Der Spät­herbst ist die idea­le Zeit

Ober­halb der steil auf­ra­gend en­gen Fels­wän­de wan­dern Ein­stei­ger und Ge­nuss­wan­de­rer auf dem Rot­wein­wan­der­weg in­mit­ten von ma­le­ri­schen Wein­land­schaf­ten und ei­ner be­weg­ten Ver­gan­gen­heit.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - RHEINLAND-PFALZ - VON GERD KRAUSKOPF

Tief at­me ich die fri­sche, wür­zi­ge Luft an die­sem frü­hen Herbst­mor­gen auf der Ahr­brü­cke in Al­te­n­ahr ein. Un­ter mir plät­schert das glas­kla­re Was­ser, aus dem noch Ne­bel­schwa­den die stei­len, be­wal­de­ten Fel­sen­hän­ge hin­auf­stei­gen. Die Son­ne hat sich noch nicht durch­ge­setzt, schielt ab und an zwin­kernd durch die Schwa­den und gibt die Sicht zur gut 100 Me­ter ho­hen Burg­rui­ne Are ge­ra­de für ei­nen kur­zen Blick frei. Ich schul­te­re mei­nen Ta­ges­ruck­sack, spa­zie­re durch die en­ge Haupt­stra­ße des klei­nen Fach­werk­städt­chens und wer­fe hier und da ei­nen Blick in ge­müt­li­che Gast­häu­ser und uri­ge Wein­stu­ben. Mein Ziel ist je­doch der Rot­wein­wan­der­weg, der von hier gu­te 35 Ki­lo­me­ter – im­mer dem Wan­der­zei­chen der ro­ten Trau­be nach – bis nach Bo­den­dorf durch die Wein­ber­ge führt.

Vor­ge­nom­men ha­be ich mir da­von die Stre­cke bis nach Ahr­wei­ler, gu­te fünf St­un­den sind da­für ein­kal­ku­liert. Jetzt heißt es aber erst ein­mal, die gu­ten 100 Me­ter hoch hin­auf zur Burg­rui­ne Are zu stei­gen, der steils­te Teil der Ta­ges­etap­pe. Oben an­ge­kom­men, schnap­pe ich nach Luft, da ich mit of­fe­nem Mund die stei­len Win­dun­gen hoch­ge­he­chelt bin. Be­lohnt wer­de ich da­für mit ei­ner gran­dio­sen Aus­sicht auf acht Ahr-win­dun­gen. In der Zwi­schen­zeit hat die Son­ne die Ober­hand ge­won­nen und die steil ab­fal­len­den Wein­ber­ge mit leuch­tend gel­bem und ro­ten Laub bis hin­un­ter zur Ahr frei­ge­ge­ben.

Die Ahr ent­springt nur gu­te 40 Ki­lo­me­ter ober­halb von Al­te­n­ahr im Kel­ler ei­nes Fach­werk­hau­ses im Luft­kur­ort Blan­ken­heim. Fließt von dort durch sanf­te Hü­gel­ket­ten – ein­ge­rahmt von wei­ten Wie­sen­flä­chen un­weit der welt­be­kann­ten Renn­stre­cke des Nür­burg­rings – und drängt sich hier im mitt­le­ren Teil ih­res nur 100 Ki­lo­me­ter lan­gen Le­bens durch zer­klüf­te­te, en­ge ho­he Fels­wän­de. Un­ter­halb von Bad Neue­nahr/ahr­wei­ler – nicht ganz ei­ne Au­to­stun­de von Bonn ent­fernt – wird das Tal wie­der brei­ter, und das glas­kla­re Was­ser er­gießt sich bei Sin­zig in den Rhein.

Wie­der fit, ver­las­se ich zü­gig die denk­mal­ge­schütz­te Rui­ne und er­bli­cke nach gut ei­ner St­un­de tief un­ten – fast im­mer be­glei­tet von der dort un­ten flie­ßen­den Ahr – den Ort May­schoß in ei­ner gro­ßen Tal­sen­ke. Im Jahr 1868 ha­ben sich dort 22 Win­zer zu­sam­men­ge­schlos­sen, um ge­mein­sam ih­ren Wein bes­ser ver­kau­fen zu kön­nen. So war die ers­te Win­zer­ge­nos­sen­schaft Deutsch­lands mit ih­rem be­rühm­ten Wein­kel­ler ge­bo­ren. Ein­ge­rahmt ist May­schoß von rie­si­gen Wein­ber­gen, de­ren Blät­ter wie hier übe­r­all bei stahl­blau­em Him­mel kurz nach der Wein­ern­te ein ful­mi­nan­tes Feu­er­werk in Gelb-, Braun- und Rot­tö­nen ab­ge­ben.

In wei­tem Bo­gen las­se ich May­schoß hin­ter mir, wo­bei mich die Mu­sik ei­nes der letz­ten Wein­fes­te des viel­be­such­ten Wein­or­tes Wo­chen nach der Wein­le­se hier oben noch lan­ge be­glei­tet. In Hö­he der auf der an­de­ren Ahr­sei­te lie­gen­den Burg­rui­ne Saf­fen­burg wird der im­mer gut aus­ge­bau­te Wan­der- und Wirt­schafts­weg plötz­lich für ei­ne kur­ze Wegstre­cke eng. Stei­le Trep­pen und Fels­stie­gen – so wie der an­spruchs­vol­le „Ahrs­teig“hier ge­gen­über – sind an ei­ner bi­zar­ren Fel­spar­tie mit ei­nem Hand­lauf ge­si­chert, der un­si­che­re oder wein­se­li­ge Wan­de­rer vor dem Ab­stür­zen si­chern soll. Gott sei Dank ist jetzt auch der größ­te Tru­bel hier oben auf dem Wan­der­weg vor­bei, und die Wein­stän­de am We­ges­rand sind ver­schwun­den.

Ha­ben die Win­zer bis hier­hin in wirk­lich mü­he­vol­ler Ar­beit die zer­klüf­te­ten, steil ab­fal­len­den Wein­ber­ge be­ar­bei­tet, so war­ten hier jetzt Steilst­la­gen mit klei­nen Ter­ras­sen, die von Tro­cken­stein­mau­ern ge­hal­ten wer­den. Hier müs­sen die Win­zer berg­stei­ge­ri­sche Fä­hig­kei­ten be­sit­zen. Da­für er­hal­ten sie spä­ter ei­nen Wein, der ei­nen un­ver­wech­sel­ba­ren Cha­rak­ter be­sitzt.

Nicht um­sonst ist in den letz­ten drei Jahr­zehn­ten der Rot­wein von hier ge­adelt wor­den und weit über deut­sche Gren­zen hin­aus be­gehrt, gar zu ei­nem Li­fe­style-pro­dukt ge­wor­den.

Das ist auch ein Ver­dienst von Julia Bal­tes, ge­bo­re­ne Ber­tram, die zur er­folg­rei­chen, gut aus­ge­bil­de­ten jun­gen Win­zer­ge­ne­ra­ti­on ge­hört. Die Deut­sche Wein­kö­ni­gin des Jah­res 2013 hat be­reits mit 22 Jah­ren deut­schen Wein im In- und Aus­land prä­sen­tiert. Sie tref­fe ich im Wein­berg hoch über Dernau. Mit wa­chen Au­gen er­zählt die rot­haa­ri­ge Win­ze­rin in läs­si­gem wei­ßen T-shirt und en­ger Je­ans, dass sie das Rad nicht neu er­fin­den will, son­dern mit viel Know-how die tra­di­tio­nel­len Er­fah­run­gen der al­ten Ge­ne­ra­ti­on nutzt. Und das be­reits in der fünf­ten Ge­ne­ra­ti­on ih­rer Fa­mi­lie. 2017 hat sie sich bei der Über­nah­me des el­ter­li­chen Be­trie­bes spe­zia­li­siert auf lang­le­bi­ge Bur­gun­der­wei­ne und 2019 ih­ren Be­trieb auf öko­lo­gi­schen Wein­bau um­ge­stellt. Ih­ren Spät­bur­gun­der vom Dernau­er Pfarrwin­gert, ei­ne der bes­ten La­gen des Ahr­tals, ver­kauft sie bis nach Ja­pan.

Ger­ne wird aber auch im Ahr­tal mal ei­ne Fla­sche Sekt nach Champagner-art ge­köpft. Ei­nen sol­chen Champagner-zwil­ling stellt Chris­tof Kört­gen in sei­nem Ge­wöl­be­kel­ler mit viel Lie­be her und ver­kauft die fruch­tig und fein pri­ckeln­de Fül­le aus­schließ­lich in sei­nem lie­be­voll re­stau­rier­ten Her­ren­haus mit In­nen­gas­tro­no­mie und dem In­nen­hof mit der schat­ten­spen­den­den Kas­ta­nie in Ahr­wei­ler.

An­ge­kom­men bin ich mitt­ler­wei­le hoch über Ahr­wei­ler. Hier war­tet „Lot­ta, die Wein­berg­schne­cke“auf mich. Un­ter die­sem Mot­to führt Gäs­te­füh­re­rin Christine Näg­ler Kin­der auf ei­nem drei Ki­lo­me­ter lan­gen Rund­weg und er­klärt ih­nen mit Hil­fe von ver­schie­de­nen Rät­seln und Schau­ta­feln Span­nen­des über Fau­na und Flo­ra des Ahr­tals.

Nur ei­nen klei­nen Fuß­marsch wei­ter be­kommt das Ahr­tal me­di­ter­ra­nen Cha­rak­ter. Hier ha­ben der Win­zer Micha­el Krie­chel und Sch­wa­ger

Oliver Hei­mer­mann vor fünf Jah­ren klei­ne Oli­ven­bäum­chen in ge­schütz­ter La­ge ge­pflanzt und be­reits im ver­gan­ge­nen Jahr ei­ne Hand­voll Oli­ven ge­ern­tet. Vol­ler Stolz er­zäh­len sie, dass sie ein­mal den Wunsch he­gen, ih­ren Gäs­ten bei der Wein­ver­kos­tung mit­ten in den Wein­ber­gen ih­re ei­ge­nen Ahr­tal-oli­ven rei­chen zu kön­nen.

Von hier oben ist es nicht mehr weit bis zum ehe­ma­li­gen ge­heims­ten Bau­wer­kes West­deutsch­lands, dem Atom­bun­ker der Bun­des­re­gie­rung. Dort hin­ter den atom­bom­ben­si­che­ren To­ren – ei­nem Tun­nel­ge­flecht ei­ner 1910 be­gon­ne­nen und nie voll­ende­ten Ei­sen­bahn­li­nie – emp­fängt mich

Manfred Lin­den vom Hei­mat­ver­ein „Alt-ahr­wei­ler e.v.“. In den 1930er Jah­ren wur­den hier, wo ein­mal Zü­ge ver­keh­ren soll­ten, Cham­pi­gnons ge­züch­tet, und Kz-häft­lin­ge schuf­te­ten sich im Drit­ten Reich in den Röh­ren zu To­de. Letzt­end­lich wur­den zwei Tun­nel­stü­cke als Aus­weich­sitz der deut­schen Re­gie­rung atom­si­cher aus­ge­baut und bis ins Jahr 1971 be­trie­ben. Vom spä­te­ren Rück­bau des Bun­kers mit einst­mals 897 Bü­ros und 923 Schlaf­räu­men sind ge­ra­de mal gu­te 200 Me­ter als Mu­se­um am We­ges­rand des Rot­wein­wan­der­we­ges üb­rig ge­blie­ben. Für 30 Ta­ge wa­ren die fünf Bun­ker­tei­le im Ernst­fall ein­mal vor­ge­se­hen.

FO­TOS (2): GERD KRAUSKOPF

Die Burg Are liegt ober­halb der Ge­mein­de Al­te­n­ahr in Rhein­land-pfalz. Wer auf dem 35 Ki­lo­me­ter lan­gen Rot­wein­wan­der­weg wan­dert, kann sie un­ter­wegs be­wun­dern.

Steil ab­fal­len­de Wein­ber­ge mit leuch­ten­dem Laub: Den Au­gen wird ei­ni­ges ge­bo­ten.

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