Der un­an­ge­neh­me Drang zur Toi­let­te

Ex­per­ten­rat Kaum aus dem Haus, bräuch­te man ei­gent­lich ei­ne Toi­let­te. Harn- und Stuhlin­kon­ti­nenz schrän­ken die Le­bens­qua­li­tät stark ein. Wes­halb sich Be­trof­fe­ne Hil­fe su­chen soll­ten.

Reutlinger Nachrichten  - - BLICK IN DIE WELT - Von Iris Hum­pen­öder

Bin ich froh, dass Sie die­se Ak­ti­on ma­chen“, sag­te ei­ne An­ru­fe­rin. Das The­ma „In­kon­ti­nenz“plagt vie­le. Un­se­re drei Te­le­fon­lei­tun­gen wa­ren dau­er­be­legt – und die, die durch­ka­men, dank­bar, end­lich über ih­re Pro­ble­me re­den zu kön­nen.

Ich bin 62, ha­be ei­nen star­ken und häu­fi­gen Harn­drang und Schwie­rig­kei­ten, das Was­ser zu hal­ten. Was ra­ten Sie?

Ver­mut­lich ha­ben Sie ei­ne über­ak­ti­ve, ei­ne so ge­nann­te Reiz­bla­se. Die Bla­se ist ein Hohl­mus­kel, der in der Füll­pha­se mög­lichst lan­ge ent­spannt sein soll­te. Bei Ih­nen zieht er sich häu­fig zu­sam­men und löst so den Harn­drang aus. Ihr Haus- oder Frau­en­arzt kann Ih­nen ein Me­di­ka­ment aus der Klas­se der An­ti­cho­li­ner­gi­ka ver­schrei­ben, das den Blas­mus­kel be­ru­higt. Zu­vor soll­te aber noch ab­ge­klärt wer­den, wie gut sich die Bla­se ent­leert. Das hat Ein­fluss auf die Art des Me­di­ka­ments, das Sie brau­chen.

Stimmt es, dass Über­ge­wicht ein Ri­si­ko­fak­tor für die Reiz­bla­se ist?

In ei­ner Stu­die ha­ben Be­trof­fe­ne 15 Ki­lo ab­ge­nom­men und bei 50 Pro­zent von ih­nen sind da­mit auch die Bla­sen­pro­ble­me ver­schwun­den. Ei­ne Reiz­bla­se kann aber auch psy­cho­so­ma­tisch be­dingt sein.

Mir wur­de die Ge­bär­mut­ter ent­fernt. Darf ich jetzt tat­säch­lich nur noch bis zu fünf Ki­lo he­ben?

Nach der Ope­ra­ti­on soll­ten Sie sich et­wa sechs Wo­chen lang scho­nen. Doch le­bens­lan­ge Scho­nung ist längst kei­ne Vor­ga­be mehr. Und die Fünf-ki­lo-re­gel auch nicht.

Nach ei­ner Ma­gen-darm-grip­pe ha­be ich seit ei­ni­gen Wo­chen Darm­be­schwer­den und im­mer wie­der Durch­fall. Was tun?

Ei­ne so ge­nann­te Ma­gen-dar­mg­rip­pe ist meist die Fol­ge ei­ner In­fek­ti­on mit Vi­ren und wird sym­pto­ma­tisch be­han­delt. Blei­ben die Be­schwer­den aber be­ste­hen, müs­sen an­de­re Ur­sa­chen aus­ge­schlos­sen wer­den. Even­tu­ell ist hier­für ei­ne Darm­spie­ge­lung nö­tig. Auch Nah­rungs­un­ver­träg­lich­kei­ten kön­nen die Ur­sa­che sein.

Ich ha­be ein heik­les Pro­blem: Ich ver­lie­re Stuhl, oh­ne es zu be­mer­ken, zum Bei­spiel beim Wan­dern. sich die Mus­ku­la­tur und die Harn­bla­se kann mehr Urin über ei­nen län­ge­ren Zei­t­raum spei­chern.

Ich ha­be meh­re­re Ope­ra­tio­nen im Be­cken­be­reich hin­ter mir, teils bin ich in­kon­ti­nent, teils ha­be ich Ver­stop­fung, aber im­mer star­ke Schmer­zen beim Stuhl­gang. Ich kann das Haus prak­tisch nicht mehr ver­las­sen.

Soll­ten al­le The­ra­pie­optio­nen aus­ge­schöpft sein, muss in solch ex­tre­men Fäl­len auch über die An­la­ge ei­nes künst­li­chen Darm­aus­gangs nach­ge­dacht wer­den – zu­min­dest vor­über­ge­hend, um ein­fach mal zur Ru­he zu kom­men. Mit ei­nem künst­li­chen Darm­aus­gang kann man am öf­fent­li­chen Le­ben wie­der teil­neh­men. Es gibt auch Selbst­hil­fe­grup­pen, die mit Rat und Tat zur Sei­te ste­hen. Auch wenn es ra­di­kal klingt – manch­mal ist es die bes­se­re Lö­sung, vor der man kei­ne Angst ha­ben muss.

Ich ha­be ei­ne Bla­sen­sen­kung. Muss die Ge­bär­mut­ter ent­fernt wer­den? Das hat man frü­her ge­macht. Wenn die Ge­bär­mut­ter ge­sund ist, wird sie heu­te nor­ma­ler­wei­se mit Fä­den oder Kunst­stoff­bän­dern fi­xiert. Das kann durch die Schei­de oder bei jün­ge­ren Frau­en mit­tels ei­ner Bauch­spie­ge­lung ge­macht wer­den.

Ich bin beim Sport nur „ver­packt“un­ter­wegs. Mei­ne Kas­se bie­tet Be­cken­bo­den­gym­nas­tik-prä­ven­ti­ons­kur­se an. Ist das sinn­voll?

Sinn­voll ist Be­cken­bo­den­gym­nas­tik als vor­beu­gen­de oder the­ra­peu­ti­sche Maß­nah­me. Ef­fek­ti­ver als Grup­pen­un­ter­richt ist je­doch die An­lei­tung durch ei­ne spe­zia­li­sier­te Phy­sio­the­ra­peu­tin. Das Re­zept kann Ihr Haus­arzt oder Frau­en­arzt aus­stel­len. Ver­mut­lich ha­ben Sie ei­ne Be­las­tungs­in­kon­ti­nenz, al­so ei­ne Schwä­che der Harn­röh­re.

Was kann man au­ßer der Gym­nas­tik da­ge­gen tun?

Es gibt Spe­zi­al­tam­pons und Gum­mi­rin­ge, aber auch ei­ne klei­ne­re Ope­ra­ti­on, bei der ein Kunst­stoff­bänd­chen U-för­mig um die Harn­röh­re ge­legt wird. Die­se Me­tho­de hat üb­ri­gens ei­ne 85-pro­zen­ti­ge Er­folgs­quo­te.

Ich le­be mit Win­deln, ha­be schon al­le mög­li­chen The­ra­pi­en hin­ter mir, kann aber den Urin ein­fach nicht mehr hal­ten.

Es gibt noch die Mög­lich­keit, ei­nen Bla­sen­schritt­ma­cher im Ge­säß­be­reich ein­zu­set­zen. Das wird aber nicht an je­der Kli­nik ge­macht. Fra­gen Sie Ih­ren be­han­deln­den Arzt da­nach.

Ich ha­be ei­ne Reiz­bla­se und au­ßer­dem Stuhlin­kon­ti­nenz. Die Me­di­ka­men­te da­ge­gen ver­tra­ge ich nicht, mir wird schwind­lig und mein Mund ist stän­dig aus­ge­trock­net. Gibt es Al­ter­na­ti­ven?

Ei­ne Reiz­stromthe­ra­pie kann durch un­ter­schied­li­che Fre­quen­zen bei­de Pro­ble­me bes­sern. Das Ge­rät muss Ih­nen Ihr Arzt ver­schrei­ben und Sie be­kom­men es mit nach Hau­se. Die The­ra­pie ist ne­ben­wir­kungs­frei.

Fo­to: Spee­dkingz/shutterstock.com

Hof­fent­lich ist ei­ne Toi­let­te in der Nä­he – stän­di­ger Druck kann die Le­bens­qua­li­tät stark ein­schrän­ken.

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