„Ich war mit Herz­blut Berg­mann“

Her­mann Rau (88) hat vie­le Jah­re im Berg­bau ge­ar­bei­tet. Auf Schacht Wal­s­um stand der Vo­er­der in Lohn und Brot. Die Ge­schich­te des Berg­werks be­wegt ihn bis heu­te.

Rheinische Post Dinslaken - - Silvester -

VO­ER­DE (P.K.) Mit der Schlie­ßung von Pro­sper Ha­ni­el in Bot­trop und An­thra­zit in Ib­ben­bü­ren sind kürz­lich die bei­den letz­ten St­ein­koh­le­berg­wer­ke in Deutsch­land und da­mit ein gan­zer In­dus­trie­zweig Ge­schich­te ge­wor­den. Das Aus für die Ze­che in­Wal­s­um kam schon viel frü­her: 2008. Her­mann Rau, der dort vie­le, vie­le Jah­re in Lohn und Brot stand, er­leb­te das En­de in sei­ner be­ruf­lich ak­ti­ven Zeit nicht mehr mit. Den­noch, die His­to­rie des Schachts, des Berg­baus be­wegt den 88-jäh­ri­gen Vo­er­der bis heu­te. Um die Er­in­ne­rung dar­an wach zu hal­ten, in­iti­ier­te er 2013 ei­nen Ge­schichts­kreis aus frü­he­ren Berg­leu­ten, ver­fass­te di­ver­se Bei­trä­ge, et­wa „Schacht Wal­s­um ges­tern und heu­te“, sam­mel­te un­zäh­li­ge Zei­tungs­be­rich­te und Fo­tos.

Her­mann Rau kann aus ei­ge­nem Er­le­ben von der Zeit er­zäh­len, als in den Berg­wer­ken noch Pfer­de im Ein­satz wa­ren, die Holz für den Streb – den Ort, wo die Koh­le ab­ge­baut wur­de – zo­gen. Der Vo­er­der hat auf Wal­s­um mit ei­nem der letz­ten Pfer­de ge­ar­bei­tet. Ei­nes Ta­ges hör­te er beim Aus­stieg auf der zwei­ten Soh­le in der Nä­he vom Pfer­de­stall gro­ßes Ge­schrei: „Ein äl­te­rer Kum­pel hat mit ei­ner Heuga­bel auf das Hin­ter­teil des Pfer­des ge­schla­gen.“Der Kol­le­ge ha­be da noch nicht ge­wusst, dass ein Wa­gen – die in Wal­s­um ein­ge­setz­ten hat­ten ein La­de­ver­mö­gen von knapp vier Ton­nen – zu­viel an­ge­hängt wor­den war. „Ein Pferd weiß das“, er­zählt Rau. „Ich als Neu­er bin da­zwi­schen ge­gan­gen. Ab der Zeit ha­be ich mit Pfer­den ge­ar­bei­tet.“8000 sei­en 1880 noch im Berg­bau in Deutsch­land be­schäf­tigt ge­we­sen. Spä­ter wur­den die Pfer­de durch Loks er­setzt. Dass die Tie­re un­ter Ta­ge Koh­le­wa­gen – wie beim Holz „ma­xi­mal zwei bis drei“– zo­gen, weiß Rau „nur vom Hö­ren­sa­gen“. Er hat noch die Zeit der Kost­gän­ger er­lebt, der Berg­leu­te, die oh­ne ei­ge­neWoh­nung und meist al­lein­ste­hend bei Berg­ar­bei­ter­fa­mi­li­en in Kost und Lo­gis wa­ren. Weil es zu Hau­se bei sei­nen El­tern in Möl­len mit sie­ben Kin­dern be­engt war, such­te er sich wo­an­ders ein Quar­tier und fand es bei sei­nem „bes­ten Kol­le­gen“in Wal­s­um.

Be­ruf­lich fiel bei Her­mann Rau der Ap­fel nicht weit vom Stamm: Auch sein Va­ter war im St­ein­koh­le­berg­bau tä­tig – zu­nächst in Aa­chen. Dann zog die Fa­mi­lie ins Ruhr­ge­biet. Der Va­ter fing auf der da­mals noch zu Ham­born ge­hö­ren­den Ze­che Fried­rich Thys­sen 4/8 an, seit der kom­mu­na­len Neu­ord­nung 1975 ist der Be­reich Teil von Mei­de­rich. Her­mann Rau hat­te zu­nächst ei­nen an­de­ren Weg ein­ge­schla­gen. Der Vo­er­der – in Hü­ckel­ho­ven bei Aa­chen ge­bo­ren – woll­te ur­sprüng­lich Land­wirt wer­den. Ei­ni­ge Zeit hat­te er weit weg von zu Hau­se bei ei- nem Bau­ern ge­ar­bei­tet, der Weg führ­te ihn aber zu­rück zu den El­tern – und be­ruf­lich schließ­lich zum Schacht Wal­s­um.

Dort fing er 1951 im Al­ter von 20 Jah­ren als Schlep­per, sprich als Trans­port­ar­bei­ter un­ter Ta­ge, an. Aus ei­ge­ner Er­fah­rung kann er von da­mals ver­häng­ten Stra­fen be­rich­ten: Am vier­ten Tag als Schlep­per war er, da für ihn un­ge­wohnt, bei der Nacht­schicht ein­ge­schla­fen. Fol­ge: Lohn­ab­zug.„Man kann nicht ein­schla­fen“, sagt Rau noch heu­te schuld­be­wusst. An­fang 1952 durch­lief er drei Mo­na­te das Lehr­re­vier. Im drit­ten Mo­nat galt für ihn be­reits das „Ge­din­ge“, die leis­tungs­ab­hän­gi­ge Ent­loh­nung, und er wur­de ei­nem Re­vier und ei­nem Hau­er zu­ge­teilt. „Nach zwei Mo­na­ten ha­be ich selbst­stän­dig ge­ar­bei­tet.“Die Ar­beit un­ter Ta­ge war kör­per­lich sehr an­stren­gend. „Al­le rutsch­ten auf Kni­en und El­len­bo­gen her­um, denn das Flöz (die Koh­le­schicht, die zwi­schen Gesteins­schich­ten liegt) war nur 1,20 Me­ter hoch.“

Rau ab­sol­vier­te ei­ne Aus­bil­dung zum Hau­er, als der man„für je­de Tä­tig­keit im Berg­bau ein­ge­setzt wer­den“konn­te, wo­bei al­ler­dings für ei­ni­ge Spar­ten zu­sätz­li­che Qua­li­fi­ka­tio­nen zu er­wer­ben wa­ren. 1957 be­stand er den Hau­er­kurs. Im sel­ben Jahr pas­sier­te noch et­wasWich­ti­ges in sei­nem Le­ben: Der Vo­er­der hei­ra­te­te sei­ne heu­ti­ge Frau El­frie­de. Das Paar hat drei Kin­der. Bei­de Söh­ne lern­ten eben­falls Berg­mann.

Ein ris­kan­ter Be­ruf, wie sich 1958 zeig­te. Her­mann Rau hat­te ei­nen schwe­ren Un­fall. 800, 900 Me­ter un­ter der Er­de war ei­ne Koh­len­la­ge um­ge­kippt. Der Vo­er­der er­litt ei­nen Schie­nen- und Wa­den­bein­bruch und war ar­beits­un­fä­hig. Erst zwei Jah­re spä­ter konn­te er un­ter Ta­ge wie­der voll ein­ge­setzt wer­den, nach­dem er zwi­schen­zeit­lich fast ein Jahr über Ta­ge leich­te Ar­beit ver­rich­tet hat­te. Rau war fort­an als Hau­er und Stem­pel­zäh­ler tä­tig, er­leb­te in den Fol­ge­jah­ren, wie neue Ma­schi­nen im Berg­bau

Ein­zug hiel­ten. Bis

1970 ver­rich­te­te er un­ter Ta­ge sämt­li­che Ar­bei­ten

– un­ter an­de­rem als

Ort­s­äl­tes­ter, ver­ant­wort­li­cher Hau­er, in der Koh­len­ab­fahrts­stre­cke. In je­nem Jahr wur­den im Ruhr­ge­biet Si­cher­heits­hau­er ein­ge­setzt. Ei­ner von de­nen, die mit die­ser Auf­ga­be be­traut wur­den, war Her­mann Rau. „Ich hat­te das Glück, da­bei zu sein.“

1972 dann kan­di­dier­te er für den Be­triebs­rat. Kol­le­gen hät­ten ihn dar­auf an­ge­spro­chen, dies zu tun. Der Vo­er­der er­zählt, wie er sich auf Be­triebs­ver­samm­lun­gen be­merk­bar ge­macht und kla­re Wor­te ge­fun­den hat. Bei der ers­ten Be­triebs­rats­wahl lan­de­te er auf dem zehn­ten Platz – bei der zwei­ten ran­gier­te er un­ter 24 Be­wer­bern be­reits auf Rang drei. 1976 wur­de Rau als Be­triebs­rat frei­ge­stellt. In die­ser Zeit war es auch, dass er die Ehe­frau des da­ma­li­gen Bun­des­kanz­lers Hel­mut Schmidt bei ih­rer ers­ten Gru­ben­fahrt mit be­glei­te­te: „Für mich war es et­was ganz Be­son­de­res, solch ei­ne Per­son an­zu­fah­ren (sich zur Ar­beits­stät­te un­ter Ta­ge be­ge­ben, Anm. d. Re­dak­ti­on)“, er­in­nert er sich an den Be­such von Lo­ki Schmidt auf Wal­s­um 1979.

Sein be­ruf­li­cher Traum er­füll­te sich fünf Jah­re spä­ter: Der Vo­er­der wur­de So­zi­al­be­auf­trag­ter auf der Ze­che, war da­mit für 4000 Men­schen zu­stän­dig. Vier Jah­re üb­te er die­se Auf­ga­be aus. En­de März 1987 war für ihn per­sön­lich die letz­te Schicht in­Wal­s­um. Als der Schacht imVo­er­der Orts­teil Löh­nen ein­ge­weiht wur­de, war er be­reits mehr als ein hal­bes Jahr in Ren­te. Und als 2008 die Ära des St­ein­koh­le­berg­werks Wal­s­um en­de­te, war Rau 21 Jah­re drau­ßen – aber des­halb nicht min­der von der Schlie­ßung er­grif­fen. Als al­ter Kum­pel konn­te er den Schritt nicht ver­ste­hen. Bei ihm lös­te das En­de da­mals Trau­er aus, „da wir doch so ei­ne gu­te Ze­che wa­ren“. Die­se Ka­me­rad­schaft ha­be er so wo­an­ders nicht er­lebt. „Ich war mit Herz­blut Berg­mann“– und mit der Er­fah­rung von heu­te wür­de er es wie­der wer­den.

FO­TO: WEISSENFELS

Her­mann Rau mit ei­ner Berg­manns-Skulp­tur, die er an­läss­lich sei­nes Ab­schie­des in den Ru­he­stand be­kam.

FO­TO:HR

1979 be­glei­te­te Her­mann Rau Lo­ki Schmidt bei ei­ner Gru­ben­fahrt auf Wal­s­um.

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