Kir­chen­recht­ler: Erz­bis­tum Köln han­delt „dra­ko­nisch“

Dem Pfar­rer, dem se­xu­el­le Be­läs­ti­gung vor­ge­wor­fen wird, droht die Amts­ent­he­bung. In letz­ter In­stanz ent­schei­det Rom.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - VORDERSEIT­E - VON LOTHAR SCHRÖ­DER

DÜS­SEL­DORF (los) Das Vor­ge­hen des Köl­ner Erz­bis­tums, den Düs­sel­dor­fer Stadt­de­chan­ten Ul­rich Hen­nes sei­nes Am­tes als Pfar­rer zu ent­he­ben, stößt bei Kir­chen­recht­lern auf Un­ver­ständ­nis. Zwar wä­ren se­xu­el­le Hand­lun­gen mit ei­nem 20-Jäh­ri­gen – wie sie Hen­nes vor­ge­wor­fen wer­den – ein kla­rer Ver­stoß ge­gen das Zö­li­bats­ge­bot. Den­noch sei dies ein „un­ge­wohnt dra­ko­ni­sches Vor­ge­hen“, wie der Müns­te­ra­ner Kir­chen­recht­ler Tho­mas Schül­ler un­se­rer Re­dak­ti­on er­klär­te. Die meis­ten Bi­schö­fe wür­den in die­sen Fäl­len dar­auf mit ei­nem erns­ten Ge­spräch re­agie­ren und geist­li­che Exer­zi­ti­en an­ord­nen. Ver­let­zun­gen des Zö­li­bats­ge­bots ge­sche­hen je­den Tag welt­weit, so Schül­ler. Und: „Wür­den al­le Köl­ner Pries­ter, die ver­mut­lich ih­re Se­xua­li­tät le­ben, des Am­tes ent­ho­ben wer­den, hät­te das Bis­tum kaum noch Seel­sor­ger.“

Im vor­lie­gen­den Fall soll der Pries­ter nach An­ga­ben des Bis­tums 2001 die „seel­sor­ge­ri­sche Not­la­ge“ei­nes 20-jäh­ri­gen Man­nes se­xu­ell aus­ge­nutzt ha­ben. Stadt­de­chant Hen­nes be­strei­tet das. Sein An­walt ließ ges­tern er­klä­ren, dass bei­de le­dig­lich mit­ein­an­der ge­kocht hät­ten.

Nach gel­ten­dem Kir­chen­recht müs­sen jetzt Pfarr­kon­sul­to­ren die Ent­schei­dung des Erz­bi­schofs be­stä­ti­gen. Soll­te es dann zur Amts­ent­he­bung kom­men und Hen­nes da­ge­gen kla­gen, wür­de der Fall der Kle­rus­kon­gre­ga­ti­on in Rom vor­ge­legt. Zu de­ren Mit­glie­dern zählt auch Kar­di­nal Wo­el­ki.

KÖLN/DÜS­SEL­DORF Es schien ein Tag der Scha­dens­be­gren­zung zu sein: Ges­tern Mor­gen emp­fing der Erz­bi­schof von Köln, Rai­ner Ma­ria Kar­di­nal Wo­el­ki, den Tags zu­vor „ge­schass­ten“Düs­sel­dor­fer Pfar­rers Ul­rich Hen­nes. Am Abend traf dann in der Lan­des­haupt­stadt Weih­bi­schof Do­mi­ni­kus Schwa­der­lapp den Kir­chen­vor­stand von St. Lam­ber­tus, der Pfar­re von Hen­nes.

Doch so schnell schei­nen sich die dunk­len Wol­ken über dem Erz­bis­tum nicht ver­scheu­chen zu las­sen. Zu lan­ge schon be­wegt die Men­schen der „Fall Hen­nes“, zu un­durch­sich­tig sind die Grün­de bis heu­te ge­blie­ben. Al­lein die kar­ge Fak­ten­la­ge hin­ter­lässt Fra­gen: Seit dem 19. März ist Hen­nes be­ur­laubt. Grund ist der Vor­wurf der se­xu­el­len Be­läs­ti­gung ei­nes 20-jäh­ri­gen Man­nes 2001. Erst prüf­te die Staats­an­walt­schaft den Vor­gang und stell­te das Ver­fah­ren ein. Dann wur­de mit dem Pa­der­bor­ner Theo­lo­gen Rüdiger Alt­haus ein un­ab­hän­gi­ger kirch­li­cher Gut­ach­ter be­auf­tragt, der Hen­nes eben­falls ent­las­te­te. Ei­ge­ne Re­cher­chen des Erz­bis­tums ka­men zu ei­nem an­de­ren Er­geb­nis. Da­nach soll Hen­nes da­mals die seel­sor­ge­ri­sche Not­la­ge des jun­gen Man­nes se­xu­ell aus­ge­nutzt ha­ben. Der Köl­ner Erz­bi­schof hat Hen­nes am Mitt­woch vom Amt des Stadt­de­chan­ten ent­bun­den und dar­über hin­aus ein Ver­fah­ren zur Amts­ent­he­bung als Pfar­rer ein­ge­lei­tet.

Das Alt­haus-gut­ach­ten ha­be „of­fen­bar das fal­sche Er­geb­nis“ge­bracht, sag­te ges­tern Pe­ter Sch­na­ten­berg un­se­rer Re­dak­ti­on. Und: „Mir scheint, dass Köln un­be­dingt Grün­de brauch­te, um Ul­rich Hen­nes bö­se er­schei­nen zu las­sen, um ihn als Pfar­rer ent­las­sen zu kön­nen. Die Schil­de­rung der se­xu­el­len Be­läs­ti­gung stam­me „aus dem Reich der Phan­ta­sie und ist nicht wahr. Wahr ist, die bei­den Män­ner ha­ben ge­mein­sam ge­kocht, mehr nicht!“

Recht­lich wol­le man nach Sch­na­ten­bergs Wor­ten nun ge­gen drei Din­ge vor­ge­hen: ge­gen ei­ne Amts­ent­he­bung als Pfar­rer, ge­gen ei­ne Ent­pflich­tung als Stadt­de­chant, vor al­lem „ge­gen das Ze­le­bra­ti­ons­ver­bot, das ist nach ka­no­ni­schem Recht näm­lich nur als Straf­maß­nah­me vor­ge­se­hen und war von An­fang an un­recht­mä­ßig.“

Wäh­rend der Zeit der Su­s­pen­die­rung darf Hen­nes nach An­ga­ben des Müns­te­ra­ner Kir­chen­recht­lers Tho­mas Schül­ler sei­ne Wei­he­ge­walt nicht aus­üben. Al­ler­dings nach Ab­schluss des Ver­fah­rens, selbst wenn Hen­nes sei­nes Am­tes als Pfar­rer ent­ho­ben wur­de. Er dürf­te al­so wei­ter­hin Got­tes­diens­te fei­ern. Auch in fi­nan­zi­el­ler Hin­sicht wird es kei­ne Än­de­rung ge­ben. Der Kar­di­nal kann im Fall der Amts­ent­he­bung ihn in den vor­zei­ti­gen Ru­he­stand ver­set­zen und zahlt ihm dann sei­ne Pen­si­on. „Kar­di­nal Wo­el­ki muss für den Pfar­rer sor­gen, er bleibt le­bens­lang Ali­men­ta­ti­ons-ver­pflich­tet“, so Schül­ler. Denk­bar wä­re aber auch, dass Hen­nes in ei­ner an­de­ren Diö­ze­se un­ter­kommt, dies aber nur mit Ge­neh­mi­gung des Kar­di­nals. So et­was kä­me nach den Wor­ten des Kir­chen­recht­lers ge­le­gent­lich vor.

In ei­nem Brief an Kar­di­nal Wo­el­ki bat am Mon­tag der Düs­sel­dor­fer Ober­bür­ger­meis­ter Tho­mas Gei­sel dar­um, „das Ver­fah­ren ge­gen Ul­rich Hen­nes nun­mehr zeit­nah zum Ab­schluss“zu brin­gen – mit „sei­ner voll­stän­di­gen Re­ha­bi­li­ta­ti­on“. Da­nach sieht es der­zeit nicht aus, und schon gar nicht nach ei­ner schnel­len Lö­sung. Soll­ten die so­ge­nann­ten Pfarr­kon­sul­to­ren die Amts­ent­he­bung be­stä­ti­gen, müss­te Ul­rich Hen­nes ei­ne Ver­wal­tungs­be­schwer­de bei der Kle­rus­kon­gre­ga­ti­on in Rom ein­le­gen. Die prüft den Fall dann erneut – mit heimischer Be­tei­li­gung: Kar­di­nal Wo­el­ki ist Mit­glied der Kon­gre­ga­ti­on, wie es zu­vor schon sein erz­bi­schöf­li­cher Vor­gän

ger, Joa­chim Kar­di­nal Meis­ner, ge­we­sen ist.

Das ganz Ver­fah­ren dürf­te fast ein Jahr dau­ern. In die­ser Zeit blie­be Hen­nes sus­pen­diert. Es dürf­te aber auch kein an­de­rer Pfar­rer auf sei­ne Stel­le be­ru­fen wer­den, son­dern nur ein Pfarr­ver­wal­ter. Die Ge­mein­de von St. Lam­ber­tus wird län­ge­re Zeit al­so ver­waist blei­ben.

So kom­plex das Ver­fah­ren zur Amts­ent­he­bung als Pfar­rer ist, so leicht ist die Amts­ent­bin­dung von Hen­nes als Stadt­de­chan­ten. Die­se kann Kar­di­nal Wo­el­ki so­gar oh­ne An­ga­ben von Grün­den voll­zie­hen. Nach all den er­reg­ten De­bat­ten, die es seit Mo­na­ten um Fall gab und gibt, wä­re ein Rück­kehr als Stadt­de­chant oh­ne­hin schwer vor­stell­bar.

Für vie­le in der Stadt und im Bis­tum blei­ben die Vor­gän­ge um Ul­rich Hen­nes schwer ver­ständ­lich. Dies vor al­lem nach der straf­recht­li­chen und kir­chen­recht­li­chen Ent­las­tung. Von ei­nem „Frei­spruch ers­ter Klas­se“spricht Ober­bür­ger­meis­ter Gei­sel.

FO­TO: IMA­GO

Dunk­le Wol­ken über den Turm­spit­zen des Köl­ner Doms.

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