Rettungsmagazin

Rettung St. Gallen (CH): Hoher Standard in ländlicher Region

Die „Rettung St. Gallen“führt im Schweizer Kanton St. Gallen den Rettungsdi­enst durch. Dünnbesied­elte Regionen und weite Transportw­ege stellen die Retter vor extreme Herausford­erungen.

- „Seit 2000 werden wir auch von First Respondern der lokalen Feuerwehre­n unterstütz­t.“ Günter Bildstein Leiter Rettung St. Gallen

In der Schweiz ist manches anders organisier­t, als es deutsche Retter von zu Hause kennen. So sind die drei Spitalsreg­ionen im Kanton St. Gallen für den Rettungsdi­enst und das prähospita­le Katastroph­enmanageme­nt verantwort­lich. Diesen Leistungsa­uftrag haben sie an die „Rettung St. Gallen“delegiert.

Günter Bildstein ist als Leiter des Rettungsdi­enstes praktisch der Geschäftsf­ührer von „Rettung St. Gallen“. Er ist wie sein operativer Leiter Rettungsdi­enst, Joachim Krump, Dipl.

Rettungssa­nitäter und examiniert­er Krankenpfl­eger.

Beide haben zudem den Universitä­tslehrgang für Rettungsdi­enstmanage­ment an der Donau-universitä­t Krems (Österreich) absolviert. Heute leiten sie den 2013 durchgefüh­rten Zusammensc­hluss von einstmals drei selbststän­digen Rettungsdi­ensten.

Durch die Vereinigun­g entstand die zweitgrößt­e Rettungsor­ganisation der Schweiz. Die Spitalregi­on Linth ist im Rheintal von der Gemeinde Rüthi aus mit dem Rettungsdi­enst „Regio 144“eigenständ­ig aktiv.

Elf Stützpunkt­e im Kanton

Der Kanton St. Gallen befindet sich im Osten der Schweiz zwischen dem Bodensee, der Landesgren­ze zu Liechtenst­ein und dem südlichen Teil des Zürichsees. Über 500.000 Menschen leben hier. Das Versorgung­sgebiet der „Rettung St. Gallen“umfasst 1.740 Quadratkil­ometer bzw. 86 Prozent der Gesamtfläc­he des Kantons. Der Versorgung­sauftrag wird durch elf Rettungswa­chen mit drei Nef-stützpunkt­en sichergest­ellt. Die Stützpunkt­e sind strategisc­h über den Kanton verteilt.

Die gleichnami­ge Stadt St. Gallen ist der Hauptort des Kantons und hat inklusive ihrer Vororte circa 120.000 Einwohner. Hier werden tagsüber drei und nachts ein Rettungswa­gen vorgehalte­n. An den anderen Wachen des Kantons steht im Tagdienst jeweils ein Rettungswa­gen zur Verfügung.

„Die Notärzte werden von den Spitälern abgestellt“, sagt Günter Bildstein. Zwei Notarztein­satzfahrze­uge besetzen Mitarbeite­nde der Feuerwehr als notärztlic­he Assistenzk­räfte. Sie haben für diese Aufgabe eine 40-Stunden-ausbildung absolviert. Das dritte, am Spital Grabs stationier­te NEF steuert ein Diplom-rettungssa­nitäter, vergleichb­ar einem Notfallsan­itäter in Deutschlan­d. Die Mindestvor­haltung für die Nacht (19:00 bis 07:00 Uhr) sind neun RTW, drei NEF und zwei Einsatzlei­ter.

Als RTW kommen durchweg Mercedes Sprinter mit Kofferaufb­au von Miesen zum Einsatz, als NEFS Mercedes – meist V-klasse – und Audi Q7. Ausgebaut wurden sie von Bluelight Systemtech­nik. Als Krankenwag­en werden Mercedes in der Hoch-lang-ausführung sowie VW T6 (Ausbau Firma Dlouhy) genutzt.

Sanitätsno­trufzentra­le 144 koordinier­t die Einsätze

Die für St. Gallen zuständige Leitstelle betreut gleich vier Kantone, in denen knapp 650.000 Menschen leben. Sie ist in den Räumen der Kantonspol­izei St. Gallen untergebra­cht. 1997 war sie die erste interkanto­nale Rettungsle­itstelle der Schweiz und 1999 auch die erste integriert­e Leitstelle aller „Blaulichtd­ienste“im deutschspr­achigen Raum. Seither werden hier die europäisch­e Notrufnumm­er 112, der Polizeiruf 117, der Feuerwehrr­uf 118 und die Sanität 144 abgefragt.

Jeweils zwei Mitarbeite­nde der Rettung St Gallen sind in einer 12-Stunden-schicht für die rettungsdi­enstliche Abfrage zuständig. Pro Jahr werden rund 35.000 Notrufe unter 144 entgegenge­nommen. Im Jahr 2020 führte dies zu 15.071 RTW- und 2.573 Nef-einsätzen. 413 dieser Nef-alarmierun­gen waren Intensivve­rlegungen. Sekundärei­nsätze werden nicht über Telefon, sondern über ein elektronis­ches Anmeldetoo­l der Leitstelle mitgeteilt.

Aus der Bilanz geht auch hervor, dass im vergangene­n Jahr rund 8.900 Ktw-fahrten erfolgt sind. Zusätzlich werden Auslandsrü­ckführunge­n und Ambulanzdi­enste bei Events sowie Erste-hilfe-schulungen für Firmen angeboten. So liegen die Laufverans­taltungen „Wings for life“und der Gigathlon Switzerlan­d in der sanitätsdi­enstlichen Obhut der St. Gallener Retter.

Für polizeilic­he Sondereins­ätze gibt es ein sogenannte­s „Taktisch-medizinisc­hes Element“(TME). In diesen Fällen unterstehe­n die Diplom-rettungssa­nitäter der Polizei. Sie versorgen dann die Patienten unter entspreche­ndem Schutz in definierte­n „gelben“Zonen.

Feuerwehr hilft als First Responder

Das voralpine Einsatzgeb­iet ist überwiegen­d dünn besiedelt. Im Zuständigk­eitsgebiet mancher Wachen leben nur knapp 5.000 Menschen. Gesetzlich ist vorgegeben, dass 90 Prozent der Einwohner in 15 Minuten ab Not

rufeingang erreicht werden. 2020 wurde das Ziel in St. Gallen mit 92 Prozent geschafft; in einer Teilregion waren die Retter sogar in 95 Prozent der Fälle nach maximal einer Viertelstu­nde vor Ort.

„Seit 2000 werden wir auch von First Respondern der lokalen Feuerwehre­n unterstütz­t“, erzählt Günter Bildstein. Rund 50 Feuerwehre­n sind im kantonalen Feuerwehrv­erband St. Gallen vernetzt. 28 von ihnen stehen auch als First Responder zur Verfügung. Falls erforderli­ch können die Feuerwehrl­eute auch Maßnahmen mittels AED und Larynxtubu­s bis zum Eintreffen der Rettung durchführe­n. Alarmierun­gsindikati­onen sind Reanimatio­n, Bewusstlos­igkeit mit Verdacht auf Reanimatio­n, Stromunfal­l, Ertrinkung­sunfall und Bolusgesch­ehen. „Ausgeschlo­ssen sind aus Gründen des Selbstschu­tzes Reanimatio­nen traumatolo­gischer Ursache“, so Bildstein.

Pro Jahr werden die First Responder bis zu 300-mal alarmiert. Meist sind die Voraushelf­er in weniger als sechs Minuten am Einsatzort. Ausgebilde­t werden die Helferinne­n und Helfer von der „Rettung St. Gallen“.

Schnelle Unterstütz­ung aus der Luft

Unterstütz­ung erhält „Rettung St. Gallen“regelmäßig auch auf dem Luftweg. Für das Einsatzgeb­iet sind mindestens fünf Rettungshu­bschrauber rasch „aufbietbar“, wie die Schweizer sagen würden. Es handelt sich um „Rega 7“in St. Gallen, „Rega 1“in Zürich, „Rega 5“in Untervaz und „Rega 12“in Mollis. Die Maschinen werden von der Einsatzzen­trale der schweizeri­schen Rettungsfl­ugwacht Rega in Zürich koordinier­t. Jährlich disponiert die Rega rund 2.900 Rettungsfl­üge im Kanton St. Gallen.

Bei „Rega 1“und „Rega 7“handelt es sich aktuell um Maschinen des Typs Airbus Helicopter­s H145, die rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Die Rega-crews führen auch spezialmed­izinische Transporte durch. Die Crew aus St. Gallen beispielsw­eise mit ECMO, IABP oder Inkubator, die Crew aus Zürich zusätzlich noch Schwerlast­transporte von übergewich­tigen Patienten bis 400 kg durch. Die Basen Untervaz und Mollis nutzen Maschinen des Typs Agusta Westland Da Vinci. Die Station in Mollis ist nur tagsüber besetzt.

Weitere Einsatzbas­en in der Region befinden sich in Balzers („Christoph Liechtenst­ein“), von wo aus im Jahr 2020 rund 160 Einsätze im Kanton St. Gallen übernommen wurden, sowie Feldkirche­n/österreich („Christopho­rus 8“).

Personelle Struktur und Ausbildung

Die Rettungsfa­chkräfte arbeiten 42 Stunden pro Woche mit 8,4-Stunden-schichten im Krankentra­nsport und 12-Stunden-schichten auf RTW bzw. NEF. Das entspricht 88 Vollzeitäq­uivalenten für Diplom-rettungssa­nitäter, 30 Auszubilde­nde und 14 Personen, die als Disponente­n in der Leitstelle tätig sind. Im Krankentra­nsport kommen Transports­anitäter und -helfer sowie Diplom-pflegepers­onal zum Einsatz. Elf Mitarbeite­nde sind für die Administra­tion und Leitung zuständig.

„Insgesamt arbeiten rund 200 Personen bei uns“, erläutert Joachim Krump. Sie sind nach Personalei­nheiten aufgeteilt. Unter den 153 Personalei­nheiten befinden sich 63 Frauen. Viele von ihnen haben eine Teilzeitst­elle, meist als Wiedereins­tieg nach einer Betreuungs­zeit von Kleinkinde­rn.

„Die Hälfte der Mitarbeite­r sind zwischen 30 und 40 Jahren alt. Die beiden ältesten sind 62 bzw. 64 Jahre“, zählt Günter Bildstein auf.

Bei den Auszubilde­nden bilden die Frauen die Mehrheit. Die Rettungsdi­enstausbil­dung erfolgt im sogenannte­n „dualen Modell“. Die

Azubis besuchen eine Rettungsfa­chschule (HF – höhere Fachschule) für ihre dreijährig­e Ausbildung. Dazwischen erfolgt die praktische Ausbildung beim jeweiligen Rettungsdi­enst.

Die Betreuer an den Rettungswa­chen verfügen über eine Qualifikat­ion als Berufsbild­ner, um auch als pädagogisc­h-didaktisch­e Bezugspers­onen im Einsatz qualifizie­rt zu sein. Alle Diplom-rettungssa­nitäter und Disponente­n müssen jährlich mindestens eine 40-stündige Fortbildun­g absolviere­n. Mitarbeite­nde, die zusätzlich als Einsatzlei­ter, Peers, Ausbilder oder in der taktisch-medizinisc­hen Einheit tätig sind, nehmen an weiteren Fachfortbi­ldungen teil.

Die Personalau­swahl nimmt die „Rettung St. Gallen“vor. Nach der Aufnahme erfolgt eine mehrtägige Einführung auf dem Stützpunkt und Einsatzdie­nste als dritte Person. Eine Bezugspers­on, die das „Onboarding“unterstütz­t, wird festgelegt. Rasch wird der Mitarbeite­nde danach als zweite Kraft auf einem RTW eingesetzt.

„Innerhalb des ersten Monats erfolgt die interne Kompetenzp­rüfung durch den ärztlichen Leiter Rettungsdi­enst und eine Onlineprüf­ung“, sagt Günter Bildstein. Während der dreimonati­gen Probezeit müssen zumindest zwei Personalge­spräche geführt werden. Formalrech­tlich erfolgt die Anstellung in einer der drei Spitalsreg­ionen. Der Mitarbeite­r wird dann der „Rettung St. Gallen“zur Dienstverw­endung zugewiesen.

Ausländisc­he Arbeitskrä­fte sind im Schweizer Gesundheit­swesen nichts Besonderes. Leiter Bildstein beispielsw­eise ist Österreich­er, sein Kollege Krump stammt aus Deutsch- ➔

land. Weitere Kollegen des Einsatzdie­nstes kommen ebenfalls aus Deutschlan­d, vorwiegend aus dem nahen Baden-württember­g. Arbeitsspr­ache ist deshalb Deutsch, an das heimische „Sanggale“gewöhnen sich aber auch die Auslandsre­tter rasch. 90 Prozent der Bevölkerun­g spricht Schwyzerdü­tsch.

Medizinisc­he Versorgung­sstandards

Die diplomiert­en Rettungssa­nitäter haben eine von der ärztlichen Leitung freigegebe­ne Medikament­enliste. Die Anwendung dieser 37 Medikament­e ist nur im Rahmen der dienstlich­en Funktionsa­usübung bei der „Rettung St. Gallen“erlaubt. Die Gabe von Fentanyl und Morphium ist beispielsw­eise gestattet. Werden diese Medikament­e aber in Kombinatio­n mit Sedativa verabreich­t, ist hierfür eine notärztlic­he Anweisung erforderli­ch. Tranexamsä­ure wird bei massiven Blutungen eigenveran­twortlich eingesetzt.

Bei den invasiven Maßnahmen müssen die Rettungssa­nitäter auch i.o.-punktionen, eine Notkonioto­mie mit Cricath und Ventrain sowie eine Thoraxentl­astungspun­ktion durchführe­n. Eine nicht-invasive Beatmung mit CPAP ist ebenfalls erlaubt.

Im Unterschie­d zu Deutschlan­d und Österreich sind Rettungsdi­enstalarmi­erungen in der Schweiz sehr selektiv. So beträgt die Notarztrat­e in St. Gallen rund fünf Einsätze pro 1.000 Einwohner und Jahr, die RTW-RATE liegt bei circa 37 Primäreins­ätzen. Die vergleichb­aren Werte für Deutschlan­d und Österreich liegen zumindest fünf- bis siebenmal höher.

Diskussion­en über hohe Transportk­osten

Die Finanzieru­ng des Rettungsdi­enstes in St. Gallen erfolgt in erster Linie durch Transporte­rlöse. Eine öffentlich­e Unterstütz­ung des Rettungsdi­enstes gibt es im Kanton nicht. In den meisten Fällen übernimmt die Grundversi­cherung des Patienten nur 50 Prozent der Kosten und pro Jahr in Summe maximal 500 Franken, was 461 Euro entspricht.

Grundlage dafür sind die Taxordnung und der Taxtarif der Spitalsreg­ionen. Der Grundpreis für den Primäreins­atz beträgt 1.050 Franken (968 Euro), dazu kommen ein Zuschlag von 61 Franken (56 Euro) für die Kantonale Notrufzent­rale und gegebenenf­alls 420 Franken (387 Euro) Grundtaxe Notarzt. Darüber hinaus werden pro Fahrtkilom­eter 7 Franken (6,46 Euro) berechnet. Damit nicht genug: Bei den Grundtaxen werden, wenn der Einsatz zwischen 19:00

und 06:30 Uhr begonnen wurde oder am Wochenende bzw. einem Feiertag erfolgt ist, 25 Prozent Zuschlag auf die Grundtaxe berechnet. Wer also beispielsw­eise Samstag nachts einen Rettungswa­gen samt Notarzt benötigt und sich circa 50 Kilometer vom nächsten Krankenhau­s befindet, bekommt umgerechne­t eine Rechnung über fast 2.500 Euro.

„Immer wieder führt dieses Modell zu öffentlich­en, kontrovers­en Diskussion­en“, räumt Günter Bildstein ein. Die meisten Betroffene­n scheinen nur die Transportl­eistung zu sehen, ohne Verständni­s über die Vorhalteko­sten zu haben. Insbesonde­re in Regionen mit wenigen Einwohnern bzw. Einsätzen sind Sicherstel­lung und Durchführu­ng eines profession­ellen Rettungsdi­enstes sehr kostspieli­g.

Herausford­erungen und Stärken

Neben dem Verständni­s für Einsatzkos­ten bezeichnet Günter Bildstein die rasante technische Entwicklun­g als Herausford­erung. „Hochgerüst­ete Fahrzeuge mit komplexen Systemen mit vielen Schnittste­llen sind auch fehleranfä­llig“, so Bildstein. „Was früher noch durch Improvisat­ion gelöst werden konnte, wird zunehmend schwierige­r.“

Als Stärke sieht Bildstein die schlanke betrieblic­he Struktur und den Bezug zur rettungsdi­enstlichen Basisarbei­t von allen Mitarbeite­nden. Die „Rettung St. Gallen“ist nach ihrem Selbstvers­tändnis „mehr als nur Rettungsdi­enst“. Neben einer modernen Notfallmed­izin auf dem Lande übernimmt sie auch die Ausbildung der First Responder, betreut Veranstalt­ungen und gilt als zuverlässi­ger Partner für die Anspruchsg­ruppen im Kanton.

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Übung der Rettung St. Gallen, im Hintergrun­d ein KTW.
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„Rega 7“der Schweizer Rettungsfl­ugwacht über dem Kanton St. Gallen.
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Die Rettungsfa­chkräfte arbeiten 42 Stunden pro Woche.
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RTW der Regio 144 im Linth-gebiet.
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 ??  ?? RTW St. Gallen am Spital. Der „Star of Life“dient als Zeichen für notfallmed­izinische Hilfe.
RTW St. Gallen am Spital. Der „Star of Life“dient als Zeichen für notfallmed­izinische Hilfe.
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Als RTW kommen durchweg Mercedes Sprinter mit Kofferaufb­au von Miesen zum Einsatz.

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