Ruhr­tri­en­na­le: Die Schre­cken der Ko­lo­ni­al­zeit

Die Ruhr­tri­en­na­le zeig­te kürz­lich Éric Vuil­lards Er­zäh­lung „Kon­go“. Ein ge­lun­ge­nes Lehr­stück. Das Fes­ti­val läuft noch bis 29. Sep­tem­ber.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - DIE GUTE ADRESSE IN LHRER NÄHE -

Das Stück „Con­go“des Cho­reo­gra­phen und Re­gis­seurs Faus­tin Li­ny­e­ku­la ist mehr le­ben­di­ge Ge­schichts­stun­de als Thea­ter-per­for­mance. Spär­lich ein­ge­setz­te Re­qui­si­ten und ei­ne re­du­zier­te, aber wir­kungs­vol­le Kom­po­si­ti­on aus Licht und Ton die­nen bei der Deut­schen Erst­auf­füh­rung im Pro­gramm der Ruhr­tri­en­na­le im Duis­bur­ger Land­schafts­park-nord al­lein da­zu, den Schre­cken der Ko­lo­ni­al­zeit deut­lich zu ma­chen.

In Be­richt der Ver­ein­ten Na­tio­nen las der kon­go­le­si­sche Cho­reo­graph, dass zwei Pro­zent der Ju­gend­li­chen, die in Bel­gi­en die Ober­stu­fe ab­schlie­ßen, nicht ein­mal wis­sen, dass der Kon­go ei­ne bel­gi­sche Ko­lo­nie war. Die Zahl der Deut­schen, die wis­sen, dass die Auf­tei­lung Afri­kas un­ter den eu­ro­päi­schen Ko­lo­ni­al­mäch­ten bei der von Reichs­kanz­ler Bis­marck or­ga­ni­sier­ten Kon­go­kon­fe­renz in Ber­lin 1884 ih­ren Aus­gang nahm, wird noch ge­rin­ger sein. Li­ny­e­ku­la sieht dar­in „ein Zei­chen da­für, dass es an der Zeit ist, die­se Ge­schich­te zu hö­ren, lei­den­schafts­los“. Der Zu­schau­er be­geg­net auf der kar­gen Büh­ne der Ge­blä­se­hal­le so kei­nen kon­kre­ten Fi­gu­ren, die durch ih­re Le­bens­ge­schich­te an­rüh­ren. Der aus dem Kon­go stam­men­de Mo­an­da Dad­dy Ka­mo­no ist ei­ne Art Sprach­rohr für Éric Vuil­lards Er­zäh­lung „Kon­go“, die von der bru­ta­len Ko­lo­ni­al­zeit er­zählt, ge­schicht­li­che Da­ten lie­fert und Bio­gra­phi­en zum Bei­spiel des eng­li­schen Aben­teu­rers Hen­ry Mor­ton St­an­ley, der für den bel­gi­schen Kö­nig Leo­pold II. den Kon­go „kau­fen“und die­ses Ge­schäft durch Aus­beu­tung sei­ner Rohstoffe lu­kra­tiv ma­chen soll­te.

Der Schau­spie­ler er­zählt vom Wü­ten der eu­ro­päi­schen Ko­lo­nia­lis­ten ein­dring­lich und dau­er­haft er­regt. Mehr Zwi­schen­tö­ne hät­ten sei­nem Vor­trag si­cher gut ge­tan. Dass sich die Zu­hö­rer die­ser rea­len Gräu­el­ge­schich­te trotz­dem nicht ver­schlie­ßen, liegt dar­an, dass sie von den an­de­ren bei­den Be­tei­lig­ten im­mer wie­der auf ge­lun­ge­ne Art und Wei­se auf­ge­bro­chen wird: Faus­tin Li­ny­e­ku­la tanzt ei­ni­ge be­rü­cken­de So­li, die vom in die En­ge ge­trie­be­nen, zer­ris­se­nen Men­schen kün­den. Von ei­nem Men­schen, der sich in sei­nem schwar­zen Kör­per nicht mehr wohl­fühlt, den die wei­ßen Ein­dring­lin­ge zum „an­de­ren“ma­chen, zum nicht ganz mensch­li­chen, halb-ani­ma­li­schen.

Pas­co Lo­son­ga­nya, de­ren mit wei­ßer Far­be be­mal­ter Kör­per für den zer­split­ter­ten, will­kür­lich auf­ge­teil­ten Kon­ti­nent steht, singt Lie­der aus kon­go­le­si­schen Dör­fern, in de­nen Kin­der leb­ten, de­nen von Ko­lo­nis­ten die Hän­de ab­ge­schla­gen wur­den, weil sie nicht ge­nug Kaut­schuk lie­fer­ten. Zu­sam­men mit Field-re­cor­dings und kla­ren Licht­set­zun­gen er­gibt al­les ei­ne ge­lun­ge­ne Kon­go-par­ti­tur, die vor al­lem ei­ne Lek­ti­on ist, die man nicht so schnell ver­ges­sen wird.

En­ga­gier­te Er­zäh­ler: die Darstel­ler des Stü­ckes Con­go bei der Ruhr­tri­en­na­le.

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