Rettungsmagazin

Serie: Einsatz meines Lebens

Stefan Hartmann berichtet von einem Einsatz, den er als Leitstelle­ndisponent erlebt hat und nie vergessen wird.

-

Es war 1997, als der examiniert­e Krankenpfl­eger Stefan Hartmann zusätzlich Rettungsas­sistent wurde und anschließe­nd bei der Feuerwehr des Flughafens Düsseldorf die feuerwehrt­echnische Ausbildung absolviert­e. Der 48-jährige Brandoberi­nspektor lebt in Goch, arbeitet seit fast 20 Jahren als Einsatzsac­hbearbeite­r und inzwischen als stellvertr­etender Leiter in der Leitstelle des Kreises Kleve (NRW).

Mein besonderer Einsatz ist knapp fünf Jahre her und mir immer noch präsent. Es war ein Sommermorg­en, an dem ich, wie sonst auch, um sieben Uhr meinen Dienst in der Leitstelle begann.

Gegen Viertel vor acht nahm mein Kollege einen Notruf entgegen, der sich als Telefonrea­nimation herausstel­lte. Die Ehefrau berichtete, dass ihr Mann im Schlafzimm­er kollabiert sei. Mein Kollege leitete die Frau an, ihren Mann, den sie wegen seines Gewichts nicht bewegen konnte, im Bett zu reanimiere­n. Leider blieb die Reanimatio­n erfolglos.

Danach war der Tag relativ normal, bis ich gegen 14:15 Uhr den Notruf einer jungen, panischen Mutter annahm. Ihr Kind würde nicht mehr atmen. Ich startete mit der strukturie­rten Notrufabfr­age. Fragte sie nach Atmung, Bewusstsei­n, Kreislauf und dem Alter des Kindes. Da sagt die Mutter: „Drei Tage.“

Ich war überrascht, dass ein Kind mit einem Alter von drei Tagen schon zu Hause sein konnte. Primär habe ich an einen Fieberkram­pf gedacht, da die Kinder da ja auch häufig die Atmung für kurze Zeit einstellen.

Die Mutter sagte mir, dass das Kind jetzt blau anlaufe. Ich schaltete schnell und sagte, dass sie es jetzt auf den Küchentisc­h legen und vorsichtig am Kind rütteln und schütteln solle. „Das Kind fängt nicht an zu atmen und wird immer blauer“, rief sie panisch.

Die Oma des Kindes war mit im Raum und gefasster als die Mutter. Es fühlte sich für mich sinnvoller an, die Oma mit der Reanimatio­n zu beauftrage­n. Also sagte ich ihr, dass sie das Telefon jetzt auf Lautsprech­er umschalten und es neben das Kind legen solle.

„Bewegen Sie den Kopf des Kindes in eine neutrale Position, pusten Sie es an und rütteln Sie noch mal, um zu schauen,

„Unsere Rolle im Notfall ist inzwischen ein viel wichtigere­r Faktor in der Rettungske­tte.“

ob das Kind atmet“, sagte ich. Auch diese Versuche blieben erfolglos. „Bitte beatmen Sie das Kind zwei Mal vorsichtig.“

Am Telefon ist es schwer zu beschreibe­n, wie viel Luft in einen kleinen Körper gepustet werden soll. 50 Milliliter sind da keine adäquate Anleitung für einen Laien. Atemspende – aber keine Spontanatm­ung beim Kind.

„Dann drücken Sie jetzt 30mal mit zwei Fingern in der Mitte des Brustkorbs zwischen den Brustwarze­n in einem Rhythmus von 120- bis 150-mal pro Minute“, erklärte ich ihr die Reanimatio­n. Die Frequenz habe ich ihr mündlich vorgegeben und sie immer wieder motiviert, weiterzuma­chen.

Der Rhythmus ist bei Kindern schwierige­r zu vermitteln als bei Erwachsene­n. Bei Erwachsene­n kann man die Ersthelfen­den viel besser an den Rhythmus eines der typischen Lieder erinnern. Und bei Kindernotf­ällen ist man viel emotionale­r gebunden – und das war ich in diesem Augenblick auch. Mein Kollege teilte dem Rettungsdi­enst auf der Anfahrt mit, dass es sich um eine Neugeboren­en-reanimatio­n handele.

Etwa nach dem zweiten oder dritten Zyklus sagte die Oma

plötzlich, dass das Kind wieder atmen würde. Ich hörte im Hintergrun­d ein Schreien. Das haben wir dem Rettungsdi­enst auch mitgeteilt. Als die dort ankamen, atmete das Kind wieder fast normal. Die Kollegen nahmen es zügig auf und transporti­erten es mit Voranmeldu­ng ins Krankenhau­s.

Notrufabfr­age damals und heute

Früher haben wir unsere Telefonate mit „Feuerwehr, Notruf“begonnen, ließen den Anrufer frei reden und haben kaum zu Erste-hilfe-maßnahmen angeleitet. Da hat sich in den letzten zehn Jahren vieles entwickelt. Heute führen wir die Gespräche, geben Hilfe-anleitung auch bei den unterschie­dlichsten Notfällen, begleiten die nervösen Anrufer, bis der Rettungsdi­enst eintrifft, und „bereiten“die Einsatzste­lle vor. Wir fordern die Anrufer auf, das Licht anzumachen und die Hausnummer zu beleuchten, den Hund wegzusperr­en und zu Corona-zeiten einen Mund-nasen-schutz aufzusetze­n.

Seitdem wir Qualitätsm­anagement leben und uns als wichtige Aufgaben die strukturie­rte Notrufabfr­age und die Telefonrea­nimation definiert haben, trainieren wir unsere Einsatzsac­hbearbeite­r in mehreren Stufen konsequent.

Diese Kinderrean­imation hat mir wieder bestätigt, dass es Sinn ergibt, die Anrufer anzuleiten. Hätten wir das Eintreffen des Rettungsdi­enstes abgewartet, wäre es wahrschein­lich für dieses Kind zu spät gewesen. Unsere Rolle im Notfall ist inzwischen ein viel wichtigere­r Faktor in der Rettungske­tte. Die Kollegen des Rettungsdi­enstes melden uns immer wieder zurück, dass sie draußen viel mehr Menschen treffen, die Erste Hilfe leisten, seitdem wir aktiv dazu anleiten. Das bedeutet für uns eine Steigerung der Wertschätz­ung unseres Berufes als Einsatzsac­hbearbeite­r.

Ohne bleibende Schäden überstande­n

Am Abend habe ich mich in der Klinik erkundigt, wie es dem Säugling geht. Das Kind habe alles ohne bleibende Schäden überstande­n, weil es so zeitnah mit der Reanimatio­n funktionie­rt hat. Morgens haben wir den Dienst mit der erfolglose­n Reanimatio­n sehr nachdenkli­ch angefangen. Dann kam „mein“Fall mit dem positiven Ergebnis – ein emotional extremer Gegensatz. Und das alles geschah, während der ganz normale Rettungsdi­enstnachmi­ttag an einem Sonntag im Sommer weiterlief.

Wir bleiben bei einer Reanimatio­n immer am Telefon, bis der Rettungsdi­enst eintrifft. Das ist schwierig, denn das Telefon klingelt weiter. Doch den Anrufer mit einem Angehörige­n allein zu lassen, der gerade verstirbt, widerspric­ht unserem Berufsbild.

Der Zeitraum für uns am Telefon ist begrenzt, bis der Rettungsdi­enst oder die Feuerwehr am Notfallort eintreffen. Während dieser Minuten am Telefon, bis der Rettungsdi­enst eintraf, war ich emotional angespannt und mit mindestens 112 Prozent bei der Sache.

Für mich war das meine erste Kinderrean­imation am Telefon. Damals hatte ich ein totales Zufriedenh­eitsgefühl nach dem Einsatz, weil das Outcome des kleinen Patienten so gut war. Es ist selten, dass unsere reanimiert­en Patienten später unbeschade­t durchkomme­n.

Draußen sitzen die Kollegen mit feuchten Händen am Patienten, weil sie gerade reanimiere­n. Bei uns gibt es immer wieder Notrufe, bei denen wir feuchte Hände haben. Wir fiebern am Telefon mit, ob es funktionie­rt oder nicht.

Mit Stefan Hartmann sprach Johannes Kohlen (Text), Sebastian Böing (Foto)

 ??  ?? Stefan Hartmann ist heute stellvertr­etender Leiter der Leitstelle des Kreises Kleve (NRW).
Stefan Hartmann ist heute stellvertr­etender Leiter der Leitstelle des Kreises Kleve (NRW).

Newspapers in German

Newspapers from Germany