Ein ent­schei­den­des Jahr für Eu­ro­pa

Rheinische Post Dinslaken - - Stimme Des Westens -

Man ist als Jour­na­list vor­sich­tig ge­wor­den mit Pro­gno­sen. Zu­letzt kam die Rea­li­tät oft da­zwi­schen. Krim-Anne­xi­on, Do­nald Trump, Br­ex­it, die Re­kor­de der Grü­nen, das Vor­run­den-Aus der Na­tio­nal­elf. Wer hät­te es ge­dacht? Und doch lässt sich für 2019 ei­nes si­cher sagen: Die po­li­ti­schen (Wahl-)Ent­schei­dun­gen sind rich­tungs­wei­send. Bei der Eu­ro­pa­wahl im Mai geht es um die Zu­kunfts­fä­hig­keit der Eu­ro­päi­schen Uni­on als frei­heit­li­cher, de­mo­kra­ti­scher, markt­wirt­schaft­li­cher und su­pra­na­tio­nal agie­ren­der Wer­te­ge­mein­schaft. Da­ge­gen ste­hen die Rechts­po­pu­lis­ten, die Brüs­sel ver­ach­ten und sich in das ver­meint­lich woh­lig-war­me Zeit­al­ter der Na­tio­nal­staa­ten zu­rück­seh­nen. Soll­ten die Rechts­par­tei­en im Eu­ro­päi­schen Par­la­ment nach derWahl die stärks­te Frak­ti­on bil­den, kön­nen sie die EU-Ge­setz­ge­bung blo­ckie­ren. Es wä­re das schlei­chen­de En­de der Uni­on. abei brau­chen wir das Ge­gen­teil von Na­tio­na­lis­mus. Mehr Zu­sam­men­ar­beit, mehr In­te­gra­ti­on bei den The­men Di­gi­ta­li­sie­rung, Mi­gra­ti­on, Wett­be­werbs­fä­hig­keit. Eu­ro­pas Ab­stieg bei Zu­kunfts­tech­no­lo­gi­en ist dra­ma­tisch. Über­spitzt for­mu­liert: Wir sind Welt­markt­füh­rer von ges­tern. Stahl, Ma­schi­nen, Au­tos. Kern­ge­schäft des 20. Jahr­hun­derts. Die Ex­port­schla­ger von mor­gen lau­ten aber IT, Big Da­ta, Künst­li­che In­tel­li­genz. Hier lie­gen die USA und Süd­ost­asi­en vor­ne. Von den 100 Un­ter­neh­men mit dem welt­weit größ­ten Markt­wert (ein In­di­ka­tor für die Zu­kunfts­er­war­tun­gen der In­ves­to­ren) ha­ben 57 ih­ren Sitz in Nord­ame­ri­ka, nur 22 in Eu­ro­pa. Un­ter den Top 20 ist mit dem Schwei­zer Le­bens­mit­tel­rie­sen Nest­lé nur ein (!) Un­ter­neh­men aus Eu­ro­pa. Sie­mens folgt als ers­tes deut­sches Un­ter­neh­men auf Rang 61. Wenn Eu­ro­pa auf dem Welt­markt noch ei­ne Chan­ce ha­ben will, müss­te es mas­siv in Rah­men­be­din­gun­gen für ei­ne (in­dus­tri­ell ba­sier­te) IT-Öko­no­mie, in For­schung und Bil­dung in­ves­tie­ren und die klügs­ten Köp­fe der Welt an­lo­cken. Groß den­ken. Aber wir sind uns ja nicht mal ei­nig, wel­che Gleis­tech­nik für Zü­ge gel­ten soll.

Es ist kei­ne Schwarz­ma­le­rei, wenn Eu­ro­pa in 40 Jah­ren als kul­tur­ge­schicht­lich an­spruchs­vol­les Mu­se­um die Tou­ris­ten der Welt in die schmu­cken Alt­städ­te lockt, aber in der Welt­wirt­schaft nichts mehr zu sagen hat. Ja, die eu­ro­päi­sche Er­zäh­lung von dem Frie­dens­kon­ti­nent, die sich aus dem „Nie wie­der“nach Au­schwitz speist, bleibt fas­zi­nie­rend und rich­tig. Aber sie reicht nicht, wenn man sich die Er­fol­ge der Sal­vi­nis, Le Pens und Gau­lands an­schaut. Ein neu­es Nar­ra­tiv muss öko­no­mi­sches Kal­kül ein­be­zie­hen. Wohl­stands­si­che­rung geht nur in ei­nem Eu­ro­pa.

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