„Der Her­den­trieb ge­hört zum Men­schen“

Reutlinger Nachrichten  - - THEMEN DES TAGES / POLITIK - Gui­do Boh­sem

war 2008 als Staats­se­kre­tär im Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­um ei­ner der wich­tigs­ten deut­schen Ak­teu­re in der Fi­nanz­kri­se.

Herr As­mus­sen, kurz vor der Leh­man-plei­te ha­ben füh­ren­de deut­sche Ban­ker Fi­nanz­mi­nis­ter Peer St­ein­brück in die USA be­glei­tet. Da­mals be­rich­te­ten Us-me­di­en schon groß über die Im­mo­bi­li­en­kri­se. Doch kaum je­mand an Bord be­fürch­te­te grö­ße­re Aus­wir­kun­gen, schon gar nicht auf Deutsch­land und den Eu­ro. Wie konn­te das sein? Jörg As­mus­sen: Ich den­ke, der Grad der glo­ba­len Ver­net­zung der Ban­ken war da­mals nicht be­kannt. Dass zum Bei­spiel US-IM­mo­bi­li­en­kre­di­te bei deut­schen Lan­des­ban­ken auf­tau­chen wür­den, hat­te man nicht er­war­tet. Man mein­te, die för­dern die re­gio­na­le Wirt­schaft.

Die Eu­ro­pä­er ha­ben da­vor ge­warnt, Leh­man Bro­thers plei­te ge­hen zu las­sen. War­um ha­ben sich US-FI­nanz­mi­nis­ter Hank Paul­son und sei­ne Leu­te da­von nicht be­ein­dru­cken las­sen?

Das war mei­ner Mei­nung nach ei­ne be­wuss­te po­li­ti­sche Ent­schei­dung, um zu zei­gen, dass man nicht im­mer mit Steu­er­zah­l­er­geld Ban­ken ret­tet.

In den Ta­gen rund um die Leh­man-plei­te wa­ren Sie und ih­re Kol­le­gen im Dau­er­ein­satz. Hat­ten Sie je­mals das Ge­fühl von Kon­trol­le? Oh­ne grö­ßen­wahn­sin­nig zu sein: ich ha­be im­mer ge­dacht, die Sta­bi­li­sie­rung des Fi­nanz­sys­tems krie­gen wir ge­mein­sam hin.

Von wie­viel St­un­den Schlaf re­den wir da pro Nacht im Schnitt?

Von für Kör­per und Be­zie­hung un­ge­sund we­ni­gen.

Sie wa­ren oft ta­ge­lang nicht Zu­hau­se?

Zu­hau­se ge­schla­fen ha­be ich im­mer. Zum Teil war ich aber erst um zwei oder drei Uhr mor­gens zu Hau­se, und bin dann um sie­ben Uhr frisch ge­duscht und in neu­em Hemd wie­der los ins Mi­nis­te­ri­um.

Nach wel­chen Kri­te­ri­en trifft man in sol­chen Si­tua­tio­nen Ent­schei­dun­gen? Es gab meh­re­re Kri­te­ri­en: zu­nächst die Sta­bi­li­tät des Fi­nanz­sys­tems als Gan­zes zu si­chern. Dann galt es, das Ver­trau­en der Bür­ger in das Fi­nanz­sys­tem zu be­wah­ren, zum Bei­spiel durch die Ga­ran­tie der Spar­ein­la­gen. Und schließ­lich woll­ten wir na­tür­lich auch mög­lichst spar­sam mit Steu­er­zah­l­er­geld um­ge­hen.

Was wür­den Sie an­ders ma­chen? Mit dem Wis­sen von heu­te wür­de man si­cher mehr zum In­stru­ment der Zwangs­ka­pi­ta­li­sie­rung grei­fen, we­ni­ger zu frei­wil­li­gen An­ge­bo­ten von Ka­pi­tal. Das heißt: här­ter ein­grei­fen. Da­mals ha­ben wir das aus ord­nungs­po­li­ti­schen Grün­den nicht ge­tan.

Man könn­te die Leh­man-plei­te auch als Ge­burts­stun­de der AFD be­grei­fen. War­um ist der Po­li­tik die Er­klä­rung so schwer ge­fal­len, dass sie mit den Ban­ken zugleich auch das Ver­mö­gen und die Ar­beits­plät­ze vie­ler Deut­scher ge­ret­tet hat? So­weit wür­de ich nicht ge­hen, aber der Aus­druck „Ban­ken ret­ten“greift ja zu kurz. Was ist denn ei­ne Bank? Ver­ein­facht ge­sagt,ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on zur Trans­for­ma­ti­on von Fris­ten und Ri­si­ken, aber oh­ne die Spar­ein­la­gen der Kun­den ei­gent­lich nur ei­ne lee­re Hül­le. Da­her kann ei­ne Bank auch ge­ord­net un­ter­ge­hen, aber bit­te wirk­lich ge­ord­net und oh­ne ei­ne Schock­wel­le im Sys­tem aus­zu­lö­sen und auch oh­ne­die Spa­rer zu schä­di­gen. Ein gu­tes Bei­spiel da­für war hier die Wes­tlb. Kein Pro­dukt, kein Ak­teur und kein Fi­nanz­platz soll­te mehr un­kon­trol­liert sein – zu wie viel Pro­zent trifft das in­zwi­schen zu?

Das ist nicht zu be­zif­fern. Es gibt je­den Tag tau­sen­de neue Fi­nanz­pro­duk­te. Die Auf­sicht ist bes­ser ge­wor­den, aber es blei­ben Pro­ble­me wie der Schat­ten­ban­ken­sek­tor, Steu­er­oa­sen oder die Geld­wä­sche.

In den USA hat man die Re­gu­lie­rung be­reits wie­der ge­lo­ckert. An­ge­sichts der La­ge der deut­schen Ban­ken: Ist das Kor­sett wo­mög­lich zu eng?

Wer die Kri­se vor zehn Jah­ren mit­er­lebt und dar­aus auch per­sön­li­che Schlüs­se ge­zo­gen hat, kann ei­ner Lo­cke­rung der Re­gu­lie­rung nicht zu­stim­men, auch wenn aus­ge­hend von den USA ein Druck auf an­de­re Stand­or­te zu be­fürch­ten ist, es ih­nen gleich zu tun. Be­zo­gen auf die deut­schen Ban­ken: Die Re­geln sind für al­le gleich, ei­ni­ge ver­die­nen Geld, an­de­re nicht. An den Re­geln kann es al­so nicht lie­gen.

Kann das Gan­ze al­so wie­der pas­sie­ren?

Es wird im­mer Fi­nanz­kri­sen ge­ben, da zum Bei­spiel der Her­den­trieb zum Men­schen ge­hört. Da­her muss man das Fi­nanz­sys­tem als Gan­zes ro­bus­ter bau­en, da­mit es mit Schocks und Kri­sen bes­ser um­ge­hen kann. Es ist aber un­wahr­schein­lich, dass in so kur­zen Zeit­ab­stän­den die Ur­sa­che wie­der die glei­che sein wird. Das nächs­te Mal kommt es von wo­an­ders.

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