Rheinische Post Duisburg

Bis zur Erschöpfun­g

Laura Dahlmeier ist trotz ihrer Krankheits­geschichte in dieser Saison wieder die größte deutsche Medaillen-Hoffnung bei der Biathlon-WM. Für den Sieg wird sie wie die Konkurrenz an ihre Grenzen gehen müsssen.

- VON CHRISTINA RENTMEISTE­R

DÜSSELDORF Winterspor­tler, die völlig ausgepumpt im Schnee liegen, die im Ziel nach Luft schnappen und mit wackeligen Beinen zur Siegerehru­ng laufen – bei der am Donnerstag beginnende­n Biathlon-WM im schwedisch­en Östersund werden die Athleten wieder an ihre körperlich­en Grenzen gehen. Auch Deutschlan­ds Olympia-Star Laura Dahlmeier ist bekannt dafür, bis zur Erschöpfun­g zu laufen. Doch vor dieser Saison hatte ihr Körper ihr seine Grenzen deutlich aufgezeigt. Auch deswegen hoffen viele vor der WM, dass sie sich im Kampf um den nächsten Titel nicht überforder­t.

Aber Dahlmeier scheint sich gut für den Saisonhöhe­punkt vorbereite­t zu haben. Sie zählt in dieser Saison nicht zur Weltspitze im Biathon-Weltcup – zumindest wenn man auf die Gesamtwert­ung schaut. Da liegt sie auf Rang 19. Das liegt vor allem daran, dass sie nur an vier Weltcup-Wochenende­n in dieser Saison gestartet ist. Zehn Rennen ist sie dabei insgesamt gelaufen. Dahlmeier spielte im Weltcup nur eine Nebenrolle. Und der Weltcup spielte für sie nur eine Nebenroll. Er bot die Bühne für Training unter Wettkampfb­edigungen. Mehr sollte er diesmal für Dahlmeier auch gar nicht sein. Sie wollte mit Blick auf die WM behutsam mit ihrem Körper, ihren Kräften umgehen.

Das hat einen guten Grund: Monatelang musste die siebenfach­e Weltmeiste­rin im Sommer und Herbst 2018 mit dem Training aussetzen. Erst verletzte sie sich bei einem Radsturz, dann kam eine Zahnoperat­ion dazwischen. Es folgte ein Infekt nach dem anderen. Im Oktober entschied sie mit Mannschaft­sarzt Klaus-Jürgen Marquardt, das Training erstmal ganz auszusetze­n. Marquardt sprach damals von einem „ziemlich geschwächt­en“Immunsyste­m bei der 25-Jährigen. Sie brauche vor allem Ruhe, um sich von all dem erholen zu können.

Mit „all dem“war wohl auch der Trubel nach Olympia 2018 gemeint. Die Bayerin gewann dort zweimal Gold und einmal Bronze. Termin folgte auf Termin. Pausen gab es nur wenige. Als die Saisonvorb­ereitung wieder los ging, zwang sie ihr Körper zur Pause. Dahlmeier und die Ärzte wollten kein Risiko eingehen. Ihr Körper dürfe nicht zu früh wieder zu stark belastet werden. Das könnte schwerwieg­ende Folgen haben, sagte Marquardt. Außerdem gab es da ja noch das große Ziel Weltmeiste­rschaft. Gold im Sprint fehlt noch in ihrer Titelsamml­ung. Das soll sich in Östersund ändern. Und das mit „sauberen Mitteln“, wie sie nach dem Doping-Skandal um einige Langläufer betont. Sie sei „brutal schockiert“von dem Skandal. Das erschütter­e auch die Biathleten. Im Namen der Mannschaft betonte sie aber: „Wir sind absolut sauber.“

Dass sie mit der Weltspitze mithalten kann, hat Dahlmeier in ihren zehn Rennen bewiesen. In neun davon landete sie im Einzel oder mit dem Team unter den Top Ten. In Antholz gewann sie den Massenstar­t, im kanadische­n Canmore führte sie die Staffel zum Sieg. Nach dem Zieleinlau­f wirkte Dahlmeier aber regelmäßig am Ende ihrer Kräfte. Ohnehin ist es nicht die erste gesundheit­lich schwierige Phase für sie. In den vergangene­n vier Jahren startete sie dreimal krank in den Winter. Bei der WM 2017, bei der Dahlmeier fünfmal Gold gewann, brach sie nach zwei ihrer Rennen zusammen. „Sie gehört zu den Persönlich­keiten, die auch mehr geben, als sie körperlich dazu in der Lage sind in dem Moment“, sagte Teamarzt Marquardt damals. Eine Situation, die wohl auch wieder eintreten wird, wenn Dahlmeier nun beim Saisonhöhe­punkt um Medaillen kämpft.

Aber ist das auf Dauer gesund? „Die Athleten sind alle gut trainiert für diese Situatione­n. In der Schlussrun­de musst du alles geben. Danach bist du dann einfach erschöpft. Die Laktatwert­e im Körper sind dann oft so hoch, dass erstmal nichts mehr geht“, sagt die frühere Weltmeiste­rin und Olympiasie­gerin Uschi Disl. Tatsächlic­h zusammenbr­echen würden Biathleten nur sehr selten nach dem Rennen. Wenn sie im Schnee liegen, sehe das dramatisch­er aus, als es ist. „Meist ist es einem zu warm, und man legt sich in den Schnee, um abzukühlen und erstmal durchzuatm­en“, sagt Disl.

Nach dem Auslaufen erhole sich der Körper schnell wieder. „Wenn man aber direkt zu Medienterm­inen oder in die Pressekonf­erenz muss, dann kann es schon mal zum Laktatstau im Körper kommen, und man wird wackelig“, erklärt Disl. Sie selbst kann sich nur an eine Situation erinnern, in der sie größere Probleme hatte: bei ihrem letzten Olympiaren­nen 2006 in Turin. Damals lief sie zu Bronze. „Da habe ich mich richtig ausgepower­t und weiß nicht mehr genau, wie ich ins Ziel gekommen bin“, sagt sie.

Wenn ein Leistungss­portler gesund sei, seien solche Ausnahmebe­lastungen nicht gefährlich, sagt der Sportmediz­iner Herbert Löllgen von der deutschen Gesellscha­ft für Sportmediz­in und Prävention. Gefährlich sei es aber, wenn man krank in einen Wettkampf gehe, zum Beispiel mit einer Erkältung. „Das kann dann schnell zu einer Herzmuskel­entzündung führen. Das gilt auch für jeden Hobbysport­ler“, mahnt Disl. Dahlmeier wird hoffen, dass sie gesund bleibt und sich am Ende ausgepower­t über Gold freuen darf.

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FOTO: DPA Laura Dahlmeier liegt kurz vor Weihnachte­n 2018 nach dem Rennen im tschechisc­hen Nove Mesto erschöpft im Zielbereic­h im Schnee.

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