Die Ge­schich­te der Bie­nen

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - UNTERHALTU­NG - von Ma­ja Lun­de (Fort­set­zung folgt) © 2017 BTB VER­LAG, MÜN­CHEN, IN DER VERLAGSGRU­P PE RANDOM HOUSE GM­BH, ÜBERSETZUN­G: URSEL ALLENSTEIN

Ro­man Fol­ge 18

Nel­lie und Rob prahl­ten ge­wal­tig. Sie hät­ten mas­sen­haft neue Freun­de ge­fun­den, sag­ten sie, und er­wähn­ten sie im­mer­zu bei­läu­fig: Lau­rie, Mark, Ran­dy, Ste­ven. Es man­ge­le ih­nen an nichts. Je­de Wo­che wür­den sie zum Ge- mein­schafts­brunch im Ver­samm­lungs­haus ge­hen, ein gan­zes Bü­fett für nur fünf Dol­lar mit Pfann­ku­chen, Speck, Ei­ern und Brat­kar­tof­feln! Und jetzt ver­such­ten sie, auch uns dort­hin zu lo­cken, und nicht nur uns, sie be­ar­bei­te­ten al­le, an­schei­nend woll­ten sie ganz Au­tumn nach Sü­den um­sie­deln. Aber ich wuss­te, was ei­gent­lich da­hin­ter­steck­te. Sie fühl­ten sich ein­sam an ih­rem Ka­nal. Es war lang­wei­lig, so weit weg von den Freun­den und der Fa­mi­lie zu le­ben und al­les zu­rück­zu­las­sen, was ei­nen das gan­ze Le­ben lang um­ge­ben hat­te. Da­von ab­ge­se­hen war der Som­mer in Flo­ri­da die reins­te Höl­le, un­er­träg­lich heiß und schwül, und oben­drein wü­te­ten mehr­mals am Tag wahn­sin­ni­ge Stür­me. Der Win­ter war si­cher ganz in Ord­nung, mit an­ge­neh­men Tem­pe­ra­tu­ren und we­nig Re­gen, aber wer woll­te schon oh­ne ei­nen rich­ti­gen Win­ter le­ben? Oh­ne Schnee und Käl­te? All das hat­te ich Em­ma schon oft ge­sagt, aber sie ließ ein­fach nicht lo­cker. Sie mein­te, wir müss­ten end­lich an­fan­gen, or­dent­li­che Plä­ne zu schmie­den, Plä­ne für das Al­ter. Sie ver­stand nicht, dass ich ge­nau das ge­tan hat­te. Ich woll­te et­was Sinn­vol­les hin­ter­las­sen, ein Er­be, an­statt in ei­nem halb­ver­fal­le­nen Fe­ri­en­haus zu sit­zen, das man un­mög­lich wei­ter­ver­kau­fen konn­te. Denn so war es, ich hat­te ein we­nig dar­über ge­le­sen, wie es zur­zeit um den Im­mo­bi­li­en­markt in Flo­ri­da be­stellt war. Hat­te re­cher­chiert. Es gab trif­ti

ge Grün­de da­für, war­um die­se Häu­ser nicht schon nach der ers­ten Be­sich­ti­gung ver­kauft wur­den.

Ich hat­te ei­nen an­de­ren Plan. Neue In­ves­ti­tio­nen. Mehr Ma­ga­zin­beu­ten, viel mehr. Trucks. Trai­ler. Festan­ge­stell­te. Ver­trä­ge mit an­de­ren Hö­fen in Ka­li­for­ni­en, Geor­gia, viel­leicht auch Flo­ri­da.

Und Tom.

Es war ein gu­ter Plan, rea­lis­tisch, nüch­tern. Und Tom wür­de so­wie­so schnel­ler, als er den­ken konn­te, mit Frau und Kind da­sit­zen. Dann wä­re es um­so bes­ser, dass sein Va­ter vor­aus­schau­end ge­han­delt hat­te, der Hof in ei­nem gu­ten Zu­stand und der Be­trieb an die mo­der­ne Welt an­ge­passt war, dass Tom hier lange ge­nug ge­ar­bei­tet hat­te, um die­se Kunst in- und aus­wen­dig zu be­herr­schen, und viel­leicht so­gar noch Rück­la­gen vor­han­den wa­ren. Es wa­ren un­si­che­re Zei­ten. Ich sorg­te für Si­cher­heit. Ich al­lein sorg­te für die Si­cher­heit mei­ner Fa­mi­lie. Für ei­ne Zu­kunft. Doch das schien nie­mand zu be­grei­fen.

Jetzt wur­de ich mü­de, wenn ich nur an mei­nen Plan dach­te. Frü­her hat­te mir das stets neue Kräf­te ver­lie­hen, um Über­stun­den zu ma­chen, jetzt hat­te ich den Ein­druck, der vor mir lie­gen­de Weg wä­re so lang und un­weg­sam wie ein schlam­mi­ger Feld­weg im Herb­st­re­gen.

Ich konn­te Em­ma nicht ant­wor­ten, steck­te nur den Schlüs­sel ins Zünd­schloss, er war schweiß­nass und hat­te ei­nen ro­ten Ab­druck auf mei­ner Hand hin­ter­las­sen. Ich muss­te jetzt fah­ren, be­vor ich noch ein­schlief. Sie sah nicht auf, hat­te den Ehe­ring ab­ge­nom­men und rieb sich den wei­ßen Schat­ten dar­un­ter. Wir bei­de konn­ten nichts vor­ein­an­der ver­ber­gen, und trotz­dem woll­te sie un­se­re gan­ze Exis­tenz aufs Spiel set­zen.

Tao

„Machst du das Licht aus?“Kuan dreh­te sich zu mir, bleich vor Mü­dig­keit.

„Ich muss das nur noch schnell zu En­de le­sen.“

Ich kon­zen­trier­te mich wei­ter auf das al­te Buch über Früh­päd­ago­gik. Mei­ne Au­gen brann­ten, aber noch woll­te ich nicht schla­fen. Woll­te nicht schla­fen, woll­te nicht auf­wa­chen und in ei­nen neu­en Tag hin­aus­müs­sen.

Er seufz­te und zog sich die De­cke über den Kopf. Ei­ne Mi­nu­te ver­ging. Zwei.

„Tao … bit­te. Wir müs­sen schon in sechs St­un­den wie­der auf­ste­hen.“

Ich ant­wor­te­te nicht, tat le­dig­lich, wo­rum er mich ge­be­ten hat­te. „Nacht“, sag­te er lei­se.

„Gu­te Nacht“, er­wi­der­te ich und dreh­te mich zur Wand.

Als der Schlaf mich ge­ra­de über­kom­men woll­te, spür­te ich, wie sei­ne Hän­de un­ter mein Ober­teil wan­der­ten. Ich re­agier­te in­stink­tiv dar­auf, ich konn­te nicht an­ders, als sei­ne Lieb­ko­sun­gen zu ge­nie­ßen, und ver­such­te trotz­dem, ihn weg­zu­schie­ben. Hat­te er nicht ge­sagt, er sei mü­de?

War­um hat­te er mich ge­be­ten, das Licht aus­zu­knip­sen, wenn er ei­gent­lich dar­auf aus war?

Die Hän­de ver­schwan­den wie­der, aber sein Atem klang im­mer noch leicht. Dann räus­per­te er sich, als bren­ne ihm et­was auf der See­le. „Hast du … den Tag gut über­stan­den?“

„Wie meinst du das?“

„Du hast ver­ges­sen, wel­ches Da­tum wir ha­ben.“

„Nein, das ha­be ich nicht ver­ges­sen.“

Ich sag­te nicht, dass ich ge­hofft hat­te, er hät­te es ver­ges­sen, weil ich ein sol­ches Ge­spräch ver­mei­den woll­te.

Er strich mir übers Haar, jetzt be­hut­sam, nicht mehr wie ein An­nä­he­rungs­ver­such. „Ist denn al­les in Ord­nung?“

„Ja, es wird je­des Jahr ein biss­chen leich­ter“, ant­wor­te­te ich, weil er das si­cher hö­ren woll­te.

„Gut.“

Er fuhr noch ein­mal mit der Hand über mein Haar, dann zog er sie un­ter sei­ne ei­ge­ne De­cke zu­rück.

Die Ma­trat­ze wog­te leicht, als er sich dreh­te, viel­leicht auf den Bauch, so schlief er am liebs­ten. Dann mur­mel­te er noch ein­mal gu­te Nacht, es klang, als hät­te er sein Ge­sicht von mir ab­ge­wandt. Kurz dar­auf schlief er tief und fest.

Ich aber blieb wach. Fünf Jah­re. Fünf Jah­re war es her, dass mei­ne Mut­ter uns ver­las­sen hat­te.

Nein, sie hat­te uns nicht ver­las­sen. Sie war weg­ge­schickt wor­den.

Mein Va­ter starb, als ich neun­zehn war. Er war nur knapp über fünf­zig ge­we­sen, sein Kör­per je­doch viel äl­ter. Schul­tern, Rü­cken, Ge­len­ke, al­les war von der jah­re­lan­gen Ar­beit in den Bäu­men zer­schlis­sen ge­we­sen. Mit je­dem Tag hat­te er sich schwer­fäl­li­ger be­wegt. Viel­leicht zir­ku­lier­te auch sein Blut schlech­ter, denn als er ei­nes Ta­ges ei­nen Split­ter in der Hand hat­te, woll­te die Wun­de nicht mehr hei­len.

Er hat­te zu lange da­mit ge­war­tet, Hil­fe in An­spruch zu neh­men, was ty­pisch für ihn war.

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