„Nichts Per­fek­tes, aber viel Re­bel­li­on“

Der Re­gis­seur in­sze­niert zur Er­öff­nung der Ju­bi­lä­ums­spiel­zeit am Schau­spiel­haus „Dan­tons Tod“von Ge­org Büch­ner.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - DÜSSELDORF­ER KULTUR - DO­RO­THEE KRINGS FÜHR­TE DAS IN­TER­VIEW.

Als vor knapp 50 Jah­ren das neue Haus des Düs­sel­dor­fer Schau­spiel­hau­ses am Gründ­gens-platz er­öff­net wur­de, gab es drau­ßen lau­te Bür­ger-pro­tes­te und drin­nen ein Re­vo­lu­ti­ons­dra­ma: Büch­ners „Dan­tons Tod“. Zum Auf­takt der Ju­bi­lä­ums­spiel­zeit steht das Stück er­neut auf dem Pro­gramm. Re­gie führt der frü­he­re Stutt­gar­ter In­ten­dant Ar­min Petras.

Was reizt Sie an Büch­ners Re­vo­lu­ti­ons­dra­ma?

PETRAS Ich ha­be schon zwei­mal mit gro­ßer Freu­de in Düs­sel­dorf in­sze­niert. Nun wol­len wir ei­ne Koh­le mehr in den Ofen schie­ben, et­was Gro­ßes, Ge­wich­ti­ges auf die Büh­ne brin­gen. Zur Wie­der­er­öff­nung des Hau­ses am Gründ­gens­platz lag es auf der Hand, wie­der „Dan­ton“zu ma­chen, zu­mal das Stück gera­de we­nig ge­spielt wird. Da­bei gibt es in der Ge­gen­wart ei­ni­ge Be­we­gun­gen, die ver­su­chen, Ve­rän­de­run­gen in un­se­rer Ge­sell­schaft und in der Welt auf re­vo­lu­tio­nä­re Wei­se fort­zu­füh­ren. Der Stoff ist al­so höchst ak­tu­ell.

Ist es Eh­re oder Bür­de, 50 Jah­re nach der Wie­der­öff­nung nun wie­der mit Büch­ner an­zu­tre­ten? PETRAS Es ist her­aus­for­dernd und freu­dig, bei­des.

Vor 50 Jah­ren de­mons­trier­ten Bür­ger ge­gen den Thea­ter­bau, weil sie ihn für zu teu­er hiel­ten und sich we­gen der vie­len Eh­ren­gäs­te am Er­öff­nungs­abend aus­ge­schlos­sen fühl­ten. Wird das in Ih­rer In­sze­nie­rung ei­ne Rol­le spie­len.

PETRAS Nein. Der In­halt die­ses Stof­fes ist so be­deu­tend, dass es nicht um sol­che lo­ka­len Er­eig­nis­se ge­hen soll­te, ob­wohl wir bei der Vor­be­rei­tung na­tür­lich über In­ter­pre­ta­tio­nen aus der Thea­ter­ge­schich­te spre­chen. Mich in­ter­es­siert, was wir mit die­sem Stoff heu­te er­zäh­len wol­len und in wel­cher Zeit wir ei­gent­lich le­ben.

Was wol­len Sie denn er­zäh­len? PETRAS Im Kern geht es bei Büch­ners Aus­ein­an­der­set­zung mit der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on um ei­ne Grup­pe jün­ge­rer Men­schen, die ver­sucht ha­ben, ei­ne Ge­sell­schaft kom­plett zu ver­än­dern. Die Fran­zö­si­sche Re­vo­lu­ti­on ist ja das Vor­bild, das Ro­le Mo­del al­ler Re­vo­lu­tio­nen da­nach. Büch­ner ana­ly­siert in wun­der­schö­ner, poe­ti­scher Form die Ele­men­te von Re­vo­lu­tio­nen. Al­ler­dings gibt es heu­te neue Ele­men­te, die bei ihm noch nicht vor­kom­men, die ver­su­chen wir hin­zu­zu­fü­gen.

Was fehlt denn bei Büch­ner? PETRAS Zum Bei­spiel The­men wie Ras­sis­mus oder Fe­mi­nis­mus, die heu­te für schar­fe ge­sell­schaft­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen sor­gen, bei Büch­ner aber noch kei­ne Rol­le spie­len. Ob­wohl es schon zu sei­ner Zeit fe­mi­nis­ti­sche Tex­te gab, et­wa von Olym­pe de Gouges, die für ih­re Ge­dan­ken hin­ge­rich­tet wur­de. Wir ver­su­chen an ein paar Stel­len vor­sich­tig die re­vo­lu­tio­nä­ren Be­we­gun­gen zu ver­brei­tern und Spu­ren in das Heu­te zu zei­gen.

Bei Büch­ner geht es ja auch um die Fra­ge, wie wehr­haft Frei­heits­rech­te sind. Die Fi­gu­ren set­zen auch auf Ge­walt, weil sie das Er­kämpf­te nicht wie­der ver­lie­ren wol­len. PETRAS Ja, Büch­ner hat das Dra­ma wäh­rend der Flucht aus Deutsch­land ge­schrie­ben. Er hat­te ei­ne re­vo­lu­tio­nä­re Kampf­schrift ver­fasst, den Hes­si­schen Land­bo­ten, Freun­de von ihm sind da­für ins Ge­fäng­nis ge­gan­gen, so­gar in der Haft ge­stor­ben. Büch­ner schreibt dar­über, wie lan­ge ei­ne re­vo­lu­tio­nä­re Be­we­gung mensch­lich ver­tret­bar ist, ab wann sie zu ei­nem Selbst­läu­fer wird. Das hat auch mit mei­ner Bio­gra­fie zu tun. Ich bin in der DDR in ei­ner sehr sanf­ten Spät­form des Sta­li­nis­mus auf­ge­wach­sen. Da wur­de mir auch er­zählt, dass vie­les so zu sein hat, weil der Mar­xis­mus die Wahr­heit ist. Pa­ro­len wa­ren wich­ti­ger als die Rea­li­tät.

Wo zie­hen Sie die Gren­ze zwi­schen le­gi­ti­mer und nicht mehr ver­tret­ba­rer Re­vo­lu­ti­on?

PETRAS Ich möch­te dar­auf als Pri­vat­mensch kei­ne Ant­wort ge­ben. Je­der muss sich je­den Mor­gen fra­gen, ob er noch auf der rich­ti­gen Sei­te steht. Es gibt ja De­bat­ten, die die Welt ver­än­dern. Die Gen­der­de­bat­te zum Bei­spiel. Wo steh ich da als äl­te­rer wei­ßer Mann? Wo bin ich plötz­lich nicht mehr re­vo­lu­tio­när, son­dern vi­el­leicht kon­ter­re­vo­lu­tio­när? Das sind span­nen­de Fra­ge, die ich mir pri­vat stel­le und die wir bei der Ar­beit an der In­sze­nie­rung ge­stellt ha­ben. Auch die Fra­ge: Wie viel Angst macht mit die­ser Wan­del?

PETRAS Na­tür­lich! Wir ha­ben zum Bei­spiel ei­nen äl­te­ren wei­ßen Mann als Dan­ton und ei­ne jun­ge Frau als Ro­bes­pierre be­setzt. Das al­lein wird Fra­gen auf­wer­fen.

Bei den Land­tags­wah­len im Os­ten hat die AFD gera­de gro­ße Zu­wäch­se be­kom­men. Hat das mit der Angst vor dem Wan­del zu tun?

PETRAS Ich glau­be schon. Vie­le Men­schen fürch­ten um ih­re kul­tu­rel­le Iden­ti­tät. Doch die­se Ängs­te sind vie­le Jah­re über­hört und we­g­er­klärt wor­den. Das schlägt sich nun in Wah­l­er­geb­nis­sen nie­der. Das zwingt die Ge­sell­schaft, end­lich auf die­se Ängs­te zu re­agie­ren.

Wie?

PETRAS Ich kann da kei­ne Tipps ge­ben, sonst wä­re ich Po­li­ti­ker ge­wor­den und nicht zum Thea­ter ge­gan­gen.

Was er­war­tet die Zu­schau­er äs­the­tisch in Ih­rer In­sze­nie­rung?

PETRAS Ei­ne gro­ße Per­so­na­ge mit 20 Schau­spie­lern, da­von zahl­rei­che jun­ge Darstel­ler, teils noch Stu­den­ten am Mo­zar­te­um in Salzburg. Die­se jun­gen Leu­te sind vi­el­leicht als Schau­spie­ler noch nicht ganz aus­ge­reift, aber sie sind kör­per­lich und sprach­lich sehr en­ga­giert. Man wird in mei­ner In­sze­nie­rung nichts Per­fek­tes se­hen, aber man wird sehr viel Wol­len, Drän­gen und Re­bel­li­on er­le­ben.

FO­TO: THO­MAS RABSCH

Re­gis­seur Ar­min Petras (r.) mit Wolf­gang Micha­lek bei den Pro­ben zu Büch­ners „Dan­tons Tod“am Düs­sel­dor­fer Schau­spiel­haus.

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