Ein Mör­der und sei­ne ge­nia­len Ma­d­ri­ga­le

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - KULTUR -

Klas­sik Un­ter den gro­ßen Kom­po­nis­ten war er oh­ne Zwei­fel ei­ner der schil­lernds­ten. Ein Prinz der Fins­ter­nis, ein Düs­ter­mann, leicht reiz­bar und wahn­sin­nig emp­find­lich. Als sei­ne Frau ihn mit ei­nem Lieb­ha­ber be­trog, ließ er bei­de kur­zer­hand um­brin­gen und floh aus Furcht vor den Fa­mi­li­en auf ein Fa­mi­li­en­schloss. Als sein Va­ter starb, rück­te er auf in den Adels­stand: Don Car­lo Ge­sual­do di Ve­no­sa (1566 bis 1613). Seit­dem gilt er als Un­nah­ba­rer der klas­si­schen Mu­sik. Aber auch als Ge­nie, das sei­ner Zeit vor­aus war und in die Zu­kunft der Klän­ge und Har­mo­ni­en blick­te.

Wer sei­ne Mu­sik hört, dem wird tat­säch­lich selt­sam zu­mu­te. Sie hat et­was Schwei­fen­des, Ort­lo­ses, sie wech­selt manch­mal von ei­ner Har­mo­nie so un­ver­mit­telt in ei­ne ent­fern­te an­de­re, dass man am Ver­stand des Kom­po­nis­ten zwei­felt. Aber der ver­folg­te mit sei­nen küh­nen Ma­nö­vern ei­nen Mas­ter­plan: Sei­ne Ma­d­ri­ga­le be­schrei­ben die Wan­kel­mü­tig­keit der See­le, die La­bi­li­tät des Her­zens, die Trug­bil­der der Sin­ne. Ob er in die­sen sän­ge­risch ex­trem an­spruchs­vol­len Stü­cken per­sön­li­che Aspek­te sei­nes Le­bens re­flek­tiert hat, ist al­ler­dings um­strit­ten. In der da­ma­li­gen Poe­sie wa­ren Ge­füh­lig­keit und über­reiz­te emo­tio­na­le Wahr­neh­mung bran­chen­üb­lich.

Für Chö­re ist die­se Kunst al­ler­dings schwer zu­gäng­lich. Die In­to­na­ti­on die­ser ex­zen­tri­schen Mu­sik – ein­mal gibt es ei­nen Sprung von g-moll nach Cis-dur, und zwar aus dem Stand, oh­ne Vor­war­nung – ist höl­lisch hei­kel, das kön­nen ei­gent­lich nur Pro­fis. Um­so bes­ser, dass sich das fa­mo­se Ex­au­di Vo­cal En­sem­ble mit sei­nen fünf So­lis­ten un­ter der Lei­tung von Ja­mes Weeks mit die­sen ge­spens­ti­schen Klän­gen be­schäf­tigt. Beim Münch­ner La­bel Win­ter & Win­ter ha­ben die Ex­au­di-leu­te Tei­le des fünf­ten und sechs­ten Ma­dri­al­buchs auf­ge­nom­men – und schon nach kur­zem Hö­ren darf man fest­stel­len: Es ist per­fekt. Mehr kann man nicht sa­gen. Wolf­ram Goertz

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