Show­down in der Uni­on

Mi­gra­ti­on Der Streit um die Flücht­lings­po­li­tik der Bun­des­kanz­le­rin es­ka­liert. Der von In­nen­mi­nis­ter See­ho­fer an­ge­droh­te Al­lein­gang hät­te wohl sei­ne Ent­las­sung zur Fol­ge – und da­mit das En­de der Ko­ali­ti­on.

Reutlinger Nachrichten  - - THEMEN DES TAGES / POLITIK - Von El­len Ha­sen­kamp und Ma­thi­as Pud­dig

Ein biss­chen grau im Ge­sicht sieht Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer aus, als er um kurz vor halb zwölf im Fahr­stuhl zur Son­der­frak­ti­ons­sit­zung im Reichs­tag hoch­fährt. Wo­bei Frak­ti­ons­sit­zung die Sa­che nicht rich­tig trifft. Die Ab­ge­ord­ne­ten von CDU und CSU, die erst vor we­ni­gen Mo­na­ten ih­re Par­la­ments­ge­mein­schaft be­kräf­tigt hat­ten, ta­gen an die­sem Don­ners­tag ge­trennt. Schon das ist ei­ne Un­ge­heu­er­lich­keit. Doch es kommt noch hef­ti­ger. Ko­ali­ti­ons­bruch, Rück­tritt, Raus­schmiss, Neu­wah­len – al­les scheint zeit­wei­se mög­lich.

Csu-lan­des­grup­pen­chef Alex­an­der Do­brindt, der mit wie im­mer ver­schränk­ten Ar­men ne­ben See­ho­fer ge­kom­men ist, macht gleich hin­ter der Auf­zug­s­tü­re klar, um wel­che Di­men­sio­nen es hier heu­te geht: „Wir ste­hen vor ei­ner his­to­ri­schen Si­tua­ti­on.“

Nicht ein­mal 100 Ta­ge nach ih­rem Start blickt die Uni­on in den Ab­grund – und mit ihr die ge­sam­te gro­ße Ko­ali­ti­on. Und zwar we­gen des al­ten Streits zwi­schen See­ho­fer und Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel um die Flücht­lings­po­li­tik, der in den zu­rück­lie­gen­den Jah­ren im­mer nur müh­sam ver­deckt, nie aber ge­löst wur­de.

Ein Punkt von 63 in See­ho­fers Mas­ter­plan Asyl ge­nüg­te: Die „Zu­rück­wei­sung an den Gren­zen“. Es geht dar­um, ob Deutsch­land an sei­nen Au­ßen­gren­zen be­stimm­te Flücht­lin­ge ab­wei­sen soll­te, wie See­ho­fer und die CSU es wol­len. Oder ob sich ein sol­cher Al­lein­gang in Eu­ro­pa ver­bie­tet, wie Mer­kel fin­det. Der Kanz­le­rin geht es aber auch um ihr Er­be in der Flücht­lings­po­li­tik, sie scheint zu kei­nen wei­te­ren Zu­ge­ständ­nis­sen mehr be­reit. Und der CSU geht es um die Fra­ge, wer die Kon­trol­le hat – nicht nur an den Gren­zen.

„La­ge sehr ernst“, be­rich­tet nach 30 Mi­nu­ten ei­ner, der nicht zu den baye­ri­schen Scharf­ma­chern ge­hört, aus der Csu-sit­zung. Ein er­fah­re­ner Cdu­ler zuckt auf die Fra­ge: „Wie kom­men Sie da raus?“nur rat­los die Ach­seln. Und selbst Ur­su­la von der Ley­en hat ihr Lä­cheln aus­ge­schal­tet und eilt mit be­sorg­ter Mie­ne in den Sit­zungs­saal. Rund 50 Wort­mel­dun­gen wer­den bei der CDU an­ge­mel­det. Ei­gent­lich war die Bun­des­tags­sit­zung nur für ei­ne gu­te St­un­de un­ter­bro­chen wor­den. Nun teilt ei­ne Laut­spre­cher­stim­me mit, dass das Plenum erst ab „cir­ca 15 Uhr“wie­der ta­gen wer­de.

Doch im Ge­gen­satz zu der Frak­ti­ons­sit­zung vom Di­ens­tag, in der sich vor al­lem Mer­kel-kri­ti­ker zu Wort ge­mel­det hat­ten, schlie­ßen sich dies­mal of­fen­bar die Rei­hen hin­ter der Re­gie­rungs­che­fin und Par­tei­vor­sit­zen­den. Zu ver­dan­ken hat sie das ver­mut­lich auch Wolf­gang Schäu­b­le. Der dienst­äl­tes­te Ab­ge­ord­ne­te und Par­la­ments­prä­si­dent, der nicht zu den größ­ten Fans der Mer­kel­schen Flücht­lings­po­li­tik zählt, hält zu Be­ginn der Sit­zung ein ein­dring­li­ches Plä­doy­er. Und zwar für Eu­ro­pa. Auch er spricht von ei­ner „his­to­ri­schen St­un­de“, meint da­mit aber die Ent­schei­dung für oder ge­gen ein ge­mein­sa­mes Vor­ge­hen in der EU. Da­mit trifft der Her­zen­s­eu­ro­pä­er ver­mut­lich den tie­fer lie­gen­den Kern der Aus­ein­an­der­set­zung.

Auf der ei­nen Sei­te steht Mer­kel, die auf dem Gip­fel der G7 in Ka­na­da ge­ra­de erst er­lebt hat, was das En­de des Mul­ti­la­te­ra­lis­mus durch Us-prä­si­dent Do­nald Trump be­deu­tet. Und die sich und der Öf­fent­lich­keit ge­schwo­ren hat, dar­auf mit ei­ner Stär­kung Eu­ro­pas zu re­agie­ren. Auf der an­de­ren Sei­te die CSU, der die­se müh­sa­me Me­tho­de mit Blick auf die Land­tags­wahl zu lan­ge dau­ert. „Wir wis­sen aus Eu­ro­pa, dass die Ent­schei­dun­gen lang­fris­tig oder gar nicht kom­men“, schimpft Do­brindt. Es ge­he aber dar­um, „dass Ent­schei­dun­gen jetzt auch fal­len“. Der baye­ri­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Mar­kus Sö­der sieht so­gar die Zeit des „ge­ord­ne­ten Mul­ti­la­te­ra­lis­mus“be­en­det. Und See­ho­fer droht mit ei­nem Al­lein­gang als zu­stän­di­ger Mi­nis­ter bei den Zu­rück­wei­sun­gen. Dann müss­te Mer­kel ihn raus­wer­fen – das wä­re der Bruch zwi­schen CDU und CSU. Die CDU will Mer­kel Zeit ge­ben für eu­ro­päi­sche Ver­hand­lun­gen, die CSU nicht.

Fo­to: Micha­el Kap­peler/ dpa

Trotz Un­ter­stüt­zung zer­knit­tert: Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) geht nach der Frak­ti­ons­sit­zung durch den Reichs­tag.

Fo­to: epd

Sicht­lich zu­frie­den: Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer (CSU) nach der Frak­ti­ons­sit­zung der CSU.

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