Ab­stieg ei­nes Stahl­rie­sen

Seit dem Start des Dax 1988 ge­hör­te Thys­sen­krupp über sei­ne Vor­gän­ger­fir­ma Thys­sen da­zu. Am Mitt­woch droht der Raus­wurf.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - WIRTSCHAFT - VON REIN­HARD KOWALEWSKY

Der er­neu­te Na­cken­schlag kommt mit An­sa­ge. Am Mitt­woch wird die Deut­sche Bör­se vor­aus­sicht­lich ent­schei­den, dass Thys­sen­krupp den Bör­sen­in­dex Dax der 30 wich­tigs­ten deut­schen Ak­ti­en­ge­sell­schaf­ten ver­las­sen muss. Der ent­schei­den­de Grund: Der Bör­sen­wert des Stahl­rie­sen hat sich im letz­ten Jahr mehr als hal­biert. Vor acht Jah­ren lag der Kurs noch bei 32 Eu­ro, vor ei­nem Jahr bei 22 Eu­ro, jetzt bei elf Eu­ro.

Eu­ro­pas größter Stahl­kon­zern bringt es nur noch auf ei­ne Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung von 6,9 Mil­li­ar­den Eu­ro, wohl zu we­nig, um den Platz in der ers­ten Eta­ge der Bör­sen­welt zu ver­tei­di­gen, nach­dem der Kon­zern über sein Vor­gän­ger­un­ter­neh­men Thys­sen seit Grün­dung des Dax 1988 im In­dex ver­tre­ten war.

Künf­tig wür­de sich Thys­sen­krupp im M-dax wie­der­fin­den, in dem 50 Un­ter­neh­men der zwei­ten Bör­sen­li­ga no­tiert sind. Die Ent­wick­lung zei­ge den Be­deu­tungs­ver­lust ei­ner In­dus­trie-iko­ne, sagt Tho­mas Hecht­fi­scher, Ge­schäfts­füh­rer der Deut­schen Schutz­ver­ei­ni­gung für Wert­pa­pier­be­sitz (DSW). „Die tra­di­tio­nel­le In­dus­trie fällt in der Be­wer­tung zu­rück“, sagt NRW-WIRT­schafts­mi­nis­ter Andre­as Pink­wart (FDP). Al­te Bran­chen wür­den schwä­cher ein­ge­stuft, neue di­gi­ta­le Un­ter­neh­men wür­den an der Bör­se auf­stei­gen, jetzt hofft er auf bes­se­re Zei­ten bei Thys­sen.

„NRW droht der in­dus­trie­po­li­ti­sche Ab­stieg“, sagt Tho­mas Kut­scha­ty, in Es­sen le­ben­der Spd-frak­ti­ons­chef im Land­tag. „Wenn in gu­ten Zei­ten Ar­beits­plät­ze ver­lo­ren ge­hen, was pas­siert dann in ei­ner Re­zes­si­on?“

Auch Es­sens Ober­bür­ger­meis­ter Tho­mas Ku­fen (CDU) ist alar­miert: Die Ab­wer­tung sei „ein deut­li­ches Si­gnal, das Un­ter­neh­men schnellst­mög­lich wie­der auf Kurs zu brin­gen“, sagt er. Das sei ent­schei­dend für „die Zu­kunft des Un­ter­neh­mens und den lang­fris­ti­gen Er­halt der Ar­beits­plät­ze“. Da­bei macht In­go Speich von der Fonds­ge­sell­schaft De­ka auf die Schwä­che von Thys­sen­krupp auf­merk­sam: Der Um­bau kä­me nach ei­ner Rei­he von Rück­schlä­gen wie dem Schei­tern der Stahl­fu­si­on mit Ta­ta oder den mil­li­ar­den­schwe­ren Ver­lus­ten mit In­ves­ti­tio­nen in Bra­si­li­en und den USA „nicht schnell ge­nug vor­an“. Speich: „Das ope­ra­ti­ve Ge­schäft ist zu schwach, das Ge­schäfts­mo­dell nicht pro­fi­ta­bel ge­nug. Die Schul­den sind zu hoch, der Cash­flow zu nied­rig. Wich­ti­ge An­le­ger­grup­pen ha­ben das Ver­trau­en ver­lo­ren.“Er er­gänzt: „Thys­sen­krupp hat für NRW und das Ruhr­ge­biet ei­ne ho­he sym­bo­li­sche Be­deu­tung. Da ist der Dax-ab­stieg um­so schmerz­li­cher.“

Al­ler­dings sind wei­te­re Rück­schlä­ge zu be­fürch­ten: Wenn Thys­sen­krupp den Dax ver­lässt, droht ei­ne Ver­kaufs­wel­le von In­dex­fonds (ETFS), die Ak­ti­en nur we­gen ih­rer Prä­senz in ei­nem wich­ti­gen In­dex hal­ten – und da sind Pa­pie­re aus dem Dax 30 viel stär­ker ge­fragt als Pa­pie­re aus dem we­ni­ger pro­mi­nen­ten M-dax. Zwei­tens ha­ben die Ra­ting­agen­tu­ren Moo­dy’s und Stan­dard & Poor’s Thys­sen­krupps Kre­dit­wür­dig­keit be­reits we­gen der auf 5,1 Mil­li­ar­den Eu­ro ge­stie­ge­nen Schul­den her­ab­ge­stuft. Kommt die Sa­nie­rung nicht vor­an, dro­hen wei­te­re Ab­stu­fun­gen. „Ei­ne er­neu­te Ab­wer­tung durch die Ra­ting-agen­tu­ren wür­de die Fi­nan­zie­rungs­kos­ten wei­ter er­hö­hen und wä­re An­lass zur Sor­ge“, sagt De­ka-ex­per­te Speich.

Auch Vor­stands­chef Gui­do Kerk­hoff sieht den Ernst der La­ge. Der Ge­winn im drit­ten Quar­tal des bis En­de Sep­tem­ber lau­fen­den Ge­schäfts­jah­res ging so stark zu­rück, dass er zum vier­ten Mal die Pro­gno­se nach un­ten kor­ri­gie­ren muss­te. Statt bis­her bis zu 1,2 Mil­li­ar­den Eu­ro an ope­ra­ti­vem Ge­winn er­war­ten die Es­se­ner nur noch 800 Mil­lio­nen Eu­ro. Kerk­hoff sagt, man kön­ne „ins­ge­samt nicht zu­frie­den sein“.

Mit ei­ner Dop­pel­stra­te­gie will er die Wen­de schaf­fen: Ers­tens hat er ei­ne Rei­he klei­ne­rer Ge­schäfts­be­rei­che zur Dis­po­si­ti­on ge­stellt, die nicht ge­nug Ge­winn ab­wer­fen oder nur Geld kos­ten. Min­des­tens 6000 der 160.000 Stel­len sol­len ge­stri­chen wer­den, vi­el­leicht fu­sio­niert der Stahl­han­del mit Klö­co in Duis­burg.

Zwei­tens will Kerk­hoff die Auf­zug­s­par­te als ein­zig wirk­lich pro­fi­ta­blen Be­reich des Kon­zerns an die Bör­se brin­gen oder an In­ves­to­ren ver­kau­fen. Dsw-ge­schäfts­füh­rer Hecht­fi­scher hiel­te es für deut­lich klü­ger, die Auf­zug­s­par­te an die Bör­se zu brin­gen und ei­nen Teil zu be­hal­ten statt al­les ab­zu­ge­ben. So kön­ne Thys­sen­krupp von ei­ner po­si­ti­ven Ent­wick­lung des Ab­le­gers pro­fi­tie­ren. Der Clou da­bei, so Hecht­fi­scher: Es könn­te sein, dass die Auf­zug­s­par­te ei­nen so ho­hen Bör­sen­wert be­kä­me, dass sie in den Dax 30 auf­steigt, wäh­rend der Mut­ter­kon­zern im M-dax bleibt.

Vor ei­nem blin­den Aus­ver­kauf warnt auch De­ka-ma­na­ger Speich: „Wenn die Auf­zug­s­par­te den Kon­zern ver­lässt, bringt das nur dann ei­ne wirk­li­che Hoff­nung, wenn at­trak­ti­ve neue Ge­schäf­te hin­zu ge­kauft wer­den. Wenn da­ge­gen nur ein wich­ti­ger Er­trags­brin­ger den Kon­zern ver­lässt, oh­ne dass neue Ak­ti­vi­tä­ten auf­ge­baut wer­den, droht ein wei­te­rer Ab­stieg.“

FO­TO: DPA

Thys­sen­krupp Stahl­werk in Schwel­gern.

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