Er­lö­sung nach ei­nem Wahl­kri­mi

CDU Atem­lo­se Span­nung bis zum Schluss: Wür­den die über­wie­gend männ­li­chen De­le­gier­ten er­neut ei­ne Frau wäh­len? Dann ob­sieg­te AKK. Kann sie die Par­tei wie­der ei­nen?

Reutlinger Nachrichten  - - THEMEN DES TAGES / POLITIK - Von El­len Hasen­kamp

Sie hat als Re­gie­rungs­che­fin kalt­blü­tig ei­ne Ko­ali­ti­on ge­kün­digt. Sie hat als Mut­ter ei­nes we­ni­ge Wo­chen al­ten Säug­lings den Kno­chen­job als Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te an­ge­tre­ten. Sie hat als ers­te Frau in Deutsch­land ein In­nen­mi­nis­te­ri­um über­nom­men. An­ne­gret Kramp-kar­ren­bau­er hat nor­ma­ler­wei­se Ner­ven aus Stahl. Doch jetzt flie­ßen die Trä­nen, sie wischt und wischt, es läuft und läuft. Es ist 16.56 Uhr, und das Er­geb­nis der Stich­wahl für die Cdu-spit­ze lau­tet 517 für sie und 482 für Fried­rich Merz. AKK hat das vor fünf­ein­halb Wo­chen ge­star­te­te Ren­nen um den Par­tei­vor­sitz ge­won­nen. Es ist der größ­te po­li­ti­sche Tag im Le­ben der Frau aus dem klei­nen Saar­land.

Auf der Büh­ne schließt die jetzt ehe­ma­li­ge Par­tei­che­fin An­ge­la Mer­kel ih­re Nach­fol­ge­rin in die Ar­me. Frau folgt Frau, wer hät­te das ge­dacht in ei­ner Par­tei, die zu 74 Pro­zent aus Män­nern be­steht, in der von den tau­send Par­tei­tags­de­le­gier­ten nur 343 weib­lich sind und in der sich die Her­ren im­mer wie­der zu der Fra­ge zu Wort mel­den, wer denn nun das Me­ga­ta­lent Mer­kel ent­deckt, ge­för­dert und ge­formt ha­be.

Kramp-kar­ren­bau­er hat sich in­zwi­schen wie­der ge­fan­gen. 52 Pro­zent, das ist die Mehr­heit, aber knapp. 18 Stim­men mehr für Merz und das Ding wä­re an­ders­her­um aus­ge­gan­gen. Und ge­nau das wird Kramp-kar­ren­bau­er nun zu schaf­fen ma­chen. Sie muss leis­ten, was hin­ter ihr als Par­tei­tags­mot­to prangt: Zu­sam­men­füh­ren. Sie muss nun ei­ne CDU bei­sam­men hal­ten, die zwar durch den Wett­kampf be­lebt wur­de, wo nun aber auch Ent­täu­schun­gen und Frust bei fast der Hälf­te der Christ­de­mo­kra­ten zu­rück­blei­ben. Kramp-kar­ren­bau­er fängt gleich da­mit an: „Ich wür­de mich sehr freu­en, wenn so­wohl Jens Spahn als auch Fried­rich Merz be­reit wä­ren, an die­ser Auf­ga­be mit­zu­ar­bei­ten.“

Bis zum letz­ten Mo­ment hat AKK ge­schuf­tet. Im Kel­ler­ge­wöl­be des Ham­bur­ger Rat­hau­ses be­sucht sie am Vor­abend der Ent­schei­dung noch die Kom­mu­nal­po­li­ti­sche Ver­ei­ni­gung der CDU. Kramp-kar­ren­bau­er steht im Ge­tüm­mel; Schul­ter­klop­fen, Sel­fies, Hän­de­schüt­teln. Es ist ein letz­tes Stim­men­sam­meln und AKK weist in ih­rer An­spra­che ve­he­ment ei­ne Sicht­wei­se zu­rück, die sie in ei­ner Zei­tung ge­le­sen hat: Merz oder Un­ter­gang. „Wenn wir es so dis­ku­tie­ren, dann wird es auch der Un­ter­gang“, schimpft sie.

Zu­sam­men­füh­ren, die­sen Sound schlägt auch Mer­kel in ih­rer Re­de an – und hat da­mit wo­mög­lich AKK die ent­schei­den­den Stim­men in die Wahl­ur­nen ge­trie­ben. Viel­leicht hat aber auch der Fran­zo­se Jo­seph Daul mit sei­nem Gruß­wort ei­nen Fin­ger­zeig ge­ge­ben. Der 71-jäh­ri­ge Chef der eu­ro­päi­schen Kon­ser­va­ti­ven mahn­te aus sei­ner Straß­bur­ger Per­spek­ti­ve, die Kanz­le­rin­nen­schaft von Mer­kel nicht zu ver­ges­sen: „Wir brau­chen sie in die­sen schwe­ren Mo­men­ten noch in Eu­ro­pa.“Mit wem der drei Kan­di­da­ten er dies am bes­ten ge­währ­leis­tet sieht, sagt der El­säs­ser na­tür­lich nicht. Zu­min­dest nicht aus­drück­lich.

Als die Wahl um kurz vor zwei am Nach­mit­tag be­ginnt, macht Kramp-kar­ren­bau­er den An­fang – und die Span­nung im Saal ist fast so hoch wie die Tem­pe­ra­tu­ren. An­net­te Wid­mann-mauz, die Che­fin der Frau­en Uni­on, hüpft in ih­rem knall­ro­ten Kleid auf ih­rem Platz ein biss­chen auf und nie­der, so hef­tig schlägt sie die Hän­de zu­sam­men, als AKK die Büh­ne be­tritt. Kramp-kar­ren­bau­er ist ner­vös, sie trinkt erst­mal ei­nen Schluck Was­ser und ver­schwin­det in ih­rem schwarz­wei­ßen Ja­ckett op­tisch fast vor dem grau­en Hin­ter­grund. Sie be­ginnt fah­rig, kommt dann aber in Fahrt und trifft mit ih­rem kämp­fe­ri­schen, zu­kunfts­ge­wand­ten und auch sehr per­sön­li­chen Re­de den Ton. „Es kommt mehr auf die in­ne­re Stär­ke als auf die äu­ße­re Laut­stär­ke an“, sagt sie.

Merz da­ge­gen, der ge­fürch­te­te Red­ner, bleibt un­ter sei­nen Mög­lich­kei­ten. Er spricht über Chi­na und den eu­ro­päi­schen Bin­nen­markt, und im Saal bleibt es still. Er rech­net ab mit der Po­li­tik der ver­gan­ge­nen Jah­re, den Jah­ren oh­ne ihn: Um­welt­po­li­tik wi­der­sprüch­lich, Ver­trau­en in Sa­chen In­ne­re Si­cher­heit ver­spielt, Kom­mu­ni­ka­ti­on un­scharf.

Jens Spahn spricht – sei­nem Nach­na­men und dem Al­pha­bet ge­schul­det – als letz­ter. Viel­leicht vor lau­ter Auf­re­gung, viel­leicht aber auch als Zei­chen sei­nes Un­an­ge­passt-seins hält er sich nicht erst mit höf­li­chen An­re­den auf, son­dern legt di­rekt los und weist selbst auf sei­ne Au­ßen­sei­ter-rol­le hin. Am En­de ern­tet er im ers­ten Wahl­gang fast 16 Pro­zent, das ist mehr als ein Ach­tungs­er­folg. Und Spahn tritt dann auch gleich wie­der an fürs Par­tei­prä­si­di­um. Merz da­ge­gen ver­zich­tet auf die Kan­di­da­tur für wei­te­re Par­tei­äm­ter. Am Abend wer­den dann die fünf Cdu-vi­zes ganz oh­ne Kampf­kan­di­da­tu­ren wie­der­ge­wählt. Die Re­vo­lu­ti­on bei der CDU bleibt aus.

Es kommt mehr auf die in­ne­re Stär­ke als auf die äu­ße­re Laut­stär­ke an. An­ne­gret Kramp-kar­ren­bau­er Die neue Cdu-che­fin

Fo­to: Kay Nietfeld/dpa

Vor der Ab­stim­mung beim Cdu-par­tei­tag: An­ne­gret Kramp-kar­ren­bau­er, Fried­rich Merz und Jens Spahn.

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