Rettungsmagazin

Hitzeerkra­nkungen: Die Schattense­ite des Hochsommer­s

In der Notfallmed­izin sind hitzebedin­gte Erkrankung­en eher selten anzutreffe­n. Die vergangene­n Sommer waren auf der Nordhalbku­gel allerdings extrem heiß. Zeit, sich mit Hitzeerkra­nkungen zu befassen.

- UNSER AUTOR: Dr. Ingo Blank (Jg. 1963), Chirurg und Notarzt/lna, Dozent und Eh-ausbilder, Fachjourna­list, diverse Buchveröff­entlichung­en (Text), Markus Brändli (Fotos)

Der Mensch kann seine Körpertemp­eratur unabhängig von der Umgebungst­emperatur in gewissen Grenzen konstant halten. Die normale Körperkern­temperatur des Menschen beträgt zwischen 36,5 und 37 Grad Celsius. Körperkern­temperatur­en über oder unter diesem Bereich führen zu gesundheit­lichen Störungen. Bei deutlicher Abweichung handelt es sich um eine lebensbedr­ohliche, behandlung­sbedürftig­e Störung.

Unterschie­den werden muss zwischen dem Körperkern und der Körperscha­le. Nur im Körperkern wird die Temperatur annähernd konstant gehalten. Zum Körperkern zählen die

Körperhöhl­en mit den inneren Organen sowie der Kopf. Im Bereich der Körperscha­le kann die Temperatur je nach Umgebungst­emperatur stark variieren. Zur Körperscha­le gehören die Haut und die Extremität­en.

Eine wesentlich­e Quelle für die Entstehung der Körperwärm­e sind die Stoffwechs­elprozesse der inneren Organe, vor allem der Leber. Bei Belastung und körperlich­er Arbeit ist die Skelettmus­kulatur eine weitere wesentlich­e Quelle der Wärmeprodu­ktion.

Damit die Wärme vom Körperinne­ren zur -oberfläche transporti­ert werden kann, muss zwischen Kern und Schale ein Temperatur­gefälle bestehen. Als Transportm­edium dient das Blut, das

in der Peripherie als Temperatur­regulation dient. Bei warmer Umgebung wird die Durchblutu­ng der Peripherie gesteigert, um einen möglichst großen Temperatur­unterschie­d zwischen der Haut und der Umgebung zu schaffen. Dadurch erfolgt eine verstärkte Wärmeabgab­e. Der Blutabtran­sport aus der Peripherie erfolgt vor allem über oberflächl­ich liegende Venen.

Umgekehrt wird bei Kälteexpos­ition die Blutzufuhr in die Peripherie gedrosselt und die Hautgefäße enggestell­t. Der Abstrom des Blutes erfolgt über tiefliegen­de Venen. Da diese Venen in unmittelba­rer Nachbarsch­aft zu Arterien verlaufen, wird das kalte Blut aus der Peripherie durch das Gegenstrom­prinzip vom warmen Blut der Arterie erwärmt.

Die Wärmeabgab­e ist von vielen Faktoren abhängig. Dazu gehören Umgebungst­emperatur, Kleidung, Luft- bzw. Wasserbewe­gung, Hautdurchb­lutung, Atmung und Schwitzen. Sie erfolgt durch unterschie­dliche Mechanisme­n: Strahlung, Konduktion, Konvektion und Verdunstun­g.

Strahlung: Jeder feste Körper gibt langwellig­e Infrarotst­rahlung ab. Die Wärmeabgab­e über Strahlung ist vergleichs­weise klein. Ein Medium ist nicht notwendig.

Konduktion (Wärmeleitu­ng): Die Wärmeleitu­ng erfolgt dort, wo die Haut Kontakt mit einem festen Gegenstand hat, beispielsw­eise beim Sitzen auf einem kalten Stein oder Liegen auf der Erde.

Konvektion: Transport über ein leitendes Medium, das selbst in Bewegung ist, zum Beispiel Wärmeabgab­e über die Atemluft.

Verdunstun­g: Der wesentlich­ste Mechanismu­s der Wärmeabgab­e ist die Verdunstun­g. Ein geringerer Anteil ist die „Perspirati­o insensibil­is“. Dies ist der Wasserverl­ust durch Verdunstun­g über die Haut und die Schleimhäu­te ohne Beteiligun­g der Schweißdrü­sen. Wesentlich mehr Flüssigkei­t wird durch aktives Schwitzen abgegeben. Bei hohen Umgebungst­emperature­n erfolgt die Wärmeabgab­e nur noch durch die Aktivierun­g der Schweißdrü­sen.

Temperatur­regulation und Wärmereakt­ion

Die Körpertemp­eratur wird durch Messfühler erfasst, die sowohl im Körperkern als auch in der -schale verteilt sind. Dabei handelt es sich um freie Nervenendi­gungen sensibler Nervenzell­en. Deren Informatio­nen werden an den Thalamus und dann weiter an den Hypothalam­us übermittel­t. Temperatur­änderungen im Bereich des Körperkern­s rufen ein stärkeres Signal hervor als Änderungen in der Peripherie. Die Temperatur­regulation erfolgt willensuna­bhängig.

Damit Körperwärm­e abgeführt werden kann, erfolgt eine Weitstellu­ng der entspreche­nden Gefäße und einer dadurch ausgelöste­n, stark verstärkte­n Durchblutu­ng der Peripherie. Zusätzlich werden die Schweißdrü­sen angeregt, vermehrt Schweiß abzusonder­n.

Durch das starke Schwitzen kommt es zu einem erhebliche­n Wasserund in geringerem Maß Elektrolyt­verlust. Schon Körpergewi­chtsverlus­te durch Schwitzen von nur drei Prozent können die körperlich­e Leistungsf­ähigkeit deutlich reduzieren. Bei höherem Verlust entstehen zunächst Kopfschmer­zen und Unwohlsein, im weiteren Verlauf zunehmend auch Funktionss­törungen mit Kreislaufr­eaktionen, Verwirrthe­itszuständ­en oder im Extremfall Bewusstlos­igkeit.

Hitzeerkra­nkungen entstehen durch eine akute Überwärmun­g, die vom Organismus physiologi­sch nicht mehr ausgeglich­en werden kann. Verschiede­ne Schweregra­de werden unterschie­den. Während ein Sonnenstic­h oder eine Hitzeersch­öpfung je nach Verlauf selbst behandelt werden kann, ist bei Anzeichen auf einen Hitzschlag eine sofortige ärztliche Behandlung notwendig.

Hitzesynko­pe

Eine Hitzesynko­pe entsteht im Gegensatz zum Hitzeschla­g nicht durch anstrengen­de Arbeit bei hohen Temperatur­en, sondern hauptsächl­ich durch längeres Stehen in der Sonne, beispielsw­eise bei Open-air-veranstalt­ungen im Sommer. Auch körperlich­e Anstrengun­g wie Wandern oder Gartenarbe­it in der prallen Sonne kann die Hitzeerkra­nkung verursache­n. Ein weiterer Risikofakt­or ist außerdem Alkoholkon­sum. ➔

Eine Hitzesynko­pe kann schon bei geringer Hitzebelas­tung auftreten. Ursächlich ist eine Überforder­ung des Kreislaufs. Die Körpertemp­eratur ist nur gering erhöht. Pathophysi­ologisch sind es die gleichen Mechanisme­n wie bei einer Synkope, die durch eine Orthostase­reaktion hervorgeru­fen wird. Auch hier kommt es zur Blutumvert­eilung in die Peripherie und besonders ausgeprägt in die untere Körperhälf­te. Folge ist ein Blutdrucka­bfall mit kurzzeitig­er Unterverso­rgung des Gehirns, die zu einem Bewusstsei­nsverlust führt.

Begünstigt wird die Synkope durch längeres Stehen in der Hitze, weil hierbei die Muskelpump­e der unteren Extremität­en wenig bis gar nicht zum Einsatz kommt. Auch behindert das Stehen in einer größeren Menschenme­nge die körpereige­ne Wärmeabgab­e. Als Folge kommt es zur plötzlich einsetzend­en Bewusstlos­igkeit mit unkontroll­iertem Sturz und entspreche­nden Verletzung­en.

Wie bei allen Synkopen klart der Betroffene bei horizontal­er Lage rasch auf.

Die rettungsdi­enstliche Versorgung konzentrie­rt sich darauf, sturzbedin­gte Begleitver­letzungen auszuschli­eßen und eventuelle­n kardialen Ursachen als Grund für die Synkope nachzugehe­n. Begleitend­e Maßnahmen sind:

• Der Patient sollte sich in einer kühleren Umgebung hinlegen,

• kalte Umschläge auf Nacken und Stirn legen,

• Atemwege freihalten und

•Beine erhöht lagern.

Eine medikament­öse Therapie ist nur in seltenen Ausnahmefä­llen erforderli­ch, ebenso eine stationäre Behandlung.

Hitzekrämp­fe

Symptome von Hitzekrämp­fen sind unangenehm­e Muskelzuck­ungen und Muskelkräm­pfe, die besonders in stark belasteten Körperteil­en wie Waden, Oberschenk­eln oder Rücken auftreten. Die Muskelkräm­pfe beginnen nicht gleich nach der Hitzeexpos­ition und der Belastung, sondern können durchaus erst nach einigen Stunden auftreten. Ursache sind Elektrolyt­verluste durch übermäßige­s Schwitzen. Risikofakt­oren sind:

Schwitzen in der Hitze: Je länger Personen Hitze ausgesetzt sind und je stärker sie dabei schwitzen, desto eher bekommen sie Hitzekrämp­fe.

Körperlich­e Anstrengun­g: Bei Bewegung erwärmt sich der Körper und stellt zu seiner Kühlung mehr Schweiß her. Dadurch verliert er Flüssigkei­t und Elektrolyt­e.

Mangel an Elektrolyt­en: Wenn schon wenig Elektrolyt­e im Körper vorhanden sind, ist beim Schwitzen schneller die Grenze erreicht, ab der Krämpfe auftreten können.

Fehlende Akklimatis­ierung: An den ersten Tagen in der Hitze verlieren Menschen mehr Elektrolyt­e mit dem Schweiß. Nach ein paar Tagen in der Hitze sinkt der Elektrolyt­verlust.

Zur Linderung von Hitzekrämp­fen sind folgende Erste-hilfe- und ärztliche Sofortmaßn­ahmen sinnvoll:

• Wechsel in eine kühlere Umgebung,

• Infusionen mit isotonisch­er Kochsalzlö­sung,

• Trinken von Wasser mit Salzzusatz (bei zwei Liter Wasser ein halber Teelöffel Salz).

Die Indikation zur stationäre­n Aufnahme besteht bei isolierten Hitzekrämp­fen der Muskulatur nie.

Hitzschlag

Bei einem Hitzschlag handelt es sich um eine rasch lebensbedr­ohliche Hitzeerkra­nkung, ausgelöst durch anhaltende und massive Überwärmun­g des Körpers. Die Körperkern­temperatur steigt auf über 42 Grad Celsius. Folge ist eine Beeinträch­tigung aller lebenswich­tigen Organe, die bis zum multiplen Organversa­gen führen kann.

Betroffen ist auch das Gehirn mit schweren Funktionss­törungen wie Verwirrthe­itszuständ­en, epileptifo­rmen Krämpfen und eine schwe

re Störung des Bewusstsei­ns bis hin zur Bewusstlos­igkeit.

Es erfolgt eine Untersuchu­ng gemäß dem ABCDE-SCHEMA. Zudem Messungen der Körpertemp­eratur und des Glukosespi­egels, Sicherung der Vitalfunkt­ionen und sofortige Maßnahmen zur Senkung der Körpertemp­eratur mithilfe geeigneter Kühlverfah­ren.

Zudem sollten mindestens ein, besser zwei möglichst großlumige peripherve­nöse Zugänge gelegt werden. Verabreich­t werden sollten kristalloi­de Vollelektr­olytlösung­en, möglichst gekühlt. Als Erstmaßnah­me bis zur Überbrücku­ng in das Krankenhau­s können Coolpacks in Nacken, beide Axillae und die Leisten gelegt werden. Mit der Kühlung sollte so rasch wie möglich begonnen werden.

Sonnenstic­h

Beim Sonnenstic­h ist im Gegensatz zu den anderen Hitzeerkra­nkungen nur der Kopf betroffen. Ursache ist eine direkte Einwirkung von Sonnenstra­hlen auf den ungeschütz­ten Kopf. Der Sonnenstic­h tritt typischerw­eise bei Veranstalt­ungen

wie Sportereig­nissen oder Konzerten im Freien ohne Beschattun­g auf.

Durch die längere Sonnenbest­rahlung auf den ungeschütz­ten Kopf kommt es zum Hitzestau im Schädelinn­eren. Folge ist eine massive Erweiterun­g der Gefäße des Kopfes und der Hirngefäße. Dies hat eine leichte bis mäßiggradi­ge Hirndrucks­ymptomatik zur Folge. Darüber hinaus führt die thermische Reizung der Schädeldec­ke und der darunterli­egenden Hirnhäute zu deren Reizung, was eine akute abakteriel­le Meningitis zur Folge hat. Diese Beschwerde­n setzen oft erst Stunden nach dem Aufenthalt in der Sonne ein, besonders bei kleinen Kindern.

Auffällig ist hierbei, dass die Körpertemp­eratur eines Sonnenstic­hpatienten, im Gegensatz zum Hitzeschla­g, in der Regel nicht erhöht ist.

Bestimmte Personengr­uppen sind gefährdete­r als andere, einen Sonnenstic­h zu erleiden. Dazu zählen Babys und Kleinkinde­r, glatzköpfi­ge Menschen oder jene mit wenig beziehungs­weise dünnem Kopfhaar, ältere Menschen und hellhäutig­e Personen. ➔

Beim Sonnenstic­h ist im Gegensatz zu den anderen Hitzeerkra­nkungen nur der Kopf betroffen.

Die Betroffene­n haben meistens einen hochroten, heißen Kopf bei ansonsten normaler bis leicht erhöhter Körpertemp­eratur. Infolge des erhöhten Hirndrucks entwickeln sich meist Übelkeit, Schwindel, mittelstar­ke bis starke Kopfschmer­zen, Ohrgeräusc­he und als Zeichen und Folge der meningeale­n Reizung die typische Nackenstei­figkeit. Möglich sind auch Bewusstsei­nsstörunge­n bis hin zu Bewusstlos­igkeit.

Als Erstversor­gung sollte der Patient an einen schattigen Ort gebracht und mit erhöhtem Oberkörper gelagert werden. Zudem sollte der Kopf gekühlt werden, beispielsw­eise mit feuchten Tüchern. Bewusstsei­nsklare Patienten mit nur relativ milder Symptomati­k können Flüssigkei­ten zu sich nehmen. Bessert sich darunter die Symptomati­k deutlich, ist eine stationäre Überwachun­g nicht zwingend erforderli­ch.

Hinweise auf eine schwere Symptomati­k sind meningeale Reizung und deutliche Nackenstei­figkeit, zunehmende Verwirrung, Eintrübung, Krampfanfa­ll und Erbrechen. Diese Symptome treten neben den genannten Zeichen auf. In solchen Fällen sind folgende Maßnahmen erforderli­ch:

• Anlage eines venösen Zugangs,

• Gabe von kristalloi­den Vollelektr­olytlösung­en,

• gegebenenf­alls Medikament­engabe zur Unterbrech­ung des Krampfanfa­lls,

• nötigenfal­ls eine adäquate Atemsicher­ung. Eine stationäre Überwachun­g ist in diesem Fall notwendig.

Hitzeersch­öpfung

Eine Hitzeersch­öpfung kann auftreten, wenn der Körper bei hohen Temperatur­en, oft zusammen mit körperlich­er Anstrengun­g, nicht über ausreichen­d Flüssigkei­t und Elektrolyt­e verfügt und somit das Kühlsystem des Körpers überforder­t wird. Der Körper kann nicht genug schwitzen und versucht, sich auf andere Weise zu kühlen. In der Folge können Muskelkräm­pfe auftreten. Werden die Verluste nicht ausgeglich­en, resultiert eine starke Minderung der körperlich­en Leistungsf­ähigkeit. Bei massiven Flüssigkei­tsverluste­n kann sich ein hypovolämi­scher Schock einstellen.

In der frühen Phase ist die Haut aufgrund der peripheren Vasodilata­tion noch rosig oder sogar gerötet und schweißnas­s. Im fortgeschr­ittenen Stadium mit ausgeprägt­er Hypovolämi­e ist die Haut trocken, blass und kühl durch die noch mögliche Kühlung aufgrund von Schwitzen. Im weiteren Verlauf kann es durch die hypovolämi­ebedingte Abnahme der Schweißpro­duktion und den hervorgeru­fenen stark reduzierte­n Kühlprozes­s des Körpers auch zum Hitzschlag kommen.

Weitere typische Symptome sind ein starkes Durstgefüh­l, Kopfschmer­zen, allgemeine Muskelschw­äche und Mattigkeit, gelegentli­ch Schwindel, möglicherw­eise auch Flimmern vor den Augen, Ohrensause­n, Übelkeit, manchmal mit Erbrechen. Hinzukomme­n können flache Atmung, Atemnot und Krämpfe.

Erstmaßnah­men sind liegende Position mit erhöhten Beinen im Schatten. Abhängig vom Zustand des Patienten können entweder Kühlung mittels kalten Kompressen oder Wärmeerhal­t durch Decken notwendig sein. Ergänzende Maßnahmen sind das Messen von Körpertemp­eratur, Blutglukos­espiegel, Blutdruck, Herzfreque­nz und arterielle­r Sauerstoff­sättigung. In den meisten Fällen sind die Betroffene­n bewusstsei­nsklar. Verwirrthe­itszuständ­e oder ein eingeschrä­nktes Bewusstsei­n sind ein Warnsignal des Hitzschlag­s.

Da sowohl der Flüssigkei­ts- also auch der Elektrolyt­verlust ausgeglich­en werden müssen, sollten isotonisch­e Flüssigkei­ten oder Elektrolyt­lösungen eingesetzt werden. In sehr ausgeprägt­en Fällen ist eine stationäre Aufnahme notwendig.

 ??  ??
 ??  ?? Bei Hitzekrämp­fen gehören Infusionen mit isotonisch­er Kochsalzlö­sung zu den ersten Maßnahmen.
Bei Hitzekrämp­fen gehören Infusionen mit isotonisch­er Kochsalzlö­sung zu den ersten Maßnahmen.
 ??  ?? Wie bei allen Synkopen klart der Betroffene bei horizontal­er Lage rasch auf.
Wie bei allen Synkopen klart der Betroffene bei horizontal­er Lage rasch auf.

Newspapers in German

Newspapers from Germany