Wem die Son­ne scheint

Reutlinger Nachrichten  - - METZINGEN - Pe­ter Kie­da­isch über die Som­mer­zeit und die Nor­ma­li­tät

Was ist schon nor­mal? Die­se Fra­ge be­schäf­tigt die Mensch­heit, seit die ers­ten Links­hän­der die Thea­ter­bret­ter die­ser Welt be­tre­ten ha­ben. Aber so we­nig wie da­mals er­war­tet heu­te je­mand ei­ne ernst­haf­te Ant­wort dar­auf, denn we­sent­lich ein­fa­cher ist es, das Ab­nor­ma­le zu grei­fen. Was al­so ist ab­nor­mal? Am Bei­spiel der Mühl­wie­sen­stra­ße in Met­zin­gen lässt sich dies ex­em­pli­fi­zie­ren. Die­se Stra­ße liegt in der Tem­po-30-zo­ne und soll­te An­lie­gern vor­be­hal­ten blei­ben. Ges­tern, es ging auf halb­zwei am frü­hen Nach­mit­tag, war ein schwar­zer Au­di mit Göp­pin­ger Kenn­zei­chen in Rich­tung Lin­den­platz auf der Mühl­wie­sen­stra­ße un­ter­wegs. Mit so ho­her Ge­schwin­dig­keit, dass es ei­ni­ge Pas­san­ten nach ei­nem kur­zen Sprung zur Sei­te vor­zo­gen, sich dicht an die Fried­hofs­mau­er zu drü­cken. Aus Grün­den der sub­jek­ti­ven Si­cher­heit, die das ab­nor­mal schnel­le Ge­schoss auf vier Rä­dern für ei­nen kur­zen Mo­ment au­ßer Kraft setz­te und ei­ne ganz nor­ma­le Re­ak­ti­on der Ent­rüs­tung bei den er­schro­cke­nen Spa­zier­gän­gern aus­lös­te. Manch­mal scheint das Nor­ma­le in­des ei­ne Fra­ge der Quan­ti­tät zu sein. Das ist nicht im­mer im Sin­ne ra­tio­na­len Denk­ver­mö­gens, aber was ist schon ra­tio­nal? Und wo­zu be­darf es des Nach­den­kens, wo doch die Welt auch oh­ne der­lei auf­wen­di­ge Kas­pe­rei­en gut funk­tio­niert? Und war­um nur fällt ei­nem da­zu im­mer wie­der die­ser Herr mit gel­ben Haa­ren und die­sem schreck­lich em­por­ge­streck­ten Zei­ge­fin­ger ein? Weil er nicht nor­mal ist, ver­mut­lich. Um der Wahr­heit Ge­nü­ge zu tun: Er ist nicht nor­mal im Sin­ne des­sen, was ein Groß­teil der Mensch­heit von ei­nem Staats­ober­haupt er­war­tet. Aber er wä­re si­cher­lich nor­mal ge­nug, um sich in der De­bat­te über die zwei Mal jähr­li­che Zeit­um­stel­lung auf die Sei­te der ewig Som­mer­li­chen zu schla­gen. Denn die sind in ei­ner durch­aus frag­wür­di­gen In­ter­net­um­fra­ge mehr­heit­lich der Mei­nung, das gan­ze Jahr über Som­mer­zeit zu wol­len. Nun wä­re es ja so­gar schmei­chel­haft, könn­te man die­sen Leu­ten zu­gu­te­hal­ten, vor­schnell re­agiert zu ha­ben. Weil sie in der Vor­freu­de, die ewi­ge Par­ty des Le­bens nun auch in den Win­ter zu ret­ten, gar nichts an­de­res hö­ren wol­len. Schon gar kei­ne Be­den­ken. Dass et­wa ei­ne viel zu lan­ge mor­gend­li­che Dun­kel­heit im Win­ter­halb­jahr die Men­schen krank macht. Aber nein. Die­se Ent­schei­dung ha­ben die Be­für­wor­ter gar nicht vor­schnell ge­trof­fen, son­dern nur, oh­ne nach­zu­den­ken. Das aber macht ja Schu­le. Und ist ganz nor­mal.

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