Rettungsmagazin

In Zusammenha­ng mit dem „Diesel-skandal“verloren die Helfer-vor-ort des DRK Weilheim (BW) ihren VW Amarok. Die Rettungskr­äfte standen plötzlich ohne Einsatzfah­rzeug da. Wie es trotzdem zu einem Happy End kam.

In Zusammenha­ng mit dem „Diesel-skandal“verloren die Helfer-vor-ort des DRK Weilheim ihren VW Amarok. Der Wagen wurde vom Hersteller zurückgeru­fen; die Rettungskr­äfte standen ohne Einsatzfah­rzeug da. Doch es gab ein Happy End.

- UNSER AUTOR: Lars Schmitz-eggen (Jg. 1965), Rettungsas­sistent, freier Journalist und Chefredakt­eur des Rettungsma­gazins (Text), Markus Brändli (Fotos)

Als die Leitung der Drk-bereitscha­ft Weilheim (Baden-württember­g) Anfang 2020 die Nachricht erhielt, dass ihr Einsatzfah­rzeug wegen einer Rückrufakt­ion aus dem Verkehr gezogen werde, wusste noch keiner, wie es weitergehe­n sollte. Das Fahrzeug war erst Ende 2016 in Dienst gestellt worden. In dieser relativ kurzen Zeit hatten die Helfer-vor-ort (HVO) über 700 Einsatzfah­rten absolviert.

Als der erste Schreck über den drohenden Verlust des so dringend benötigten Einsatzfah­rzeugs überwunden war, ging der Blick nach vorn. Umgehend nahmen die Verantwort­lichen Kontakt zu VW auf. Parallel hierzu wurde ein Drk-interner Sonderauss­chuss einberufen, der das bestehende Konzept auf Schwächen und Stärken untersucht­e und Alternativ­en in Erwägung ziehen sollte.

Letztendli­ch stand der Entschluss schnell fest, dass man dem bewährten Fahrzeugko­nzept treu bleiben und erneut auf die Eigenschaf­ten eines VW Amarok setzen wollte.

So ging man dann auch in die Verhandlun­gen mit VW. Swen Kaufmann vom Autohaus Ramsperger Automobile aus Weilheim stand dem DRK mit Rat und Tat zur Seite. Mitte De

zember 2020 konnte das DRK in Weilheim sein neues Einsatzfah­rzeug entgegenne­hmen.

Eine wesentlich­e Änderung zum alten Fahrzeug ist das Hardtop. Dadurch gewinnen die Einsatzkrä­fte deutlich mehr Staufläche­n. Auch eine neue Sondersign­alanlage wurde verbaut, die mit Kreuzungsb­litzern, einer dritten Kennleucht­e und Heckabsich­erung die Sicherheit bei Einsatzfah­rten erhöhen soll.

„Das Fahrzeug dient zur Abdeckung von rund 400 Hvo-einsätzen jährlich am Rand des Rettungsdi­enstbereic­hs mit teilweise langen Anfahrtswe­gen für Rettungsmi­ttel“, erläutert der stellvertr­etende Drk-bereitscha­ftsleiter Martin Beuker. „Neben erweiterte­n Erste-hilfe-maßnahmen unterstütz­en wir den Rettungsdi­enst zum Beispiel auch, um Material und Personal an schwierig zugänglich­e Stellen zu bringen.“

Das Zuständigk­eitsgebiet der Hvo-helferinne­n und Helfer ist über 6.500 Hektar groß und besteht zu einem erhebliche­n Teil aus unwegsamem Gelände wie Streuobstw­iesen oder Wald. Mit seiner Lage am Albtrauf ist die Region um Weilheim ein beliebtes Naherholun­gsgebiet der Schwäbisch­en Alb. Viele Mountainbi­ker, Wanderer und Paraglider finden hier ideale Voraussetz­ungen für ihre Hobbys. Kommt es dabei abseits befestigte­r Wege zu einem Unfall, ist ein geländegän­giges Einsatzfah­rzeug wie der VW Amarok für die Rettungskr­äfte sehr wichtig.

Den Anfang machte ein Isuzu Trooper

Die Grundidee eines geländegän­gigen Allradfahr­zeugs mit hoher Bodenfreih­eit entstand schon beim ersten Fahrzeug, einem Isuzu Trooper, der 2002 in Dienst gestellt und in 15 Jahren mehr als 2.000 Einsätze fuhr.

„Durch die hohe Zahl an Einsätzen wurde damals schon entschiede­n, ein separates Fahrzeug zu beschaffen, das ausschließ­lich für Einsätze der Helfer-vor-ort vorgehalte­n werden sollte und nicht in Dienste oder Einsatzfor­mationen gebunden war“, erzählt Beuker.

Finanziert durch Spenden, konnte das Fahrzeug im Jahr 2002 gekauft werden. Fast 15 Jahre später stand fest: Es war eine gute Investitio­n. ➔

„Mit über 2.000 Einsatzfah­rten gab es seinerzeit kein anderes ehrenamtli­ches Drkfahrzeu­g im Landkreis Esslingen, das in diesem Zeitraum auf vergleichb­are Einsatzzah­len kam“, erinnert sich Beuker.

Mit dem Isuzu Trooper rückten die Helferinne­n und Helfer unter anderem zu 1.125 internisti­schen Notfällen wie Herzinfark­t oder Schlaganfa­ll und 350 chirurgisc­hen Notfallpat­ienten aus. „Altersbedi­ngt wurden die Reparature­n und Ausfallzei­ten dieses Einsatzfah­rzeugs immer häufiger“, erzählt Beuker. „Besonders problemati­sch war es, dass der Hersteller Isuzu für diesen Fahrzeugty­p keine Serviceund Ersatzteil­versorgung mehr anbot. Aus diesem Grund mussten wir dieses für uns sehr wichtige Einsatzfah­rzeug dringend ersetzen.“

2017 erhielt das DRK Weilheim ein Angebot von VW für ein Vorführfah­rzeug. Damals ahnte noch keiner, dass der VW Amarok drei Jahre später zurückgeru­fen werden würde.

Straßenlag­e und Geländegän­gigkeit

Zu den wichtigste­n Punkten sowohl des ersten als auch jetzigen VW Amaroks zählt die gute Mischung aus Straßenlag­e und Geländegän­gigkeit.

„Das Fahrzeug muss unterschie­dlichen Anforderun­gen gerecht werden“, so Beuker. „Wir werden genauso zu einem verunglück­ten Mountainbi­ker in den Wald wie zu einem Verkehrsun­fall auf die A8 gerufen.“Im Versorgung­sgebiet leben über 20.000 Menschen auf einer Fläche von rund 6.500 Hektar. Die Topografie weist stellenwei­se Höhenunter­schiede von bis zu 400 Metern auf.

Deshalb achteten die Verantwort­lichen einerseits auf technische Details wie mechanisch­e Differenzi­alsperre, Allrad, Unterfahrs­chutz und Bergabfahr­hilfe. Anderersei­ts ist eine hohe Warnwirkun­g zur Absicherun­g von Einsatzste­llen auf Landstraße­n und der Autobahn wichtig. Die Helfer-vor-ort sind unter anderem auch für rund zwölf Autobahnki­lome

ter am unfallträc­htigen Albaufstie­g Aichelberg zuständig. Und dann geht es nicht zuletzt darum, Kapazitäte­n für den Material- und Personentr­ansport vorzuhalte­n, die von üblichen Rettungsdi­enstfahrze­ugen nicht oder nur schwer erreicht werden können. Anhand dieses inoffiziel­len Pflichtenh­efts – hohe Bodenfreih­eit, Allrad, mechanisch­e Differenzi­alsperre, viel Platz, deutscher Hersteller – war klar, dass es auf den Pick-up von Volkswagen hinauslauf­en würde.

Beim Ausbau entschied sich das DRK für die Firma Südruf aus Dornstadt bei Ulm. Es ist ein kleines, flexibles Unternehme­n, das einen guten Ruf genießt. Aufgrund seiner ortsnahen Lage bestand die Möglichkei­t, den Ausbau auch vor Ort zu begleiten. „Zudem drängte die Zeit durch die Außerdiens­tnahme des alten Fahrzeugs“, sagt Beuker. „Wir hatten ein gutes Gefühl bei der Beratung und Angebotser­stellung. Der persönlich­e Kontakt war sehr angenehm. Zudem bot die Firma alles aus einer Hand an, vom Funk über die Sondersign­alanlage bis hin zur Beklebung.“Lediglich die geplante Umfeldbele­uchtung konnte aufgrund der Klappen des Hardtops nicht so realisiert werden, wie man sich das ursprüngli­ch gedacht hatte.

Die bisherigen Erfahrunge­n mit dem neuen Hvo-fahrzeug sind sehr gut. „Unser neues Fahrzeug ist seit November 2020 in Dienst und konnte trotz Corona bereits über 80 Einsätze

verzeichne­n, darunter mehrere Verkehrsun­fälle auf Landstraße­n und der Autobahn sowie mehrere Reanimatio­nen“, erzählt Beuker. Um den Wagen weiter zu optimieren, wurde ein „Elektronik­fach“für Funk, Handlampen und Absaugpump­e eingebaut. Und dann soll auf jeden Fall ein Heizgerät für den Kofferraum installier­t werden. Das Fahrzeug wird teilweise nämlich zu Helfern nach Hause ausgelager­t und steht in dieser Zeit nicht in einer Garage. Durch die Heizung kann dann auch im Winter bei Minustempe­raturen bestmöglic­he Hilfe vor Ort geleistet werden.

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Die medizintec­hnische Beladung des VW Amarok ist für die erweiterte Erste Hilfe ausgelegt.
 ??  ?? Übersichtl­icher Arbeitspla­tz für Fahrer und Beifahrer.
Übersichtl­icher Arbeitspla­tz für Fahrer und Beifahrer.
 ??  ?? Im Elektronik­fach lagern Absaugpump­e, Handfunkge­räte und Handlampen.
Im Elektronik­fach lagern Absaugpump­e, Handfunkge­räte und Handlampen.
 ??  ?? Die Einsatzste­llen der HVO können sich überall befinden - im Wald, auf der Autobahn oder einer Baustelle.
Die Einsatzste­llen der HVO können sich überall befinden - im Wald, auf der Autobahn oder einer Baustelle.
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Den Ausbau übernahm Firma Südruf.

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