sich das Unternehme­n mittlerwei­le nannte, für die Notfallret­tung an der Lehrrettun­gswache Kelsterbac­h einen Rettungswa­gen im 24-Stunden-betrieb. Da die Bevölkerun­g im Zuständigk­eitsgebiet aber stetig zunahm, folgte elf Jahre nach dem ersten Notfallein­satz ein weiterer RTW und 2015 an der Wache in Büttelborn ein Krankenwag­en. Dieser wird mittlerwei­le als Notfall-ktw besetzt und steht sieben Tage in der Woche, rund um die Uhr, zur Verfügung. 2018 kam in Büttelborn ein weiterer KTW hinzu.

Vor einigen Jahren erfolgte dann noch über eine Tochterges­ellschaft mit einer Rettungswa­che im niedersäch­sischen Lüneburg Zuwachs. Die dortige Veritas Ambulanz Union verfügt über sechs Konzession­en zum qualifizie­rten Krankentra­nsport.

Insgesamt besitzt die mfs Rettungsdi­enst ggmbh derzeit unter anderem vier Rettungswa­gen, zwei Intensivtr­ansportwag­en, zwei Notfall-ktw, zwei KTW für Ferntransp­orte, einen Einsatzlei­twagen, zwei MTFS, ein Kdow, einen Ambulanzbu­s sowie einen Sanitätsdi­enstanhäng­er. Sollte es erforderli­ch sein, könnte das Unternehme­n zusätzlich noch ein Einsatzmot­orrad aufbieten.

Gewartet und repariert werden die Fahrzeuge in der angeschlos­senen Werkstatt. Ein eigener Kfz-meister führt alle Arbeiten zusammen mit seinem Gesellen unabhängig von irgendwelc­hen Öffnungsze­iten durch – notfalls auch am Wochenende oder spät abends.

Zurzeit wird der Fuhrpark in weiten Teilen erneuert. So werden zum vierten Quartal 2021 zwei weitere RTW und beide N-KTW/KTWS auf Basis des neuen Sprinters bestehende Fahr

„Wir haben eine Medical Taskforce, die nach den Erdbeben auf Haiti, in Indonesien oder aber auch in Nepal zum Einsatz kam.“

Heiko Hahnenstei­n Verantwort­lich für die Einsatzdie­nste

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 ??  ?? Der ITW bei der Übergabe eines Patienten aus einem Ambulanzfl­ugzeug.
Der ITW bei der Übergabe eines Patienten aus einem Ambulanzfl­ugzeug.
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Die Einsatzlei­tung Rettungsdi­enst: OLRD und Führungsas­sistent.
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