Auf der Su­che nach dem Va­ter im All

„Ad As­tra“von Ja­mes Gray ist ein vi­su­ell be­ein­dru­cken­des Welt­raum-aben­teu­er mit ei­nem prä­zi­se agie­ren­den Brad Pitt.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - KINO - VON MA­RI­ON MEY­ER

Auf der dunk­len Sei­te des Mon­des kommt es zu ei­ner über­ra­schen­den Ver­fol­gungs­jagd. As­tro­naut Ray Mcb­ri­de (Brad Pitt) und sein Team wer­den ge­jagt von ei­ner Hor­de Space-cow­boys in schnel­len Mon­d­au­tos. Die Wa­gen ra­sen über Mond­hü­gel, das al­les in Dun­kel­heit und fast oh­ne Ge­räu­sche. Laut­los im Wel­tall. Die Sze­ne er­in­nert an „Mad Max Fu­ry Road“, gleich­zei­tig hat man so et­was noch nie ge­se­hen. Atem­be­rau­bend. Re­gis­seur Ja­mes Gray, der sonst eher für Ar­thouse-pro­duk­tio­nen und me­lan­cho­li­sche Mi­lieu­stu­di­en („Litt­le Odes­sa“, „Zwei Lie­ben­de“) be­kannt ist, schwelgt in Welt­raum­vi­sio­nen und schafft es, dem Gen­re neue Sei­ten ab­zu­ge­win­nen.

Denn trotz al­ler be­ein­dru­cken­der Bil­der und äu­ße­ren Hand­lung ist „Ad As­tra“eher ei­ne in­ti­me In­nen­schau, ei­ne me­lan­cho­li­sche Rei­se ins Herz der Fins­ter­nis, ei­ne über­höh­te Me­di­ta­ti­on über das, was den Men­schen aus­macht, fast nur in in­ne­ren Mo­no­lo­gen der Haupt­fi­gur Ray ge­spie­gelt.

Rays Va­ter Clif­ford Mcb­ri­de ( Tom­my Lee Jo­nes) war eben­falls As­tro­naut, ei­ne Ko­riphäe auf sei­nem Ge­biet. Auf der Su­che nach in­tel­li­gen­tem Le­ben ist er vor 29 Jah­ren ver­schwun­den. Doch nun gibt es neue Le­bens­zei­chen des Ei­gen­bröt­lers, die auf nichts Gu­tes schlie­ßen las­sen, denn die Zahl der elek­tro­ma­gne­ti­schen Stür­me auf der Er­de nimmt zu. Ray soll ihn su­chen. Der Film spielt in ei­ner gar nicht so ent­fern­ten Zu­kunft. Es gibt kom­mer­zi­el­le Mond­fahr­ten, die wie Mit­tel­stre­cken­flü­ge an­mu­ten. Auf der hel­len Sei­te des Him­mels­kör­per hat sich ei­ne Mall an­ge­sie­delt mit Fi­lia­lis­ten und Fast-food-shops.

Brad Pitt spielt ei­nen Ein­zel­kämp­fer, des­sen Puls nie über 80 steigt, völ­lig zu­rück­ge­nom­men als trau­ri­gen, in­tro­ver­tier­ten Mann, der mit sei­ner Be­zie­hungs­lo­sig­keit ha­dert. Denn das ein­zi­ge, was er nicht in den Griff be­kommt, sind sei­ne Ge­füh­le. Stän­dig re­flek­tiert er sein schwie­ri­ges Ver­hält­nis zu dem ab­we­sen­den Va­ter, aber auch das zu sei­ner ihm ent­frem­de­ten Frau, die in nur we­ni­gen Se­quen­zen in der Rück­schau von Liv Ty­ler ge­spielt wird.

Über­haupt sind Frau­en in die­sem Film un­ter­re­prä­sen­tiert. Selbst Ruth Neg­ga als weib­li­cher Com­man­der auf der Mond­sta­ti­on blei­ben nur we­ni­ge Sze­nen. Do­nald Su­ther­land als al­tern­der As­tro­naut, der Ray zu­nächst be­glei­ten soll, wirkt eher halb­her­zig in das Dreh­buch hin­ein­ge­schrie­ben. Denn meis­tens steht Brad Pitt im Mit­tel­punkt. Er trägt den Film mit Leich­tig­keit.

Die Ka­me­ra von Hoy­te van Hoy­te­ma („Dun­kirk“) ruht auf Rays Ge­sicht, ver­zeich­net je­de Ge­fühls­re­gung die­ses fast schon au­tis­ti­schen As­tro­nau­ten. Dann wie­der be­herr­schen über­wäl­ti­gen­de Auf­nah­men des Wel­talls den Film. Der nie­der­län­di­sche Ka­me­ra­mann hat sich von ech­ten Fo­tos der Apol­lo-mis­sio­nen in­spi­rie­ren las­sen und sie mit un­wirk­lich schö­nen Vi­sio­nen ei­nes Wel­talls, wie man es sich vor­stellt, ge­mischt. Man­che Sze­nen und Ein­stel­lun­gen er­in­nern an den Os­car-ge­win­ner „Gra­vi­ty“, an­de­re an „In­ter­stel­lar“, und „Ad As­tra“kann sich mit bei­den durch­aus mes­sen.

Ac­tion kommt hier nur wohl­do­siert zum Ein­satz – und meis­tens über­ra­schend. Der Film be­ginnt mit ei­nem spek­ta­ku­lä­ren Ab­sturz aus der Stra­to­sphä­re. Dann wie­der gibt es alp­traum­haf­te Be­geg­nun­gen und Kämp­fe in der Schwe­re­lo­sig­keit des Raum­schiffs, cho­reo­gra­fiert wie ein flie­ßen­des Bal­lett, wo­bei die Bru­ta­li­tät trotz­dem spür­bar wird. Max Rich­ters ge­nia­ler Sound­track be­glei­tet den Film fast durch­ge­hend und ver­stärkt die hyp­no­ti­sche Wir­kung der Bil­der.

Brad Pitt hat den Film mit­pro­du­ziert und ge­mein­sam mit Ja­mes Gray in vie­len Ge­sprä­chen ent­wi­ckelt, wie bei­de beim Film­fes­ti­val in Venedig be­rich­te­ten. Da­bei schafft die Re­gie ei­ne in­ter­es­san­te Mi­schung aus äu­ße­rer Hand­lung und kon­se­quen­ter In­nen­schau. Gray ha­be sich in­spi­rie­ren las­sen von „Mo­by Dick“und Jo­seph Con­rads „Rei­se ins Herz der Fins­ter­nis“, sagt er. Va­ter Mcb­ri­de, der lan­ge Zeit nur in schlech­ten Über­tra­gun­gen aus dem All durch den Film flirrt, ist of­fen­bar über die Jah­re in der Ein­sam­keit ver­rückt ge­wor­den. Wie die Fi­gur Co­lo­nel Kurtz aus „Apo­ka­lyp­se Now“, der wie­der­um auf Con­rads „Herz der Fins­ter­nis“ba­siert, steht er für das dunk­le Un­be­kann­te in je­dem von uns. Gray ver­ar­bei­tet vie­le My­then und ver­dich­tet sie zu ei­nem Stück ar­che­ty­pi­scher Mensch­heits­ge­schich­te, die in gro­ßen Tei­len packt und mit sei­nen phi­lo­so­phi­schen An­re­gun­gen nach­denk­lich stimmt.

Ob­wohl Gray so kon­se­quent bei sei­nem Ton bleibt, wirkt das En­de et­was zu ver­söhn­lich und an­ge­passt an den Mas­sen­ge­schmack. Die Quint­es­senz bleibt: Das Frem­de muss man nicht im Wel­tall su­chen, son­dern es be­fin­det sich in uns selbst.

Ad As­tra, USA 2019 – Re­gie: Ja­mes Gray, mit Brad Pitt, Tom­my Lee Jo­nes, Ruth Neg­ga, Liv Ty­ler, Do­nald Su­ther­land, 116 Min.

FO­TO: AP

Rei­se auf die dunk­le Sei­te des Mon­des: Brad Pitt in „Ad As­tra“.

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