Das spricht ge­gen Hun­de-hals­bän­der

Für vie­le Hun­de­ex­per­ten ist ein Brust­ge­schirr die bes­se­re Al­ter­na­ti­ve zum Hals­band. Es schont den emp­find­li­chen Hals­be­reich des Hun­des – und es kann hel­fen, un­er­wünsch­tes Ver­hal­ten zu be­kämp­fen.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - AUTO & MOBIL - VON FA­BI­AN BUSCH

Wenn Clau­dia Tat­zel ein neu­es Mensch-hund-ge­spann zum Erst­ge­spräch trifft, stellt sie ei­ne Be­din­gung: Falls das noch nicht der Fall ist, muss der Hal­ter die Lei­ne an ei­nem Brust­ge­schirr be­fes­ti­gen – und nicht an ei­nem Hals­band. Nur dann ist die Hun­de­trai­ne­rin aus dem pfäl­zi­schen Haß­loch be­reit, mit dem Vier­bei­ner und sei­nen Be­sit­zern zu ar­bei­ten.

Brust­ge­schir­re für Hun­de sind meis­tens aus Ny­lon oder Le­der, ih­re Gur­te lau­fen um die Brust und den vor­de­ren Bauch des Hun­des und auf sei­nem Rü­cken zu­sam­men. Doch auch wenn im­mer mehr Hal­ter zu so ei­nem Ge­schirr grei­fen: Das Stra­ßen­bild wird wei­ter­hin vom Hals­band do­mi­niert. Clau­dia Tat­zel aber ist über­zeugt: Das Zer­ren am Hals­band scha­det der Er­zie­hung des Hun­des und kann sei­ne Ge­sund­heit ge­fähr­den. „Die Hals­zo­ne ist nicht nur bei Men­schen, son­dern auch bei Hun­den sehr sen­si­bel. Ein Zer­ren oder Drü­cken dort ist im­mer un­an­ge­nehm“, sagt sie.

Be­son­ders ge­fähr­lich: Hun­de ler­nen über Ver­knüp­fun­gen, er­klärt Tat­zel. Sieht ein Tier zum Bei­spiel ei­nen Jog­ger oder ei­nen an­de­ren Hund und wird es gleich­zei­tig über Lei­ne und Hals­band zu­rück­ge­ris­sen, ver­bin­det es den Schmerz­reiz wo­mög­lich mit dem, was es gera­de vor sich hat: mit dem Jog­ger oder dem Hund. Mit der Zeit kön­nen sich die­se Ver­knüp­fun­gen ver­stär­ken. „Das ist ein schlei­chen­der Pro­zess“, sagt Tat­zel.

„Na­tür­lich kann man nicht im­mer al­les auf das Hals­band zu­rück­füh­ren. Aber dass so vie­le Hun­de bel­len und un­er­wünsch­te Ver­hal­tens­wei­sen zei­gen, wenn sie Rei­ze wie Jog­ger oder an­de­re Hun­de se­hen, hängt si­cher auch da­mit zu­sam­men.“Hin­zu kom­me, dass das Hals­band die Kör­per­spra­che des Hun­des ver­än­dern kann: „Wird ein Hund zum Bei­spiel sehr eng am Kör­per rö­chelnd am Hals­band ge­führt, kann er auf an­de­re Hun­de sehr be­droh­lich wir­ken“, er­läu­tert Tat­zel.

Gu­drun Felt­mann-von Schro­eder aus Bay­reuth hat das Ver­hal­ten von Hun­den und ih­re Be­zie­hung zu Men­schen in­ten­siv er­forscht. Aus wis­sen­schaft­li­chem In­ter­es­se zog sie jun­ge Wöl­fe und Din­gos aus ei­nem Tier­park auf. „Bei­de sind to­tal zahm ge­wor­den, und ich bin mir si­cher: Wenn ich ih­nen Hals­bän­der statt Ge­schir­re um­ge­legt hät­te, wä­re nie Ver­trau­en ent­stan­den“, sagt sie.

Ein Hals­band füh­re in der Ver­stän­di­gung zwi­schen Mensch und Hund zu Miss­ver­ständ­nis­sen, ist die Ex­per­tin über­zeugt. Der Ruck am Hals ent­spricht ei­nem Pa­cken und Hal­ten: ei­ne Ges­te, die ein in der Rang­ord­nung hö­her ste­hen­der Hund nur im äu­ßers­ten Not­fall ein­setzt, um ei­nen an­de­ren Hund zur Ru­he zu ru­fen und Re­spekt ein­zu­for­dern. In der Hun­de­kern­fa­mi­lie – Mut­ter, Va­ter und Wel­pen – kommt so ei­ne Ges­te nur sehr sel­ten zum Ein­satz.

Auch in der Fa­mi­lie des Haus­hun­des, zu der sei­ne Men­schen ge­hö­ren, kann die­ses Ru­ckeln am Hals zu fol­gen­schwe­ren Miss­ver­ständ­nis­sen füh­ren. „Dann bin ich in ei­nem Kampf und ar­bei­te mit Angst“, er­klärt Felt­mann-von Schro­eder. Ab­hän­gig von ih­rem in­di­vi­du­el­len Cha­rak­ter könn­ten Hun­de dar­auf sehr un­ter­schied­lich re­agie­ren: „Hun­de, die sich ein­ge­schüch­tert füh­len, wer­den nur noch hin­ter ih­rem Men­schen ge­hen. An­de­re Tie­re wer­den um­so mehr an der Lei­ne zer­ren: weil sie weg wol­len, weil sie dem Druck ent­ge­hen wol­len.“

Die Tier­ärz­tin Pe­tra Sin­dern aus Neu Wulm­storf (Nie­der­sach­sen) rät al­ler­dings, Hun­de so­wohl an ein Ge­schirr als auch an ein Hals­band zu ge­wöh­nen. „Grund­sätz­lich ha­ben bei­de Sys­te­me ih­re Be­rech­ti­gung“, sagt die Vi­ze­prä­si­den­tin des Bun­des­ver­bands prak­ti­zie­ren­der Tier­ärz­te.

Das Zer­ren am Hals­band kön­ne zwar in der Tat Hals­or­ga­ne oder Hals­wir­bel­säu­le schä­di­gen. Ein Ge­schirr wie­der­um kön­ne aber auf lan­gen Spa­zier­gän­gen in den Ach­seln scheu­ern. „Au­ßer­dem kön­nen Ver­let­zun­gen es not­wen­dig ma­chen, dem Hund ei­ne Hals­krau­se um­zu­le­gen“, er­klärt Sin­dern. „Die­se Krau­sen wer­den in der Re­gel am Hals­band be­fes­tigt. Wenn der Hund Hals­bän­der gar nicht kennt, wird das häu­fig schwie­rig.“Auch bei groß­flä­chi­gen Ver­let­zun­gen an Brust und Rü­cken kön­ne es nö­tig sein, den Hund am Hals­band statt an ei­nem Ge­schirr zu füh­ren.

Hun­de­trai­ne­rin Clau­dia Tat­zel be­tont: Das Brust­ge­schirr muss pas­sen. „Der Druck­punkt des vor­de­ren Gur­tes soll­te di­rekt über dem Brust­bein des Hun­des oder et­was dar­un­ter lie­gen. Der hin­te­re Gurt darf nicht zu dicht an den Ach­seln sit­zen – er soll­te aber auch nicht hin­ter dem Rip­pen­bo­gen ver­lau­fen.“Wenn das Ge­schirr falsch sitzt, kann es Schmer­zen be­rei­ten. Des­we­gen sei es wich­tig, die Grö­ße auf den Hund gut ab­zu­stim­men, so Tat­zel. „Man kann es auch re­la­tiv güns­tig maß­an­fer­ti­gen las­sen.“

Im­mer wie­der hört sie die Be­den­ken, der Hund kön­ne mit ei­nem Ge­schirr stär­ker zie­hen. „Es ist rich­tig, dass ein Ge­schirr mehr Auf­la­ge­flä­che bie­tet und der Hund so­mit mehr Kraft hat“, sagt Tat­zel. „Doch wenn ein Hund stark zieht, soll­te der Hal­ter die Er­zie­hung und das Trai­ning über­den­ken, statt ihm über ein Hals­band Schmer­zen zu­zu­fü­gen.“

FO­TO: MAR­KUS SCHOLZ/DPA-TMN

Das Zer­ren am Hals­band scha­det der Er­zie­hung des Hun­des – und kann zu­sätz­lich auch sei­ne Ge­sund­heit ge­fähr­den.

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