Die Ge­schich­te der Bie­nen

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - UNTERHALTU­NG - von Ma­ja Lun­de

Ro­man Fol­ge 30

Bei uns war Em­ma für den Kaf­fee zu­stän­dig, und sie be­vor­zug­te das ge­frier­ge­trock­ne­te Pul­ver. In letz­ter Zeit hat­te sie auch ei­nen Misch­masch aus­pro­biert, der schon mit Milch­pul­ver und Zu­cker ver­setzt war, aber ich selbst blieb lie­ber beim schwar­zen.

„Wuss­tet ihr, dass die äl­tes­te Er­wäh­nung des Kaf­fees ei­ne Ge­schich­te aus Äthio­pi­en vor fünf­zehn­hun­dert Jah­ren ist?“, frag­te Rick.

„Nein. Was du nicht sagst“, ant­wor­te­te Jim­my.

„Doch. Sie han­delt vom Zie­gen­hir­ten Kal­di. Ei­nes Tages hat der ent­deckt, dass sich sei­ne Zie­gen merk­wür­dig be­neh­men, wenn sie ro­te Bee­ren ge­ges­sen hat­ten. Sie konn­ten nicht mehr schla­fen. Das hat er ei­nem Mönch er­zählt.“

„Gab es in Äthio­pi­en vor fünf­zehn­hun­dert Jah­ren wirk­lich Mön­che?“, frag­te ich.

„Ja…“

Er sah mich ir­ri­tiert an, sein Blick fla­cker­te leicht. Jim­my mach­te ei­ne be­schwich­ti­gen­de Hand­be­we­gung. „Na­tür­lich gab es dort Mön­che.“„Das wa­ren doch wohl kei­ne Chris­ten? Ich mei­ne, Äthio­pi­en, ist das nicht in Afri­ka, und zu der Zeit…?“

„Egal. Je­den­falls wur­de das In­ter­es­se des Mönchs ge­weckt. Dem fiel es näm­lich schwer, beim Be­ten nicht ein­zu­schla­fen. Al­so goss er ver­suchs­wei­se hei­ßes Was­ser über die Bee­ren und trank es. Voi­là! Da ha­ben wir den Kaf­fee.“

Jim­my nick­te ver­gnügt. Rick hat­te sich in­for­miert, dem Kaf­fee sei Dank.

Wir tran­ken aus. Im Früh­lings­wind kühl­te der Kaf­fee schnell ab, und der letz­te Schluck war lau­warm und bit­ter. Dann gin­gen wir zu un­se­ren Au­tos, um die Bie­nen­stö­cke an

zu­steu­ern.

Erst als ich die Hand aufs Lenk­rad leg­te, merk­te ich, wie sehr ich schwitz­te. Ich rutsch­te am Le­der ab und muss­te die Hand an mei­ner Ar­beits­ho­se ab­wi­schen, um es rich­tig grei­fen zu kön­nen, und auch mein Pull­over kleb­te am Rü­cken. Ich wuss­te nicht, was auf mich zu­kam. Ich hat­te Angst.

Wir muss­ten nur ein paar hun­dert Me­ter über ei­nen holp­ri­gen Feld­weg fah­ren, das Au­to schau­kel­te im Takt mit mei­nen zit­tern­den Hän­den, dann wa­ren wir an der Wie­se am Ala­bast Ri­ver an­ge­langt.

Ich stieg aus und ver­schränk­te die Hän­de hin­ter dem Rü­cken, um mein Zit­tern zu ver­ber­gen.

Rick stand schon be­reit und trip­pel­te auf der Stel­le. Er woll­te los­le­gen.

Dann stieg auch Jim­my aus sei­nem Au­to. Er streck­te die Na­se in die Luft und schnup­per­te.

„Wie warm ist es ei­gent­lich?“Er schloss die Au­gen und sah aus, als woll­te er sich am liebs­ten kei­nen Mil­li­me­ter be­we­gen und schon gar nicht mit der Ar­beit an­fan­gen.

„Warm ge­nug.“Ich be­gab mich so­fort zu den Ma­ga­zin­beu­ten. Es war wich­tig, mit gu­tem Bei­spiel vor­an­zu­ge­hen.

„Wir kön­nen so­fort an­fan­gen.“Ich kon­trol­lier­te das Flug­brett des ers­ten Bie­nen­stocks, ei­ner pis­ta­zi­en­far­be­nen Beu­te, de­ren An­strich sich mit dem un­ter ihr aus dem Bo­den sprie­ßen­den Gras biss. Es war vol­ler Bie­nen, ganz wie es sein soll­te. Ich hob den De­ckel ab und rech­ne­te mit dem Schlimms­ten, aber auch drin­nen war al­les in bes­ter Ord­nung. Die Kö­ni­gin war nicht zu se­hen, doch wa­ren reich­lich Eier und Brut in al­len Sta­di­en vor­han­den, sechs Rah­men voll. Die­ser Bie­nen­stock konn­te so ste­hen blei­ben, wie er war, hier herrsch­te ge­nug Le­ben, er muss­te nicht mit ei­nem an­de­ren zu­sam­men­ge­legt wer­den.

Ich dreh­te mich zu Jim­my um. Er nick­te zu dem Stock, den er ge­öff­net hat­te.

„Hier ist al­les gut.“

„Hier auch“, rief Rick. Wir ar­bei­te­ten wei­ter.

Wäh­rend die Son­ne brann­te und wir Bie­nen­stock für Bie­nen­stock öff­ne­ten und kon­trol­lier­ten, spür­te ich, wie mei­ne Hän­de tro­cken und warm wur­den, und auch mein Hemd lös­te sich wie­der vom Rü­cken. Na­tür­lich gab es an ei­ni­gen Stel­len Pro­ble­me. Ei­ni­ge Bie­nen­völ­ker muss­ten zu­sam­men­ge­legt wer­den, und in man­chen Beu­ten konn­ten wir kei­ne Kö­ni­gin fin­den. Doch das war al­les im nor­ma­len Be­reich. Es schien, als wä­re der Win­ter nett zu den Bie­nen ge­we­sen und als wä­re der Gestank des Mas­sen­ster­bens im Sü­den nicht bis zu uns her­über­ge­weht. War­um auch. Sie wur­den gut ge­pflegt. Es fehl­te ih­nen an nichts.

Wir ka­men zur Mit­tags­pau­se zu­sam­men, hock­ten uns auf die knir­schen­den Cam­ping­s­tüh­le und aßen in der Son­ne un­se­re auf­ge­weich­ten Sand­wi­ches. Aus ir­gend­ei­nem Grund schwie­gen wir an­däch­tig, bis Rick ir­gend­wann nicht mehr an sich hal­ten konn­te.

„Kennt ihr ei­gent­lich die Ge­schich­te von Cu­pi­do und den Bie­nen?“

Kei­ner ant­wor­te­te. Noch ei­ne Ge­schich­te. Ich hat­te nicht das Ge­fühl, sie mir auch noch an­hö­ren zu müs­sen.

„Kennt ihr sie?“, frag­te er noch ein­mal.

„Nein“, ant­wor­te­te ich. „Du weißt ge­nau, dass wir die Ge­schich­te von Cu­pi­do und den Bie­nen noch nicht ken­nen.“ Jim­my grins­te.

„Cu­pi­do war ei­ne Art Lie­bes­gott“, er­klär­te Rick. „Bei den al­ten Rö­mern.“

„Der mit den Pfei­len“, sag­te ich. „Ja, ge­nau der. Der Sohn von Ve­nus. Er sah aus wie ein Rie­sen­ba­by und lief mit Pfeil und Bo­gen durch die Ge­gend. Wenn sei­ne Pfei­le Men­schen tra­fen, wur­de de­ren Lei­den­schaft ge­weckt.“

„Igitt, ist das nicht ein biss­chen per­vers, wenn ein Gott der Lei­den­schaft wie ein Ba­by aus­sieht?“, frag­te Jim­my.

Ich lach­te, aber Rick warf mir ei­nen bö­sen Blick zu.

„Wuss­tet ihr, dass er sei­ne Pfei­le in Ho­nig ge­taucht hat?“

„Kann ich nicht be­haup­ten. Nein.“„Ich wuss­te nicht ein­mal, wer Cu­pi­do über­haupt ist“, ge­stand Jim­my.

„Doch, er tauch­te sei­ne Pfei­le in Ho­nig, den er vor­her ge­klaut hat­te“, sag­te Rick und streck­te sich, dass der Stuhl quietsch­te.

Wir muss­ten we­gen des lau­ten Ge­räuschs grin­sen, Rick je­doch nicht. Er woll­te wei­ter­erzäh­len.

„Die­ses Ba­by hat den Bie­nen al­so ein­fach den Ho­nig ge­klaut. Gan­ze Bie­nen­kör­be hat Cu­pi­do mit­ge­nom­men. Bis zu je­nem Tag …“Er mach­te ei­ne Kunst­pau­se. „Bis zu je­nem Tag, an dem die Bie­nen ge­nug be­ka­men und ihn at­ta­ckier­ten.“Er ließ die Wor­te in der Luft hän­gen. „Und Cu­pi­do war na­tür­lich split­ter­fa­ser­nackt, wie es die Göt­ter zu der Zeit ger­ne wa­ren. Er wur­de über­all ge­sto­chen. Und wenn ich über­all sa­ge, mei­ne ich wirk­lich über­all.“

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