Se­gel­flug­zeug auf dem Dach­bo­den

Hül­ben Ja­na Kos­tritza aus Owen hat bei der Flie­ger­grup­pe Hül­ben ih­re Lei­den­schaft für das Se­gel­flie­gen ent­deckt. Nun re­no­viert sie ihr ei­ge­nes Flug­zeug – auf dem Dach­bo­den im Rei­hen­haus.

Reutlinger Nachrichten - - ERMSTAL / ALB - Von Alex­an­der Tho­mys

Ei­ne gu­te Ge­mein­schaft kann manch­mal Ber­ge ver­set­zen. Oder gleich ein Se­gel­flug­zeug im Dach­bo­den lan­den. Was auf den ers­ten Blick un­rea­lis­tisch wirkt, hat Ja­na Kos­tritza von der Flie­ger­grup­pe Hül­ben ge­schafft: Im Rei­hen­haus ih­rer El­tern re­no­viert die 16-Jäh­ri­ge ihr ei­ge­nes Se­gel­flug­zeug. Flü­gel, Rumpf und Ru­der pas­sen gera­de so hin­ein – hin­ter der Fa­mi­lie Kos­tritza und den Hel­fern der Flie­ger­grup­pe steht ei­ne Mil­li­me­ter­ar­beit in luf­ti­ger Hö­he.

Apro­pos Hö­he: Bei der Flie­ger­grup­pe Hül­ben galt Ja­na Kos­tritza seit je­her als sprich­wört­li­che Über­flie­ge­rin: Schon ei­ne Wo­che nach ih­rem 14. Ge­burts­tag durf­te die Gym­na­si­as­tin ih­ren ers­ten Al­lein­flug ab­sol­vie­ren – wenn sie bis da­to auch stets in Sicht­wei­te des Flug­plat­zes blei­ben muss. „Die Platz­nä­he ist aber ein dehn­ba­rer Be­griff“, er­zählt die heu­te 16-Jäh­ri­ge schmun­zelnd. Ein sol­cher Al­lein­flug dau­ert dann auch mal zwei St­un­den. „Je hö­her man kommt, des­to wei­ter sieht man“, er­klärt die Te­enage­rin, die der­zeit für die theo­re­ti­sche Prü­fung büf­felt – die­se kann sie erst jetzt mit 16 ab­le­gen. Ei­ne Au­ßen­lan­dung in­des, wenn der Se­gel­flie­ger man­gels Auf­trieb nicht zu­rück zum Flug­platz kommt und auf frei­em Feld lan­den muss, hat Kos­tritza noch nie durch­füh­ren müs­sen.

Das Flie­gen be­geis­tert die 16-Jäh­ri­ge, auch in psy­cho­lo­gi­scher Hin­sicht. „Flie­gen macht glück­lich“, ist die Owe­ne­rin über­zeugt. „Man hat Ab­stand zu al­lem, ist für sich und hat den Kopf frei“, be­rich­tet die jun­ge Se­gel­flug­zeug­pi­lo­tin. „Und na­tür­lich muss man sich ganz auf das Flie­gen kon­zen­trie­ren und bei der Sa­che sein.“187 Starts et­was über 40 Flug­stun­den ste­hen bis da­to in ih­rem Flie­ger­buch. Bis da­to nutzt sie hier­für vor al­lem die Se­gel­flug­zeu­ge der Hül­be­ner Flie­ger­grup­pe. Auch die LS4, das „Hoch­leis­tungs-se­gel­flug­zeug“, wie es die Flie­ger­grup­pe nennt, darf die 16-Jäh­ri­ge be­reits steu­ern.

Traum vom ei­ge­nen Flug­zeug

Doch ein Traum blieb: Und zwar der­je­ni­ge vom ei­ge­nen Se­gel­flug­zeug. Und zwar nicht ir­gend­ei­nes. Ei­ne „Schlei­cher K8“hat­te sich die 16-Jäh­ri­ge aus­ge­guckt. Kein mo­der­nes High­tech-flug­zeug, son­dern ei­nen be­währ­ten Se­gel­flie­ger, 180 Ki­lo­gramm schwer, be­ste­hend aus ei­ner Stahl- und Holz­kon­struk­ti­on, be­spannt mit Spe­zi­al­stoff. „Die K8 ist leicht und steigt gut“, nennt Ja­na Kos­tritza zwei Vor­tei­le des be­währ­ten Se­gel­flie­gers, der zwi­schen 1957 und 1976 rund 1200 mal pro­du­ziert wor­den ist. Ein Ex­em­plar wur­de be­reits als „be­weg­li­ches tech­ni­sches Kul­tur­gut“un­ter Denk­mal­schutz ge­stellt.

Über Be­kannt­schaf­ten un­ter den Se­gel­flie­gern be­kam die 16-Jäh­ri­ge dann im ver­gan­ge­nen Jahr die Ge­le­gen­heit, ei­ne K8 kos­ten­los zu er­hal­ten.

Das Flug­zeug zu be­kom­men, war dann aber doch der ein­fa­che Teil. Zu­nächst stell­te sich die Fra­ge: Wo­hin mit dem sie­ben Me­ter lan­gen Rumpf und den Flü­geln, die es auf ei­ne Spann­wei­te von 15 Me­tern brin­gen. Schnell war die Idee ge­bo­ren, den Dach­bo­den als Flug­zeug­han­gar zu ver­wen­den. In ei­nem Rei­hen­haus. „Wir wa­ren schon ein biss­chen ge­flasht“, er­in­nert sich Mut­ter Mar­ti­na Kos­tritza. „Es ging dann aber doch bes­ser, als ge­dacht.“Zu­erst aber muss­te noch das Dach­fens­ter aus­ge­baut wer­den – durch das bis­he­ri­ge Fens­ter hät­te der Rumpf

Un­ter dem Hash­tag KA8_5013 in­for­miert Ja­na Kos­tritza auf Ins­ta­gram über ih­re Fort­schrit­te. nicht ge­passt. Als dann das Flug­zeug an­ge­lie­fert wur­de, hiel­ten al­le die Luft an. Denn Wind kam auf, die leich­ten Ein­zel­tei­le des Flug­zeu­ges schwank­ten be­denk­lich am Ha­cken des Last­wa­gen­krans. Mit ver­ein­ten Kräf­ten, vie­le Mit­glie­der der Flie­ger­grup­pe hal­fen mit und sta­bi­li­sier­ten den Rumpf et­wa vom Bo­den aus mit Sei­len, klapp­te dann aber doch al­les wie am Schnür­chen.

Her­aus­for­de­rung be­ginnt erst

Für Ja­na Kos­tritza be­ginnt die Her­aus­for­de­rung nun aber erst rich­tig. Die 16-Jäh­ri­ge hat schon ei­ni­ge tech­ni­sche Aus­bil­dun­gen ab­sol­viert, um selbst Hand an ih­ren Se­gel­flie­ger an­le­gen zu dür­fen. Al­le Bau­maß­nah­men müs­sen do­ku­men­tiert sein. Das als „0013“re­gis­trier­te Se­gel­flug­zeug war 2003 zum letz­ten Mal in der Luft. Nun muss der Flie­ger von Grund auf neu auf­ge­baut wer­den.

In Ei­gen­ar­beit. Schon be­stellt ist in­des das neue „Wunsch­kenn­zei­chen“, die 5013. „Die 13 ist mei­ne Glücks­zahl“, er­klärt die 16-Jäh­ri­ge, die da­von träumt, ih­re K8 nach ei­ge­nen Wün­schen zu ge­stal­ten. „Ein In­stru­men­ten­brett aus Wur­zel­holz, auf alt ge­macht“, wünscht sie sich et­wa. Auch die Sitz­scha­le kann in­di­vi­du­ell an­ge­passt wer­den. Zu­nächst aber geht es um die Ba­sis für all die­se De­tails: Die al­te Be­plan­kung und die Be­span­nung muss­ten ent­fernt wer­den. „Ich ar­bei­te fast täg­lich an mei­nem Flug­zeug“, be­rich­tet die en­ga­gier­te Schü­le­rin. Die Ar­beit trägt Früch­te: In Kür­ze kann das Stahl­ge­rip­pe des Rump­fes den Dach­bo­den wie­der ver­las­sen – um ge­sand­strahlt und neu la­ckiert zu wer­den.

Fo­to: Alex­an­der Tho­mys

Ja­na Kos­tritza auf dem Dach­bo­den ih­res El­tern­hau­ses. Al­le Ein­zel­tei­le ih­res Flug­zeu­ges fin­den hier Platz, im Cock­pit sind die al­ten In­stru­men­te er­kenn­bar.

Fo­to: Pri­vat

Auf die­sem Bild wer­den die Di­men­sio­nen deut­lich: Der Rumpf des K8-se­gel­flie­gers hängt noch am Trans­port­kran. Am Dach­fens­ter war­ten schon die Hel­fer, um den Flie­ger durch das Dach­fens­ter zu bug­sie­ren. Bei auf­kom­men­dem Wind wa­ren da gu­te Ner­ven ge­fragt.

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