De­mo­kra­tie lebt vom Kom­pro­miss

ANA­LY­SE Der po­li­ti­sche Kom­pro­miss ist aus der Mo­de ge­kom­men. Die rechts­po­pu­lis­ti­sche Af D lehnt ihn ab. Schuld sind aber auch Po­li­ti­ker, die ihn durch Kuh­han­del in Ver­ruf brin­gen. Ei­ne ge­fähr­li­che Ent­wick­lung.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - STIMME DES WESTENS - VON EVA QUAD­BECK

Es ist be­stimmt kein Zu­fall, dass ei­ner der Grün­der­vä­ter der Eu­ro­päi­schen Uni­on ei­ne eben­so ein­gän­gi­ge wie ori­gi­nel­le De­fi­ni­ti­on für den Be­griff Kom­pro­miss ge­fun­den hat: „Der Kom­pro­miss“, so for­mu­lier­te einst der bel­gi­sche Staats­mann Paul Henri Spaak, „ist die Kunst, ei­ne Tor­te so auf­zu­tei­len, dass je­der glaubt, das größ­te Stück zu ha­ben.“Es gibt wohl kaum ei­ne an­de­re Ge­mein­schaft auf der Welt, in der die Not­wen­dig­keit von Kom­pro­mis­sen und der stän­di­ge Auf­ruhr um das Tei­len der Tor­te so groß ist wie in der Eu­ro­päi­schen Uni­on. Doch ge­nau die­ser Um­stand ist auch Teil der der­zeit so schwie­ri­gen La­ge der EU: Der Kom­pro­miss ist aus der Mo­de ge­kom­men. Da­bei ist er schon die Es­ka­la­ti­ons­stu­fe, wenn sich ein Kon­sens nicht her­stel­len lässt.

Der po­li­ti­sche Kom­pro­miss ist in Ver­ruf ge­ra­ten – meis­tens wird er nur noch mit den Zu­sät­zen „fau­ler“, „halb­ga­rer“oder auch „schlech­ter“ver­se­hen. Da­bei ist der Kom­pro­miss das Le­bens­eli­xier der De­mo­kra­tie. Ri­go­ro­si­tät, Ra­di­ka­li­tät und Un­ter­drü­ckung der An­ders­den­ken­den ist nur et­was für Au­to­kra­ti­en und Dik­ta­tu­ren. Die De­mo­kra­tie braucht den Aus­gleich. Die Wei­ma­rer Re­pu­blik ist auch schon dar­an ge­schei­tert, dass ih­re Ver­tre­ter nicht mehr zum Kom­pro­miss fä­hig wa­ren – ein Schlüs­sel­mo­ment der Ge­schich­te ist hier das Schei­tern des Ka­bi­netts Mül­ler 1930 im Streit um ei­nen Vier­tel­pro­zent­punkt Bei­trags­satz für die Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung. Der His­to­ri­ker Hein­rich Au­gust Wink­ler be­schreibt die Zä­sur wie folgt: „Im Rück­blick gibt es kei­nen Zwei­fel, dass an die­sem Tag die Zeit re­la­ti­ver Sta­bi­li­tät de­fi­ni­tiv zu En­de ging und die Auf­lö­sungs­pha­se der ers­ten deut­schen De­mo­kra­tie be­gann.“

Es gibt ein paar gu­te Grün­de, war­um man im Jahr 2019 des Kom­pro­mis­ses mü­de ist. In den ver­gan­ge­nen 14 Jah­ren wur­de Deutsch­land zehn Jah­re

lang von ei­ner mitt­ler­wei­le nicht mehr so gro­ßen Ko­ali­ti­on ge­führt. Ein sol­ches Bünd­nis ist ei­ne Art regierende­r Kom­pro­miss. Wenn sich zwei Volks­par­tei­en zu­sam­men­schlie­ßen, ha­ben sie den An­spruch und le­ben mit der Er­war­tungs­hal­tung, es ein­fach al­len recht ma­chen zu müs­sen. Das kann dau­er­haft nicht funk­tio­nie­ren.

Den klas­si­schen po­li­ti­schen Kom­pro­miss darf man auch nicht mit ei­nem Kuh­han­del ver­wech­seln. Ein ak­tu­el­les Ne­ga­tiv­bei­spiel aus die­sem Jahr: Die Be­set­zung des Pos­tens des EU-KOM­mis­si­ons­chefs. Zur Er­in­ne­rung: Für den Job wa­ren im eu­ro­pa­wei­ten Wahl­kampf der CSU-PO­LI­ti­ker Man­fred We­ber und der nie­der­län­di­sche So­zi­al­de­mo­krat Frans Tim­mer­m­ans an­ge­tre­ten. We­ber aber woll­te der fran­zö­si­sche Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron nicht als Kom­mis­si­ons­chef ak­zep­tie­ren, Tim­mer­m­ans wie­der­um konn­te kei­ne Mehr­heit im Par­la­ment er­zie­len. Al­so zau­ber­te Ma­cron als Al­ter­na­ti­ve zu We­ber die deut­sche Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ur­su­la von der Ley­en aus dem Hut. Da­mit bleibt die Eu-füh­rung bei der EVP und in deut­schen Hän­den. Von der Ley­ens Wahl ist da­mit das klas­si­sche Er­geb­nis ei­nes po­li­ti­schen Kuh­han­dels. Un­ab­hän­gig da­von, dass sie als Eu-kom­mis­si­ons­che­fin ei­nen gu­ten Job ma­chen könn­te, brin­gen sol­che Ge­schäf­te die Tu­gend des po­li­ti­schen Kom­pro­mis­ses in Ver­ruf und frus­trie­ren die Bür­ger.

Manch­mal sind die Fron­ten so hart, dass es ei­nes Mo­de­ra­tors oder Me­dia­tors be­darf, um noch zu ei­nem Kom­pro­miss zu kom­men. Man kennt das zum Bei­spiel von Ta­rif­ver­hand­lun­gen. Oft geht es nicht nur um die letz­ten Stel­len hin­ter dem Kom­ma, son­dern auch dar­um, dass al­le Be­tei­lig­ten ihr Ge­sicht wah­ren und den Rück­halt der ei­ge­nen Leu­te nicht ver­lie­ren. Bei­spiel Stutt­gart 21. Auf dem Hö­he­punkt der Aus­ein­an­der­set­zun­gen um den neu­en Groß­bahn­hof hol­te man Hei­ner Geiß­ler als Sch­lich­ter zwi­schen Lan­des­re­gie­rung und den Geg­nern des gi­gan­ti­schen Bau­pro­jekts. Geiß­ler, frü­he­rer CDU-GE­NE­ral­se­kre­tär, Vor­den­ker und Qu­er­den­ker, eins­ti­ger kon­ser­va­ti­ver Scharf­ma­cher, spä­te­res Mit­glied der Glo­ba­li­sie­rungs­geg­ner Attac, hat als Sch­lich­ter vor al­lem das Tor­ten­prin­zip be­her­zigt. Al­le ka­men zu Wort, wur­den ernst ge­nom­men, al­len wur­de von ihm höchst­per­sön­lich die Le­vi­ten ge­le­sen. Sein Kom­pro­miss war am En­de recht­lich nicht bin­dend und hat auf den wei­te­ren Bau des Bahn­hofs kei­ne gro­ße Aus­wir­kung. Geiß­ler er­reich­te im Grun­de ge­nom­men nur die An­mu­tung ei­nes Kom­pro­mis­ses. Sei­ne Mis­si­on „Frie­den für Stutt­gart 21“er­füll­te er den­noch weit­ge­hend.

Mit Stutt­gart 21 kam vor knapp zehn Jah­ren auch der Be­griff des Wut­bür­gers auf. Den Wut­bür­ger zeich­net aus, dass er von Kom­pro­mis­sen und Sach­zwän­gen nichts mehr hö­ren will. Er pocht auf sei­nen Stand­punkt – oft aus der Mo­ti­va­ti­on her­aus, den ei­ge­nen Wohl­stand und die ei­ge­nen Le­bens­um­stän­de zu ver­tei­di­gen. Die Po­li­tik stel­len die neu­en Kom­pro­miss-ver­wei­ge­rer vor ei­ne gro­ße Her­aus­for­de­rung. Denn meis­tens ver­tre­ten sie nur Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen. Die Wut­bür­ger von Stutt­gart 21 konn­ten da­mals die Grü­nen in Ba­den-würt­tem­berg ein­sam­meln. Vie­le von ih­nen lan­den aber auch bei der AFD, weil sie den Kom­pro­miss mit an­de­ren Par­tei­en ver­wei­gert.

Die­se Ent­wick­lung ist ge­fähr­lich. Ein po­li­ti­scher Kom­pro­miss be­deu­tet oft ei­ne Zu­mu­tung für al­le Be­tei­lig­ten. Aber die Zu­stim­mung ver­hin­dert, dass sich Grup­pen oder Par­tei­en in ei­ne ra­di­ka­le Hal­tung flüch­ten kön­nen. Die Kom­pro­miss­lo­sig­keit hin­ge­gen führt zur Spal­tung oder Zer­split­te­rung ei­ner Ge­sell­schaft und im schlimms­ten Fall zum Un­ter­gang der De­mo­kra­tie. Denn wenn sich zwei oder meh­re­re Par­tei­en un­ver­söhn­lich ge­gen­über­ste­hen, wie der­zeit in den USA oder Groß­bri­tan­ni­en zu be­ob­ach­ten, be­steht die Ge­fahr, dass sich am En­de die ra­di­ka­len Kräf­te auf bei­den Sei­ten durch­set­zen. Al­so eben ge­ra­de je­ne, die in ih­rer Kom­pro­miss­lo­sig­keit be­son­ders do­mi­nant auf­tre­ten.

Kom­pro­miss­lo­sig­keit führt zur Spal­tung der Ge­sell­schaft und im schlimms­ten Fall zum Un­ter­gang der De­mo­kra­tie

RP-KA­RI­KA­TUR: NIK EBERT

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